Vortragsreihe Lebenskunst In universitären Kreisen nicht mehr ernstgenommen

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Nächste Woche wird der bekannte Historiker Daniele Ganser an zwei Tagen insgesamt vier Vorträge im Rahmen der Vortragsreihe Lebenskunst im Bürgerhaus Bensheim halten. Obwohl akademisch absolut unbedeutend, seine Habilitation scheiterte 2017 aufgrund der Nichteinhaltung grundlegender wissenschaftlicher Standards, seinen letzten Lehrauftrag verlor er ein Jahr später, erreicht Ganser im deutschsprachigen Internet ein Millionenpublikum.

Seine ruhige, fast uncharismatische Art verleiht ihm eine Seriosität, die es ihm erlaubt, von Veranstaltungen für bürgerliche Zuschauer bis hin zu Podcasts der Hip-Hop-Szene attraktiv zu sein.

Insbesondere seinen Thesen zum Terroranschlag am 11. September verdankt er seine Bekanntheit. So behauptet er seit einigen Jahren, ein Gebäude des zerstörten World Trade Center-Komplexes sei nicht wegen des Brandes, sondern aufgrund einer Sprengung, mutmaßlich induziert von den Amerikanern selbst, eingestürzt.

Mangelhafte Belege

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Dass er hierbei Tatsachen verdreht und sich unter anderem auf eine gekaufte, nicht peerreviewte Studie beruft, ist das beste Beispiel dafür, dass Ganser keineswegs für seine Aussagen, sondern aufgrund seiner mangelhaften Belege in universitären Kreisen nicht mehr ernst genommen wird.

Ebenso sollte die Idee, die USA hätten einen Terroranschlag im eigenen Land zugelassen oder sogar selbst inszeniert, um einen Krieg gegen das rohstoffarme Afghanistan zu führen, spätestens nach dem blamablen Rückzug der US-Streitkräfte im vorletzten Jahr als komplett absurd angesehen werden.

Nun ist es 2023 und das Thema der Stunde ist der Krieg in der Ukraine. Auch hier vernachlässigt Ganser saubere Quellenarbeit zugunsten seiner altbekannten Schablone, die USA seien, wie immer, an allem Schuld.

Ein mutmaßlich von russischer Seite publik gemachtes Telefonat der ehemaligen US-Diplomatin Victoria Nuland aus dem Jahr 2014, in welchem klar wird, dass die USA ein Interesse an der westlichen Orientierung der Ukraine haben (natürlich haben sie das), deutet Ganser so um, dass der gesamte Euromaidan von den USA finanziert und gesteuert wurde.

Eher ein Geschichtenerzähler

Impliziert wird hier, dass nach dieser Ursünde die russischen Reaktionen zwar nicht gutzuheißen, aber immerhin zu verstehen seien. Dass der russische Geheimdienst keine besseren Belege für einen US-Putsch vor der eigenen Haustür veröffentlichen kann, als dieses dekontextualisierte Telefonat, sollte jeden Hobbyhistoriker aufhorchen lassen.

Aber weil Ganser mittlerweile mehr Geschichtenerzähler als Geschichtsforscher ist, kann er dieses Telefonat in einem 90-minütigen Vortrag geschickt als Schuldeingeständnis der USA verkaufen. Ansonsten tritt Ganser in guter Schweizer Manier neutral auf, wenn seine Zuhörer über die normative Bewertung mancher Tatsachen nicht nachdenken sollen.

Gab es ein Versprechen der Nato?

Zum Beispiel redet er viel darüber, ob es ein Versprechen des Westens gab, die Nato nicht zu erweitern (vieles spricht dagegen), die Frage, inwieweit der Bruch einer drei Jahrzehnte zurückliegenden Zusage einen Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat rechtfertigt, wird nicht beleuchtet.

In anderen Fällen lässt Ganser widersprüchliche Fakten komplett weg, zum Beispiel, dass ein Nato-Beitritt der Ukraine für die nächsten Jahre „nicht auf der Tagesordnung“ stand (Olaf Scholz) oder, dass die faschistoide Rhetorik, in der Russland sich selbst als Retter des Abendlandes hochstilisiere, eher auf Expansionspolitik als auf das berechtigte Sicherheitsinteresse einer Großmacht hindeutet.

Wer sich weiter mit Ganser beschäftigen will, kann sich gerne durch die zahlreichen Entkräftungen seiner Thesen im Internet wühlen. Ich habe die Veranstaltungen von Lebenskunst Bensheim immer sehr geschätzt und werde auch weiterhin meine Augen nach interessanten Vorträgen offen halten. Nur diesmal sind mir die 30 Euro zu schade.

Jonas Brossmann

Zwingenberg

Info: Leserbrief-Richtlinien auf der BA-Homepage unter https://www.bergstraesser-anzeiger.de/meinung/leserbriefe-ba.html