Ein Schutzpatron fürs eigene Haus

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Wer in diesen Tagen der geschlossenen Geschäfte durch die Bensheimer Fußgängerzone geht, nimmt eine ganz andere Stadt wahr als in normalen Zeiten. Es sind nur wenige Menschen unterwegs, dem Auge bietet sich kaum Ablenkung. Viele Geschäfte lassen ihre Schaufensterbeleuchtung ausgeschaltet. So kann der Blick auch einmal nach oben schweifen.

An den Fassaden von einigen alten Häusern in der Bensheimer Innenstadt finden sich Heiligenfiguren – darunter (v.l.) der Heilige Antonius (Marktplatz 21), die Mondsichel-Madonna am Rodensteiner Hof, der Heilige Nepomuk am Hohenecker Hof und der Heilige Josef am Haus Fleck in der Hauptstraße. © Bambach
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Viele alte Fachwerkhäuser vor allem in der unteren Fußgängerzone erzählen mit auf ihren Putz gemalten und geschriebenen Informationen die Geschichte ihrer ehemaligen Nutzung. Die Gebäude dienten als Wohn- und Geschäftshaus wie heute, doch sehr oft auch als Werkstatt.

Die Zeit, als in der Stadtmitte produziert wurde, ist vorbei – und lässt sich nur noch durch die Lektüre der Aufschriften in unsere Vorstellung zurückholen. Das Haus in der Hauptstraße 59 etwa wurde 1580 von einem Müller erbaut. Im Lauf der Jahrhunderte diente es aber auch einem Metzger, einem Gerber und einem Seiler sowie von 1866 bis 1874 als Synagoge. Gegenüber gab es einst eine Schmiede und viel später Druckerei und Redaktion des Bergsträßer Anzeigers.

Wer nach oben schaut, kann auch durch den Anblick der einen oder anderen Heiligenfigur überrascht werden. Vielleicht gab es einst viel mehr dieser Schutzpatrone, die bei Steingebäuden in einer repräsentativen Nische, bei Fachwerkhäusern aber einfach an der Fassade angebracht waren. So noch heute etwa bei der Figur des Heiligen Antonius von Padua zwischen den Fenstern des ersten Geschosses am Marktplatz 21: Die Figur ersetzt seit 1949 eine ältere, früher etwas höher angebrachte Statue. Der neue Antonius wurde von Michael Adam Bauer aus Holz geschnitzt. Der „Bauers Michel“ war im Hauptberuf Weißbinder, wohnte auf dem Griesel am oberen Ende der Sandstraße und bestückte nicht nur etliche fromme Haushalte mit seinen Schnitzereien, sondern auch manche Gräber auf dem Friedhof.

„Behaltet eure Altertümer“

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Während die Vorgängerfigur an diesem Haus wohl beim Bombardement im März 1945 beschädigt wurde, kamen anderen Häusern ihre Schutzpatrone vielleicht anders abhanden. In einem Artikel im Bergsträßer Anzeiger vom 20. November 1928 mit dem Titel „Bauern, behaltet eure Altertümer“ klagt der ungenannte Verfasser, dass Händler, Agenten und Privatsammler das Land bereisten, um Altertümer aufzukaufen. Den Besitzern schwätzten sie die Dinge für meist wenig Geld ab, um sie dann teuer an Sammler und Museen zu verkaufen. „Vor allem gesucht werden gegenwärtig mittelalterliche Holzfiguren“, heißt es im Artikel, „Tür- und Fensterverzierungen und sonstigen Schmuck entfernt man von Häusern. Nicht einmal Flurdenkmäler, wie Steinkreuze und Figuren von Feldkapellen sind sicher vor der Gewinnsucht“.

Wie viele Hauspatrone es an den Fassaden im katholisch geprägten Bensheim einmal gab, lässt sich nicht mehr feststellen und auch nicht, ob in den 1920er Jahren tatsächlich viele ihre Schutzheiligen verkauften. Immerhin gehörte der Katholizismus bis ins 20. Jahrhundert fest zur städtischen Identität – mehr als 95 Prozent der 3850 Einwohner waren zum Beispiel im Jahr 1829 katholisch (130 Jahre später waren es bei dann mehr als 11 000 Bensheimern allerdings nicht einmal mehr 50 Prozent). Der protestantische Glaube dagegen kennt keine Verehrung von Heiligen. In den traditionell evangelischen Gemeinden wie Auerbach, Zwingenberg oder Schwanheim etwa dürfte man Hausheilige also vergeblich suchen.

