Naturwald-Projekt Das Angebot ist eine Art Mogelpackung

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Angebot der Wohlleben-Waldakademie:

Die Grünen-Fraktion, angeführt von Frank Maus, hat sich wieder einmal von einem Geldangebot blenden lassen und voreilig festgestellt, jetzt den Stein der Weisen gefunden zu haben. Das Angebot der Wohlleben-Waldakademie, der Gemeinde mit einem Pachtvertrag von 50 Jahren Laufzeit, eine Summe von 1,3 Millionen Euro sofort zu überlassen, wurde von der Grünen-Fraktion naiverweise als eine neue Gelddruckmaschine gesehen.

Auch das Argument, dass der Holzeinschlag weniger erbringen würde als die Pacht von Wohlleben, hinkt derartig, da für die Gemeinde der Holzeinschlag, saldiert nach Kosten, nur einen unwesentlichen Ertragsfaktor hat. Der ungehinderte Zugang für die Bürger zu gemeindeeigenen Waldflächen ist viel wertvoller als eine nur geringe Pacht.

Das Risiko liegt bei der Gemeinde

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Die noch junge Wohlleben-Akademie will eine 100-Hektar-Waldfläche, die sich rechts und links vom Felsenmeer bis nach Beedenkirchen gebildet hat, von der Gemeinde Lautertal auf 50 Jahre pachten und dann stilllegen, das heißt, nach dem sogenannten Urwald-Projekt wird kein Holzeinschlag mehr stattfinden und der Wald mehr oder weniger der Verwilderung ausgesetzt. Für einen Quadratmeter Waldfläche ohne Bewuchs wird der Gemeinde einmalig knapp ein Euro angeboten, was äußerst gering ist.

Wohlleben vermittelt den Eindruck, als Heilsbringer für den Wald tätig zu sein, ist aber realistisch betrachtet rein kommerziell ausgerichtet. Es werden kostenpflichtige Weiterbildungen in verschiedenen Bereich angeboten. Zusätzlich wirbt Wohlleben um Wald-Patenschaften in Form von Spenden sowie eine Reihe von Unternehmen, die Geld für Werbemaßnahmen und Public Relations gezahlt haben.

Der eigentliche Knackpunkt in diesem Angebot liegt in der Vorgehensweise bei der Pacht. Die Wohlleben-Akademie wird nicht die ganze Fläche auf einmal übernehmen wollen, sondern in kleineren Abschnitten von fünf bis zehn Hektar, für diese dann anteilmäßig Geld fließen würde. Sollte das ganze Projekt aber innerhalb von fünf Jahren nicht weiterverpachtet werden können, fällt das Ganze auf null zurück, was bedeutet, die Wohlleben-Akademie wickelt alles wieder ab und die Gemeinde müsste die erhaltenen Zahlungen zurückzahlen.

Ohnehin ist vorgesehen, dass die Gemeinde Lautertal die Betriebs- und Unterhaltungskosten, sowie Wegesicherung und Grundsteuer im Pachtverlauf weiterhin aus der Gemeindekasse bezahlen muss, was die Wohlleben-Vergütung mehr als aufgefressen hätte. Das wirtschaftliche Risiko läge aber 50 Jahre lang allein auf der Seite der Gemeinde.

Eine weitere wichtige Frage, die sich bei diesem Projekt zwingend stellt, ist die Verträglichkeit dieser Pachtabsicht mit dem Touristenansturm im Felsenmeer-Bereich von rund 200 000 Besuchern pro Jahr, der sich nicht allein auf die Felsenmeersteine reduziert, sondern den ganzen Waldbereich betreffen würde. Allein aus dieser Sicht sind dem Vorhaben, ohne viel nachdenken zu müssen, deutliche Grenzen gesetzt.

