Roggenbrot in Taiwan

Japanische Badetraditionen, deutsche Backrezepte und ein kanadischer Glaubensbote: Dank internationalem Einfluss trumpft Taiwans Norden mit sehr speziellen Reise- und Kulinarikerlebnissen auf.

Von 
Nicole Quint
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Der Geruch aus Bäckereien, Garküchen und Restaurants wabert durch den Badeort Tamsui. © Thomas Schneider/bildbaendiger.de

Der schnellste Weg zur Seele eines Menschen führt über seine Zähne. Mag auch Buddhisten das Nirwana winken und der Taoismus die polaren Kräfte von Yin und Yang ausbalancieren – wer von eitrigen Wurzeln und fauligen Löchern erlösen kann, setzt sich spielend gegen die spirituelle Konkurrenz durch. Das gilt jedenfalls in Taiwan. Dort wurde der Kanadier George Mackay in den 1870er Jahren als predigender Karies-Experte zum erfolgreichen Missionar des Christentums und posthum zum Touristenmagneten. Am Ort seines Wirkens, der alten Hafenstadt Tamsui, stehen Besucher Schlange, um sich vor seinem Bronzedenkmal fotografieren zu lassen.

Taiwan

Anreise Flug mit Lufthansa nach Taipeh, www.lufthansa.com. Von dort bringt einen die rote Metrolinie nach Tamsui und Beitou. Spas, Hotels und Hell Valley sind am besten von der Haltestelle Xinbeitou zu erreichen, www.metro.taipei.

Unterkunft Das Fünf-Sterne-Hotel Fullon steht am beliebten Fisherman’s Wharf, DZ ab 170 Euro, www.fullon-hotels.com.tw. Eine gute Alternative bietet das Hotelday Tamsui nahe dem Altstadtviertel; DZ ab 110 Euro, www.hotelday.com.tw. Einfache, gemütliche Zimmer mit Thermalwasser-Wanne findet man im Spa Spring Resort; DZ ab 80 Euro, www.spaspringresort.com.tw. Edler geht es im Grand View Resort zu. Alle Zimmer des 5-Sterne-Hauses haben eine eigene heiße und kalte Quelle; DZ ab 430 Euro, www.gvrb.com.tw.

Aktivitäten Entlang des Tamsui-Flusses sind Fahrradwege angelegt. Vermieter finden sich am Guandu-Pier und bei den Fähren. Im einzigen öffentlichen Freibad des Ortes, dem Beitou Garden Spa, kann man in Heißwasserbecken entspannen (Zhongshan Road 6, tägl. von 5.30 bis 22 Uhr). Das 1629 erbaute Fort San Domingo ist eine Besichtigung wert (Lane 28, ZhongZheng Road). Das Tamsui Oxford Museum (32 Zhenli Street) widmet sich George Mackay. Die San Xie Cheng Bäckerei bietet deutsche Brote an (No. 81, Zhong-Zheng Road).

Allgemeine Informationen Taiwan Tourismus, www.taiwantourismus.de. NQ

Doktor der Theologie und nicht der Medizin ist Mackay gewesen, bestätigt die Dame am Eingang des kleinen Museums, das zu Ehren des Missionars im alten Krankenhaus der Stadt eingerichtet wurde und seine unorthodoxen Methoden präsentiert. Durch den ganzen Norden Taiwans war er gezogen, um zu predigen. Wo er auch hinkam, immer besuchte Mackay zuerst die Kranken, verteilte Medizin und behandelte schmerzende und entzündete Zähne. Erst dann zückte er die Bibel. In 30 Jahren Missionarstätigkeit soll Mackay 22 000 Zähne im Namen Jesu Christi gezogen haben.

Nach Tamsui kommt jedoch nicht nur, wer das Grab des Missionars auf dem Ausländerfriedhof der Stadt besuchen will. Von Taipeh aus bringt die rote Metrolinie Tagestouristen in rund 40 Minuten nach Tamsui ans Meer. Gestresste Städter flüchten vor allem am Wochenende aus den riesigen Wohn- und Bürowaben der Hauptstadt Taiwans an die Mündung des Tamsui-Flusses und schlurfen, schieben und schwirren dann über die Uferpromenade, vorbei an Straßenmusikern, Schießbuden und Tempeln. Von den zahlreichen Garküchen und Restaurants im Ort wehen würzige Duftschwaden herüber: rotes Fleischcurry im Becher, Muscheln in Tüten, in Blätter gewickelte Fischbällchen und frittierte Tintenfische am Spieß – alles hübsch handlich für den Verzehr portioniert. In Tamsui hat der Hunger gar keine Zeit, sich einzustellen, so verfügbar ist das Essen hier überall. Die kulinarische Kontaktaufnahme mit den lokalen Spezialitäten führt schließlich in die Bäckerei San Xie Cheng, zum außergewöhnlichsten Speiseangebot der Stadt: Dinkelbrot nach deutschem Rezept.

Ladenbesitzer Lee Zi Ren begrüßt seine Kunden wahlweise auf Chinesisch, Japanisch, Englisch, Französisch oder Deutsch. Gegründet wurde die Bäckerei von Herrn Lees Großvater im Jahr 1935. Das täglich Brot allein garantierte in den Anfangsjahren jedoch noch keine gut laufenden Geschäfte. Um die anzukurbeln, eiferte Lee senior dem ausländischen Missionar Mackay nach, der seinen Glauben schließlich auch mit Medizin unter die Leute gebracht hatte, und verkaufte in seiner Backstube neben Kuchen auch Kopfschmerztabletten, Salben und Tinkturen.

Heute konzentriert sich Familie Lee wieder auf ihr Kerngeschäft und setzt zur Verkaufsförderung auf die Exotik deutscher Backwaren. Neben den klassisch taiwanischen Ananas-Kuchen und Melonen-Pastetchen sind deshalb auch Roggenbrot mit Leinsamen, Sesambrötchen und Schwabenkörnle im Sortiment.

Versorgt mit Proviant für eine echte deutsche Brotzeit geht es mit der Metro in den benachbarten Badeort Beitou. Dort ist die eigene Nase der beste Wegweiser. Immer dem fauligen Geruch folgen, der einen bereits am Bahnhof mit Penetranz begrüßt, und schon bald steht man mitten im Hell Valley. Dicke Wolken weißen Wasserdampfes steigen aus dieser fast 4000 Quadratmeter großen Grube auf. Ab und an lichtet ein kühler Luftzug den schwefelig-stinkenden Nebel und gibt den Blick frei auf das jadegrüne Wasser, das bis zu 100 Grad heiß werden kann. Ideal zum Eierkochen, aber um die Gedanken gerinnen und den Kopf glühen zu lassen, geht es in eins der 40 Grad kälteren Hot-Spring-Becken von Beitou.

Das Glanzstück der hiesigen Bäderkultur ist das öffentliche Freibad. Hier entspannt man in kaskadenartig angelegten, brühwurst-warmen Becken. Pào tang – sich in die Suppe legen, nennen die Taiwaner das Versinken in die heißen Fluten, das selbst allerschlimmste Muskelverspannungen wegschmilzt und zu einer Entspannung von Körper und Geist mit geradezu meditativer Qualität führt.

Wer jemals unter wohligen Seufzern und mit seligem Gesicht in himmlisch entspannte Willenlosigkeit geglitten ist, glaubt fortan daran, dass man das Paradies auch beim Baden erreichen kann.

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