Turnen - Olympiasieger laboriert an Verletzung, die er sich in seiner TV-Karriere bei einem Show-Auftritt zugezogen hatte / Werbe-Dreh in Bensheim Hambüchen turnt auf neuen Wegen

Von 
Eric Horn
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Bensheim. Die Muskulatur im linken Oberschenkel? Fabian Hambüchen schmunzelt. „Die ist weg.“ Anfang Dezember hatte sich der Olympiasieger bei der Aufzeichnung zur Sat1-Show „Catch“ eine schwere Verletzung zugezogen: Riss eines Kreuzbandes, eines Meniskus‘ und eines Außenbandes im linken Knie. Rund sieben Wochen ist die Operation her. Das Gangbild des ehemaligen Weltklasse-Turners ist noch leicht unrund, unter der schwarzen Jogginghose trägt er eine stabilisierende Schiene.

Athletisch präsentiert sich Fabian Hambüchen auch nach seinem Karriere-Ende; das Tattoo an der Hüfte erinnert an seine vier Olympia-Teilnahmen. © Zelinger
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Der Heilungsprozess verläuft gut, erzählt er. Lockeres Radfahren auf dem Hometrainer ist wieder möglich. Sein Trainingsschwerpunkt liegt wegen der Verletzung derzeit auf der Muskulatur des Oberkörpers. Im Keller seines Hauses in Wetzlar ist ein Kraftraum eingerichtet. „Heute Morgen habe ich dort trainiert.“

Am Dienstagabend war der 33-Jährige in Bensheim unterwegs, ein Werbedreh stand an. Hambüchen trägt eine Sport-Orthese (ein Schutz zur Stabilisierung und Entlastung) für den unteren Bereich der Wirbelsäule, entwickelt hat den Stützgürtel das Griesheimer Unternehmen Aspen. Gedreht wird in den Räumlichkeiten des Fitnessstudios Pfitzenmeier. Der Kontakt zwischen Pfitzenmeier und Aspen ist über eine private Schiene zustande gekommen, berichtet Studio-Leiter Daniel Lambor. „Unsere Location bietet die Dimensionen, die Aspen gesucht hat.“

Es ist ziemlich viel los an diesem Abend im Studio, um den Dreh unter Corona-Bedingungen in den Kasten zu bringen. Ein ungewohntes Bild in diesen Tagen. Wegen des Lockdowns ruht der Betrieb in dem Resort. Pfitzenmeier hat ein frei zugängliches Fitness-Programm unter der Überschrift „Winterzauber“ online gestellt. „Wir müssen mit unseren Angeboten rausgehen“, sagt Lambor mit Blick auf den derzeitigen Off-Modus in der Branche. „Das wird auch sehr gut angenommen.“ Winterzauber läuft bis zum 31. Januar, über eine Verlängerung wird nachgedacht.

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In einer Drehpause nimmt sich Fabian Hambüchen Zeit für ein Gespräch mit dieser Zeitung. Die Verletzung? Blöde Geschichte, die ihn genauso geärgert habe wie eine Blessur während seiner aktiven Laufbahn. Unterschied zu früher: Er sieht die ganze Angelegenheit gelassener. „Ich nehme mir die Zeit, um mich ganz auszukurieren.“ Der Druck des nächsten Wettkampfs ist weg. „Ich muss nicht auf den Kalender schauen, wann welche Meisterschaft stattfindet.“

Nach Olympia-Gold am Reck 2016 in Rio beendete er seine internationale Karriere, turnte anschließend eine Saison in der Bundesliga und hängte 2017 die Turnschuhe an den Nagel. Zur Ruhe gekommen ist Fabian Hambüchen seit seinem sportlichen Rückzug lange nicht. Die Terminhatz lief für ihn mit Werbe- und TV-Auftritten (in Shows und als Turn-Experte) nach seinem Erfolg von Rio „gefühlt“ ohne Unterbrechung weiter. Er habe keine Zeit gehabt, sich umzustellen vom Leben eines Turners mit täglich festen Strukturen auf die vermeintlich neuen Freiräume ohne Turnen.

Neue Erfahrungen im Lockdown

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Die Entschleunigung setzte bei ihm erst mit dem ersten Lockdown im März des vergangenen Jahres ein. Das Runterfahren des öffentlichen Lebens bedeutete für ihn ein Weniger an Terminen. „Alle und alles mussten sich neu sortieren.“ Hambüchen nutzte die Zeit, um „wieder zu sich selbst zu finden“, wie er sagt, und Dinge zu tun, die zuvor zu kurz gekommen waren. Er beendete sein Studium „Sport und Leistung“, schrieb seine Bachelor-Arbeit, las viel und hatte Zeit, sich auf neue sportliche Leidenschaft einzulassen: CrossFit. Eine Fitness-Wettkampfform, bei dem Elemente aus verschiedenen Sportarten, etwa Turnen oder Gewichtheben, kombiniert werden.

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Durch das Cross-Fit-Training hat Hambüchen nach eigener Angabe zwischendurch drei bis vier Kilogramm an Muskelmasse zugelegt, wog bei einer Körpergröße von 1,64 Meter 72 Kilogramm. Aktuell steht er verletzungsbedingt bei 68 Kilogramm Körpergewicht – an Oberkörpermuskulatur dürfte er allerdings wenig verloren haben. Relativ neu ist seine Lockdown-geeignete Kurzhaar-Frisur. „Oben ohne“ habe er im Sommer „mal ausprobiert“ und ist dabei geblieben.

Sein sehr, sehr durchtrainierter Oberkörper wird von zwei Tattoos geziert. Am linken Unterbauch sind zur Erinnerung an seine vier Olympiaden die entsprechenden Embleme der Spiele zu einem Gemälde zusammengefasst. Hambüchen hat am Reck das komplette Olympia-Medaillen-Sortiment erturnt: Bronze 2008 in Peking, Silber 2012 in London und Gold 2016 in Rio. Nur in Athen ging er 2004 leer aus.

Die Olympischen Spiele und speziell der Olympiasieg sind sehr präsent in seinem Leben. In seinem heimischen Kraftraum hat er die offiziellen Plakate der vier Olympiaden an der Wand, die Bilder dazu laufen fast bei jedem Training in seinem Kopf ab. Das Gold-Reck aus Rio wurde nach Deutschland verfrachtet und wird heute von seinem Heimatverein in Wetzlar im Turntraining genutzt. Bisweilen schaut Hambüchen vorbei bei diesen Übungsstunden. „Die Kinder finden das klasse, am Olympia-Reck zu turnen.“

Das zweite Tattoo befindet sich im oberen Rückenbereich: ein Gesicht – halb Buddha, halb Tiger. Mit dem Buddhismus ist er bei seinen rund 20 Aufenthalten in Japan intensiver in Berührung gekommen. Für ihn symbolisiert die Buddha-Hälfte die innere Ruhe, die ein Wettkämpfer benötigt. Der Tiger steht für ihn für die Angriffslust und Konzentrationsfähigkeit, die ein Sportler braucht, um im Wettbewerb im richtigen Moment „zubeißen“ zu können.

Mit diesen Eigenschaften möchte sich Fabian Hambüchen zurückkämpfen. Sechs bis acht Monate wird es dauern, bis er sich auf der Cross-Fit-Bühne präsentieren kann. „Ich werde stärker zurückkommen.“

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