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Energiekrise Atomdebatte ohne sachliche Grundlage

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„Debatte um Atomkraft wird schärfer“, BA vom 1. August

Während die Einführung des Tempolimits von Union und FDP als „Symbolpolitik“ abgetan wird, obwohl es laut Berechnungen des Umweltbundesamtes rund vier Prozent des deutschen Kraftstoffbedarfs einsparen könnte, wird die Laufzeitverlängerung der noch aktiven drei deutschen Atomkraftwerke über den 31. Dezember 2022 hinaus mit hämischem Blick auf die Grünen ausgerechnet von jenen, die über Jahre den Ausbau erneuerbarer Energien ausgebremst und dafür gesorgt haben, dass Deutschland fast ausschließlich von russischem Gas und Öl abhängig war, zur energiepolitischen Existenzfrage hochstilisiert: „Kippen die Grünen in der AKW-Frage um?“

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Apropos „Abhängigkeit“: Die EU und damit auch Deutschland haben zuletzt 20,2 Prozent ihres Urans aus Russland bezogen, weitere 19 Prozent von Russlands Verbündetem Kasachstan. Auch bei der Uranverarbeitung ist Russland gut vertreten: 26 Prozent des angereicherten Urans, das in die EU-Reaktoren geht, stammt aus Russland. Für die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft ist das eine offensichtlich unangenehme Tatsache, denn noch vor kurzem lautete die Antwort auf die Frage, woher die einzige deutsche Brennelementefabrik in Lingen/Westfalen – die übrigens nicht vom Atomausstieg umfasst ist – Uran erhält?: „Unterliegt der Geheimhaltung!“.

Tatsächlich sind die sachlich-fachlichen Fragen rund um Streckbetrieb und Laufzeitverlängerung aus meiner Sicht wesentlich wichtiger als die Forderungen profilierungssüchtiger Politiker zur Verbesserung ihrer Umfragewerte.

Wenn Bayerns Ministerpräsident Söder (CSU) mit Hinweis auf den TÜV Süd den Weiterbetrieb des Reaktors Isar 2 fordert, weil die Gutachter „Reaktivitätsreserven“ bis August 2023 festgestellt hätten, ohne dass neuer Brennstoff beschafft werden müsste, verschweigt er, dass die umfangreiche Sicherheitsüberprüfung PSÜ (Periodische Sicherheitsüberprüfung), die nach internationalen Standards alle zehn Jahre erforderlich ist, im Normalfall bis Ende 2019 fällig gewesen wäre. Aufgrund des im Atomgesetz festgeschriebenen Abschalttermins Ende 2022 war die PSÜ jedoch unterblieben. Meiner Meinung nach ist ein weiteres Aussetzen sicherheitstechnisch nicht akzeptabel.

Die Befürworter einer Laufzeitverlängerung verschweigen zudem, dass die Betreiber der drei noch verbliebenen Atommeiler einen Weiterbetrieb davon abhängig machen, dass der Staat zukünftig technisch und wirtschaftlich die Verantwortung übernimmt, also zum Betreiber wird. Die Unternehmen sind an einem Weiterbetrieb längst nicht mehr interessiert.

Es verblüfft einigermaßen, wie naiv Politiker mit technischen Fragen rund um die Atomenergie umgehen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn in der aktuellen Debatte der zentrale Aspekt Sicherheit völlig fehlt.

Mir ist unverständlich, warum sich Grüne und SPD durch eine populistische Scheindebatte von Union und FDP derart verunsichern lassen: Nur elf Prozent des in Deutschland genutzten Gases landen in Stromkraftwerken. Und die können ganz überwiegend nicht durch AKWs ersetzt werden, weil diese nicht flexibel hoch- und heruntergefahren werden können und auch keine Fernwärme produzieren. Am Ende, so aktuelle Studien, würde durch eine Laufzeitverlängerung der Gasverbrauch in Deutschland nur um etwa 1,2 Prozent sinken.

Die Debatte um Atomkraft mag schärfer geworden sein, aber keineswegs rationaler. Der wahre Stresstest steht ohnehin noch an. Dann geht es um die wirksamste Maßnahme gegen Energieknappheit: Einsparungen bei Industrie und Haushalten.

Rainer Scheffler

Lautertal

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