Natur - Im baden-württembergischen Mudau wurde kürzlich ein Raubtier gesichtet / Es scheint sich um ein Exemplar zu handeln, das schon länger in der Region unterwegs ist Wolfsrüde fühlt sich im Odenwald wohl

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tom
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Eine Wildkamera hat kürzlich in Mudau im Neckar-Odenwald-Kreis einen Wolf aufgenommen. © Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)

Odenwald. „GW1832m“ ist ein ganz besonderes Exemplar. Denn der Wolfsrüde mit dieser Kennung wanderte nicht von Norden her in den Odenwald ein wie die meisten seiner Kollegen, sondern gehört zur sogenannten Alpenpopulation, die südlich des Hochgebirges in Italien heimisch ist. Im heimischen Mittelgebirge gefällt es ihm scheinbar sehr gut.

Der Wolf aus Ober-Modau ist tot

Bereits mehrfach wurden in der Region Wölfe nachgewiesen. Im Sommer 2017 tauchte nach 150 Jahren der erste Wolf im Odenwald auf. Das Tier wurde bei Wald-Michelbach fotografiert. Im Laufe des Jahres wurden Nutztiere in Oberzent, Mossautal und Erbach gerissen. Ein Wolfsrüde soll verantwortlich sein.

Danach gab es eine Zeit lang keine offiziellen Nachweise oder Sichtungen in Südhessen – bis im April 2020 innerhalb weniger Tage zwei weitere Fotoaufnahmen bei Reichelsheim entstanden. Im darauffolgenden Mai riss ein Wolf mehrere Schafe auf einer Weide bei Lautern.

Bei einem Wolf, der Ende September bei Ober-Modau im Kreis Darmstadt-Dieburg ein Reh riss, handelte es sich nach Angaben des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie um ein Tier aus derselben Population wie jenes, das für die Risse in Lautertal verantwortlich war. Ob es dasselbe Tier ist, ließ sich nicht nachweisen – ebenso wenig, ob es sich um denselben Wolf handelte, der im Oktober bei Fischbachtal von einer Fotofalle aufgenommen wurde.

In jedem Falle ist der Ober-Modauer Wolf mit der Kennung GW1835m ein anderes Tier als jenes, das nun bei Mudau in Baden-Württemberg gesichtet wurde und möglicherweise Träger der Kennung GW1832m ist: GW1835m wurde im Oktober auf einer Bundesstraße bei Bitburg überfahren, wie das rheinland-pfälzische Umweltministerium mitteilte. kbw

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Seit August „offiziell“ genetisch nachgewiesen, gab es bereits seit Juni permanent Sichtungen dieses Wolfs in der Gegend rund ums badische Mudau. „Wäre ich Wolf, würde es mir hier auch gefallen“, schmunzelt Tobias Kuhlmann, Wildtierbeauftragter des Neckar-Odenwald-Kreises. Er bezeichnet den Odenwald als „ideales Habitat“. Deshalb dreht er die Perspektive um: „Warum sind die anderen weitergezogen?“

Ein „Schlaraffenland“

Denn Odenwälder Wolfssichtungen gab es in den vergangenen Jahren schon einige, zuerst in Wald-Michelbach. Die ersten Wolfs-Bilder aus dem Dreiländereck Hessen, Baden-Württemberg und Bayern datieren vom Januar 2020, erläutert Kuhlmann. Allerdings konnte nicht bestätigt werden, dass es sich dabei um dasselbe Tier handelt. Das war erst im August möglich, über aufgefundenen Kot, Speichelproben an gerissenen Tieren und Haare. Die wurden an die Senckenberg-Gesellschaft geschickt und dort zweifelsfrei bestätigt.

