Friedhof Mitte - Die jahrelange Debatte um ein würdiges Andenken für Jakob Kindinger sollte nun beendet sein Gedenktafel ergänzt den Ehrenplatz

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Dirk Rosenberger
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Mit einem Ehrenplatz für den Grabstein von Jakob Kindinger und einer Gedenktafel wird auf dem Friedhof Mitte an den NS-Widerstandskämpfer erinnert. © Zelinger

Bensheim. Die jahrelange Diskussion um das Grab des Widerstandskämpfers Jakob Kindinger scheint nun ein Ende gefunden zu haben. Nachdem der Grabstein – wie berichtet – gesichert und entlang einer Mauer am Hauptverbindungsweg auf dem Friedhof Mitte aufgestellt wurde, ergänzt nun seit einiger Zeit eine Gedenktafel den Standort.

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Zu einer kurzen Einweihungsfeier trafen sich kürzlich Vertreter des Magistrats, der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger und des Bensheimer DGB auf dem Friedhof. Bürgermeister Rolf Richter erinnerte an die Debatten im Vorfeld und sprach davon, dass man „einen würdigen Platz für den Grabstein gefunden hat“. Der Rathauschef dankte Alexander Gebhardt, Geschäftsführer des Studios Roth, der die Gestaltung und Anfertigung der Tafel übernommen und als Sachspende zur Verfügung gestellt hat.

Geschichtswerkstatt zufrieden

Erfreut zeigte sich auch Peter E. Kalb von der Geschichtswerkstatt. Er sei sehr zufrieden mit der Lösung, aus dem Schild gehe alles hervor. Als problematisch wertete er, dass die Stadt keine Ehrengrabregelung wie andere Kommunen habe. Ob es allerdings noch einmal einen ähnlich gelagerten Fall geben könnte, müsse man abwarten. Man habe sich deshalb mit dem Stadtarchiv in Verbindung gesetzt.

Kalb betonte, dass man schon frühzeitig Jakob Kindinger in Bensheim gewürdigt habe: mit einer Straße in den Kappesgärten und einem Gedenkstein in der Nähe des Awo-Sozialzentrums. DGB-Vorsitzender Günther Schmidl begrüßte ebenfalls, dass man nun einen guten Platz gefunden habe, um das Andenken zu bewahren.

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Die Gewerkschafter waren es auch, die das Thema überhaupt ins öffentliche Bewusstsein gerückt hatten. Im November 2016 hatte der DGB Bensheim zum 30. Todestag Kindingers auf den schlechten Zustand des Grabs hingewiesen und die Verwaltung aufgefordert, etwas zu unternehmen. Bis 2018 befand sich die Grabstätte noch in Familienbesitz, dann sollte sie abgeräumt werden.

SPD hatte Antrag gestellt

Die SPD-Fraktion wollte per Antrag in der Stadtverordnetenversammlung eine Ehrengrabregelung durchsetzen – es fand sich jedoch keine Mehrheit. Der DGB unter der damaligen Vorsitzenden Jutta Mussong-Löffler monierte, dass es eine Schande sei, wie die Stadt Bensheim mit dem Andenken eines Widerstandskämpfers und Opfers des Nationalsozialmus umgehe. Bemühungen von Seiten der Verwaltung, Kontakt mit möglichen Erben oder Nachlassverwaltern herzustellen, damit diese das Grab pflegen, blieben ohne Erfolg. Letztlich beschloss der Magistrat im November 2017, die Grabstätte der Familie Kindinger zwar abräumen zu lassen, aber gleichzeitig den Grabstein zu sichern. Außerdem wurde der Standort auf dem Friedhof festgelegt, der nun als Ehrenplatz dient. Hier wäre noch Platz für zumindest einen weiteren Grabstein.

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Der aus Lautertal stammende Kindinger (1905 bis 1986) war als Gewerkschafter und Kommunist während der NS-Zeit insgesamt zehn Jahre lang in Haft, davon seit 1938 sieben Jahre im Konzentrationslager Buchenwald. Er bewahrte dort Mithäftlinge vor dem Tod und brachte durch sein mutiges Handeln sich selbst in Gefahr. Weil er sich als Vorarbeiter im Steinbruch weigerte, zwei Mitgefangene zu schlagen, kam er selbst auf den „Bock“ und erhielt 25 Stockhiebe.

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Bewiesen ist unter anderem auch, dass er im April 1945 als Blockältester vier englische Piloten und Emil Carlenbach, später Mitherausgeber der Frankfurter Rundschau, unter den Fußbodenbrettern versteckte und diesen damit das Leben rettete. Nach der Befreiung war Kindinger Gewerkschaftsvorsitzender und Stadtverordneter in Bensheim. 1996 gründete sich die Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger, die sich die Erforschung und Publikation regionaler Zeitgeschichte zum Ziel gesetzt hat. Der Widerstandskämpfer starb nach langer Krankheit im Herbst 1986 und wurde auf dem Friedhof Mitte beigesetzt.

Weil es bereits Nachfragen diesbezüglich gab, erläuterte Bürgermeister Richter beim Ortstermin, dass die Gedenktafel nicht „schief hänge“, sondern „im Wasser liege“. Es sei vielmehr die alte Mauer, die nachvollziehbar nicht wie mit der Wasserwaage gemauert dasteht.

Redaktion