Die Lautertaler Grünen haben sehr früh zum Angriff auf den vermeintlichen Geldsegen geblasen: Im Artikel „Grüne sehen Wohlleben-Angebot positiv“ (BA vom 12. Januar) schreiben sie: „Wenn das Naturwaldprojekt auf solche ortstypischen Belange konstruktiv eingeht, gibt es keinen sachlichen Grund, das Angebot abzulehnen. Klingt zunächst gut!

In einem Artikel vom 16. Januar informiert dann sogar die Geschwister-Scholl-Schule aus Bensheim, dass aus den Oberstufenklassen Schüler an der Bau- und Umweltausschuss-Sitzung teilnehmen werden. Die Schüler wollten analysieren, wie in Lautertal mit der Zukunft des Klimawandels umgegangen wird. Sie seien gespannt, welche Rolle die verschiedenen Parteien spielen werden.

Wie bei einer Butterfahrt

Das ist im Grunde genommen eine sehr gute Idee, junge Menschen an die gelebte Kommunalpolitik heranzuführen. Welche Absicht dahinter steckt, dürfte jedem klar sein. In der Ausschuss-Sitzung folgte – nach einem im allgemeinen zufriedenstellendem Bericht über die wirtschaftliche und biologische Lage des Gemeindewaldbestandes durch die Revierförster Ralf Schepp und Robin Töngi – ein sehr wissenschaftlicher und äußerst interessanter Vortrag von Dr. Christian Storm, TU Darmstadt, über den nützlichen Verbund der Bäume und Pilze im Wald.

Im letzten Tagesordnungspunkt präsentierte dann Patrick Esser von der Wohlleben-Akademie die Vorgehensweise der Wohlleben-Gruppe. Durch nur wenige Fragen der Ausschuss-Mitglieder kam relativ rasch an die Oberfläche, dass Angebot eine Art Mogelpackung ist, wie sie bei Kaffee- oder Butterfahrten üblich sind. Klar aber ist nun, dass das Pachtangebot nur im günstigsten Fall bei rund 1,3 Millionen Euro betragen würde. Dazu müssten aber noch zuvor alle Waldflächen auf diverse Besonderheiten untersucht und erst weiterverpachtet werden.

Ein Drama verhindert

Dieser Sachstand hätte von der Verwaltung bereits im Vorfeld geklärt werden müssen. Der Ausschuss kam daraufhin zu dem Ergebnis, dass zu diesem Zeitpunkt keine Empfehlung an die Gemeindevertretung zu der Verpachtung ausgesprochen werden kann. Vielmehr werden alle Parteien das Thema Wohlleben-Akademie intern in den Fraktionen weiterdiskutieren und ein Votum abgeben.

Schaut man rund zehn Jahre zurück, so wurde damals von ein und denselben Grünen-Mitgliedern darauf spekuliert, dass die Windkraft eine jährliche Mieteinnahme von 180 000 Euro in die Gemeindekasse spülen wird. Nur wenige Wochen danach hatte sich der Betrag auf nur noch 18 000 Euro reduziert. Windmessungen haben zudem ergeben, dass es in der Gemeinde Lautertal gar keine ausreichende Windhöffigkeit vorhanden ist, um überhaupt den wirtschaftlichen Betrieb von Windkraftanlagen vertretbar darstellen zu lassen.

Letzten Endes ist durch die kluge Umsicht der Bürger und deren Protest der Gemeinde Lautertal aber ein schweres Drama mit tiefgreifenden Folgen für die Waldwirtschaft sowie das finanzielle Desaster für alle Hauseigentümer in Form von massiven Wertverlusten bei Immobilien erspart geblieben. Der Investor hatte daraufhin die Notbremse gezogen und den Bauantrag zurückgezogen.

Es ist unverständlich, dass Grünenpolitiker stets auf „Lockangebote“ und nicht ausgegorene Vorschläge hereinfallen können. Gesunder Menschenverstand hätte hier allein schon genügt, um eine realistischere Einschätzung zu erhalten. Auch diese Schlappe wird für die Grünen-Politiker wieder einmal in der Öffentlichkeit unvergessen bleiben.

Martin Grzebellus

Reichenbach

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