Dieses Odenwälder Raubtier war zuvor in Deutschland „noch nicht aktenkundig“, sagt Kuhlmann. Wohl auch deshalb, weil er von Süden her einwanderte und nicht wie die meisten seiner Brüder aus der mitteleuropäischen Flächenpopulation in Brandenburg, Niedersachsen oder Polen stammt. Die Alpenwölfe haben einen speziellen, seltenen „Haplotyp“, mit dem man ihre Herkunft zweifelsfrei identifizieren kann. Es ist typisch, erklärt der Fachmann, „dass junge Rüden ihr Rudel verlassen und auf Wanderschaft gehen“.

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Den Odenwald bezeichnet Kuhlmann fast schon als „Wolfs-Schlaraffenland“. Es gibt eine große zusammenhängende Waldfläche, viel Ruhe, und einen sehr guten Wildbestand. Früher, blickt der Wildtierbeauftragte zurück, waren Wölfe in ganz Deutschland heimisch – aber da war das Land auch noch durchgehend bewaldet. Heutzutage braucht es solche Landschaften wie das hiesige Mittelgebirge.

Das Odenwälder Tier „ist ganz weit weg vom Problemwolf“, betont Kuhlmann. „Es verhält sich absolut natürlich.“ Ihm ist aus dem vergangenen Jahr lediglich die Meldung über drei gerissene Schafe bekannt, für die der Besitzer Erstattung bekam.

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Dazu kamen noch einige Wildtiere, „aber das ist die Natur eines Wolfs“. Auf der badischen Seite wurde das Tier bereits mehrfach nachgewiesen, auch aus Bayern gibt es Meldungen. „Ich gehe davon aus, dass er Hessen ebenfalls schon besucht hat“, meint der Fachmann.

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„Weitere Hinweise sind für uns eine unverzichtbare Hilfe“, bittet er die Bevölkerung um Mithilfe. Denn damit würde man nach einem halben Jahr des kontinuierlichen Nachweises, sprich jetzt, zu einer „Förderkulisse Wolfsgebiet“. Was bedeutet, dass Tierhalter Fördermittel, etwa für Zäune oder Stromgeräte, erhalten.

Warnung vor Panikmache

Vor Kurzem gab es durch eine Wildkamera einen neuen sicheren Wolfsnachweis im badischen Odenwald auf Gemarkung Mudau. Um welches Tier es sich dabei handelt, kann zwar nicht mit letzter Endgültigkeit bestätigt werden, so der Fachmann. Es ist jedoch für ihn wahrscheinlich, dass es der bereits bekannte Wolfsrüde GW1832m ist. „Wölfe sind Rudeltiere“, erläutert Kuhlmann.

„Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer kommt und bleibt“, sagt er. Wenn sich noch ein zweites Tier dazugesellt oder es ein Rudel geben sollte, entsteht seinen Worten zufolge eine völlig neue Situation. „Die muss dann neu bewertet werden.“ Denn damit würde für den Wildtierbeauftragen das jetzige Gleichgewicht ins Kippen geraten.

Für Spaziergänger sieht Kuhlmann keine Gefahr im Wald. Der Wolf verhält sich natürlich, berichtet er, und hat Scheu vor den Menschen. Man sollte aber trotzdem wissen: „Das ist ein Wolf und kein Kuscheltier.“ Deshalb sollte man ihn nicht in die Enge drängen. Sich bemerkbar und Lärm machen, reicht seiner Kenntnis nach aus, „damit der Wolf das Weite sucht“. Wenn jemand mit Hund unterwegs ist, sollte der an der Leine oder zumindest im Einwirkungsgebiet des Halters sein.

Kuhlmann ist ständig mit den Wolfsbeauftragten in Hessen und Bayern im Austausch. Denn das Raubtier kennt natürlich keine Ländergrenzen. Sorgen macht ihm weniger das Tier als die „Wolf-Fake-News“, bestehend aus Panikmache und Wichtigtuerei. Ganz schlimm sieht er die Veröffentlichungen in sozialen Medien. „Das tut der Sache nicht gut“, befürchtet der Wildtierexperte. tom