Das Gold des knorrigen Baums

Im Herbst ist Erntezeit am Gardasee. Die Oliven hängen prall an den Bäumen. Der See macht derweil Urlaub, während man die Wellnessanlagen genießen kann.

Von 
Jochen Müssig
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Flavio erntet in seinem Garten in Zignago di Brenzone Oliven. © Jochen Müssig

Flavio arbeitet für einen Energiekonzern, montags bis freitags, doch am Wochenende wird er in seinem schönen Garten in Zignago di Brenzone zum Olivenbauer. Und die Olivenernte im November zählt nicht nur für Hobbygärtner wie ihn zum Höhepunkt des Jahres. Seine 25 Olivenbäume bringen durchschnittlich 250 Kilogramm Oliven, aus denen 50 Liter Öl gewonnen wird: unbehandelt, goldfarbig und sehr aromatisch. „Am besten wird das Öl nach einem heißen und trockenen Sommer, auf den im Herbst noch einige regenreiche Tage folgen“, sagt Flavio. Mit dem heißen Sommer hat es geklappt, nur die herbstlichen Regentage lassen auf sich warten.

Fast alle Oliven des Gardasees werden zu Öl verarbeitet und nicht gegessen. Das ist bereits seit der Antike so. Den Lacus Benacus, den heutigen Gardasee, haben schon die römischen Dichter Catull und Vergil besungen. Manchmal meint man, die Hälfte aller Gardasee-Urlauber von heute kannten Catull und Vergil persönlich: So lange reisen sie schon hierher.

Gardasee

Anreise Mit dem Zug über München bis Rovereto; von dort per Bus weiter, www.bahn.de.

Unterkunft Unverbaute Altiplano-Lage mit Panaromasicht auf den Lago, lichtdurchflutet mit viel Marmor, Nuss- und duftendem Olivenholz: Hotel Lefay Resort & Spa in Gargnano, Doppelzimmer inkl. Halbpension ab 350 Euro, www.lefayresorts.com. Grand Hotel Fasano: 5-Sterne-Haus mit Bananenstauden, Magnolienbäumen, Zypressen direkt am See in Gardone, sehr gutes Spa, Doppelzimmer mit Frühstück ab 250 Euro, www.ghf.it. Aqualux: 4-Sterne-Hotel in Bardolino mit 8 Pools, 7 Saunen, DZ mit Frühstück ab 200 Euro, www.aqualuxhotel.com

Allgemeine Informationen Für den Nordteil des Sees: www.gardatrentino.it. Für den Westen: www.gardalombardia.de. Für den Osten: https://lagodigardaveneto.com. Für Brenzone: www.brenzone.it MÜG

Doch alle kommen nur im Frühjahr und Sommer. Dabei bieten der Herbst und Winter Ristorante ohne Speisekarten, weil der Wirt sagt, was es heute gibt. Die Gardesana ist ohne Stau und man kann zuschauen, wie der See selbst Urlaub macht. Er erholt sich von Sonnencreme und Motoröl, Bikini-Schönheiten und muskelbepackten Surfern sowie von all den Urlaubern, die ihn im Sommer belagern. Es ist häufig sonnig und mild – und es ist Olivenzeit! Die Früchte hängen prall, grün und schwarz an den Bäumen und warten darauf, geerntet zu werden.

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„Die Anfänge des Gardasee-Tourismus liegen ja im Winter“, erzählt Oliver Mayr, der das Grand Hotel Fasano in Gardone Riviera führt, das zu den besten Spa-Adressen am See gehört. Das Hotel wurde 1888 gebaut, großzügig und elegant, in bester Lage direkt am See, mit Marmorböden und Säulen, mit Wasserturm für fließendes Wasser in den Zimmern. „Die zahlungskräftige Kundschaft dafür war ja da“, sagt Mayr und nennt Namen wie König Faruk von Ägypten, Kaiser Wilhelm II. und die österreichische Kaiserin Elisabeth. „Ob man es nun glaubt oder nicht: Um 1900 wurden bei uns winterliche Sonnenkuren angeboten.“

Auch in Zignago scheint die Novembersonne, wo Flavio zu Werke geht. „Handarbeit“, sagt er. „Die gesamte Arbeit, angefangen vom Pflücken über die Baumpflege und das Schlagen bis zum Sammeln, mache ich komplett von Hand.“ Zeltplanen decken den Platz unter den Bäumen ab. Mit Stöcken und einer Spezialzange streift er die Oliven ab. Sie fallen auf die Planen und werden dort aufgesammelt. Danach geht es zur Genossenschaft in die Frantoio, die Ölpresse. Das Olivenöl muss rasch verarbeitet werden, damit es höchste Qualität erreicht. Wenn das frisch gepresste Öl tropft, strahlen Flavios Augen: natives Olivenöl, Extra Vergine, die erste Kaltpressung bei 28 Grad – ein Hochgenuss.

Die meist kleinen Ölpressen am See öffnen im Oktober und schließen in der Regel vor Weihnachten. Aber in dieser Zeit laufen sie fast Tag und Nacht. Drei Tage braucht Flavio für seine 25 Bäume.

Abends, nach getaner Arbeit, gehen die beiden gerne in die Sauna – meist ins „Aqualux“ nach Bardolino. Es liegt am nächsten und spielt mit sechs Pools, sechs Saunen in der ersten Spa-Liga am Lago. Das Beste, was der Gardasee in Sachen Wellness zu bieten, schwebt allerdings über den Dingen und Konkurrenten. Im „Lefay“ in unverbauter Altiplano-Lage oberhalb von Gargnano wird die Landschaft zur großen Bühne. Sauna-Landschaft und Pools tun dem Gemüt gut, die Zimmer mit Böden und Möbeln aus Olivenholz betören die Nase und das hausgemachte Olivenöl auf den Restauranttischen schmeichelt dem Gaumen.

Dann ist endlich der 25. November in Brenzone. Am San-Caterina-Tag war früher Almabtrieb und die Limonaie, die Zitronengewächshäuser, wurden winterfest gemacht. Was bis heute blieb: Auch die Olivenernte ist eingefahren, das erste frische Öl gepresst. Das Extra Vergine del Garda ist grasgrün und mild. Was beim Wein der Primeur ist, ist beim Olivenöl das Olio novello. „Unsere älteren Bewohner nehmen jeden Morgen einen Löffel Olivenöl zu sich, um das Immunsystem zu stärken“, schwärmt Flavio. Eine gute Idee in der Pandemie: Olivenöl reduziert überschüssiges Cholesterin und ist zu 100 Prozent verdauliches Öl.

An zahlreichen Ständen kann man das Extra Vergine beim Erzeuger probieren, kaufen und sich über seine Herstellung informieren. Flavio wird man dort indes nicht finden. „Meine 50 Liter Öl bleiben bei mir und ein paar Freunden.“

Freier Autor