Die drei schönsten Figuren

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Die drei wohl schönsten Heiligenfiguren im öffentlichen Bensheimer Raum stammen alle noch aus dem 18. Jahrhundert. In der Nähe des Ritterplatzes, an der Südwestecke des Rodensteiner Hofes, gibt es in einer zwischen zwei Säulen platzierten Muschelnische die prächtige Sandsteinfigur einer auf einer Mondsichel stehenden Maria von 1733. Jahrzehntelang präsentierte sie sich schlicht sandsteinfarben, inzwischen ist ihre farbliche Fassung restauriert worden, unter anderem mit einem leuchtend blauen Mantel.

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Nicht mehr am ursprünglichen Ort befindet sich die barocke Figur eines heiligen Nepomuk. Er steht heute in der Straße Am Bürgerhaus als Teil des neugotischen Portals am zunächst 1756 erbauten, im 19. Jahrhundert veränderten Hohenecker Hof. Im Portal wurden noch weitere alte Steine unbekannter Herkunft verbaut. In einer viel größeren Ausführung begegnet dem Passanten Nepomuk übrigens auch als Brückenheiliger an der Mittelbrücke.

Aus dem 18. Jahrhundert stammt auch die barocke Figur des Josef am sogenannten Haus Fleck. Hier ließ der damalige Hausbesitzer Joseph Ferrari an der Ecke des ersten Obergeschosses die Sandsteinfigur seines Namenspatrons anbringen. Auf der Konsole die Inschrift: „BITT FÜR UNS O HEILIGER JOSEPH 1757“. An dem mittelalterlichen Gebäude war ursprünglich keine Nische für solch eine Figur vorgesehen – der Heilige steht auf einer am Eck angebrachten steinernen Konsole.

Noch zwei weitere Josefsfiguren findet man in Bensheim. Die vermutlich ältere wurde wohl schon 1892 bei der Errichtung des Hauses Am Rinnentor 36 geplant: In der Fassade steht in einer Nische die Figur des Heiligen – ob als Namenspatron wie beim Haus Fleck oder aus anderen Gründen? Der Heilige Josef kam in der Heiligenverehrung erst spät zum Zuge, zunächst seit dem 17. Jahrhundert als Patron der Sterbenden und dann verstärkt etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorzugsweise als Patron der Arbeiter und Handwerker sowie der Familie.

Heiliger Josef am Kolpinghaus

Ein Grund, warum ihn auch Adolph Kolping bei der Gründung seines katholischen Gesellenvereins 1849 als Schutzheiligen wählte. Deshalb auch dürfte er sich am heutigen Bensheimer Kolpinghaus befinden, nur wenige Schritte vom Rinnentor entfernt. Das Haus wurde schon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erbaut, 1931 aber von der Kolpingsfamilie gekauft und seitdem genutzt. Ob die Nische zunächst für einen anderen Heiligen genutzt worden war?

Bei der Umnutzung eines anderen Gebäudes, nämlich der ehemaligen Faktorei des Mainzer Domkapitels am heutigen Bürgerwehrbrunnen wurde 1868 jedenfalls eine neue Funktion auch durch das Anbringen eines Heiligen dokumentiert: Zuvor hatte sich hier der Sitz des Bensheimer Kreisrates befunden und im Giebel des Portals ein weltliches Symbol, nämlich die Figur einer Justitia. Diese wurde mit der Statuette eines heiligen Aloysius als Patron der Schüler ersetzt, als das Haus für die Einrichtung eines Gymnasiums erworben wurde.

Welche Bedeutung diese Figur (und sicher auch andere) auch noch in der religiösen Praxis des 20. Jahrhunderts genoss, zeigt ein Artikel im Bergsträßer Anzeiger vom 25. August 1931: Inzwischen beherbergte das Gebäude nicht mehr eine Schule, sondern das Museum. Handwerker richteten die jetzt anscheinend schon recht mitgenommene Figur ehrenamtlich wieder her, heißt es im Artikel, und „während der Tage des großen Gebetes und bei der Prozession fand dieselbe allgemeine lobende Beachtung“.

Auch an der einzigen im Stadtkern (bislang) erhalten gebliebenen Schule findet man eine Schutzheilige: An einer Ecke des zur Liebfrauenschule gehörenden Gebäudekomplexes gibt es eine wohl im 19. Jahrhundert angebrachte, geschnitzte Muttergottes aus dem Barock.

Heilige in Sgraffiti-Technik

In den 1950er und 1960er Jahren wurde vorübergehend eine heute weitgehend verschwundene Form der Heiligenverehrung populär. In Sgraffiti-Technik wurden mitunter buchstäblich haushohe Bilder von Heiligen weithin sichtbar gemacht. In der letztlich bis in die Antike zurückreichenden alten Handwerkskunst wurden verschiedenfarbige Schichten von Putz angelegt, in die dann die Zeichnung gekratzt wurde. Ein sorgfältig erhaltenes Beispiel gibt es noch in der oberen Lammertsgasse. Es zeigt allerdings keinen Heiligen, sondern das Motiv des Guten Hirten.