Energie - MVV und EnBW wollen im Süden Mannheims ein Geothermie-Heizwerk bauen Zwischen Zukunftshoffnung und Erdbeben-Angst

Von 
Martin Geiger
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Rhein-Neckar. Spätestens 2034 muss das Grosskraftwerk Mannheim (GKM) aufgrund des Kohleausstiegs den traditionellen Betrieb einstellen. Damit fällt der wichtigste Fernwärmeproduzent weg. Dennoch will die MVV Energie die rund 165 000 Haushalte in der Rhein-Neckar-Region weiterhin zuverlässig mit Wärme versorgen. Darum prüft das Unternehmen unter anderem, gemeinsam mit der EnBW ein Geothermie-Heizwerk zu bauen. Ein Überblick.

Geothermie

Zwischen Mannheim und Reilingen soll künftig Erdwärme gewonnen werden: MVV und EnBW wollen dort eine Geothermie-Anlage bauen. Manche sehen das als Chance - andere haben Angst vor Erdbeben. Zu Recht?

 

Positiv-Beispiele

München

Die bayrische Landeshauptstadt verfügt mit dem Molassebecken über besonders günstige Voraussetzungen und gilt als deutsches Vorzeigeobjekt in Sachen Geothermie. Bereits 2004 ging dort die erste Anlage in Betrieb. Ende des Jahres soll Nummer sechs hinzukommen: Nach Angaben der Stadtwerke München (SWM) handelt es sich um die größte Geothermieanlage Deutschlands, die 80 000 Menschen mit Fernwärme versorgen wird. Schäden durch die Geothermie-Nutzung hat es nach Angaben der SWM bislang keine gegeben.

Weinheim

Auch in der Rhein-Neckar-Region gibt es ein erfolgreiches Tiefe-Geothermie-Projekt: Das Weinheimer Freizeitbad Miramar nutzt bereits seit 2005 die Wärmequelle aus 1150 Metern Tiefe zum Heizen. Zudem können sich die Gäste am 65 Grad heißen Solewasser aus der Erde erfreuen.

Insheim

In der Südpfalz wird seit 2012 ebenfalls Geothermie genutzt. Die Pfalzwerke betreiben dort ein Kraftwerk, das Strom für rechnerisch rund 8000 Haushalte erzeugt. Mit der Restwärme könnten laut Betreiber theoretisch zudem 600 bis 800 Haushalte mit Wärme versorgt werden. Obwohl es auch in Insheim zeitweise zu Erschütterungen gekommen ist, gilt die Anlage bei Landau unter Experten als positives Beispiel.

Riehen

Wie nahe Erfolg und Misserfolg beieinanderliegen können, sieht man auch in der Schweiz: Was in Basel schief ging, hat im unweit gelegenen Riehen geklappt. Dort wird den Betreibern zufolge seit 1994 Erdwärme gewonnen – und nach Angaben von Experten teilweise sogar ins benachbarte Deutschland exportiert. 

 

Negativ-Beispiele

Staufen

Sicherlich der bekannteste Fall, obwohl es sich in der Kommune bei Freiburg um oberflächennahe Geothermie gehandelt hat. Denn um das Rathaus mit Erdwärme zu versorgen, wurde 2007 „nur“ bis zu 140 Meter tief gebohrt. Doch die Bohrung missglückte, Wasser drang in eine Erdschicht, die sich in Gips verwandelte und aufquoll. Die Folge: Der Boden hob sich laut Bürgermeister um bis zu 62 Zentimeter, etwa 270 Gebäude wurden beschädigt.

Landau

2007 entstand hier das erste Geothermie-Kraftwerk in Rheinland-Pfalz. Seither gab es dort nach Angaben des Landesamts für Geologie und Bergbau 58 Erdbeben, die im Zusammenhang mit der Anlage standen. Das größte hatte eine Stärke von 2,7. Bei zwölf Gebäudeschäden konnte nicht ausgeschlossen werden, dass sie dadurch entstanden sind. Zudem hob sich 2014 der Boden in der Umgebung um mehrere Zentimeter: Experten vermuteten als Grund eine undichte Verrohrung.

Vendenheim

Zuletzt für Aufsehen gesorgt hatten im November und Dezember Erdbeben rund um Straßburg. Eines davon hatte eine Stärke von 3,59. Ausgelöst worden sind sie mutmaßlich durch ein Geothermie-Projekt in Vendenheim, das daraufhin gestoppt wurde.

Basel

Auch in der Schweiz hat man negative Erfahrungen mit der Erdwärme gesammelt. 2006 bebte rund um Basel die Erde mit einer Stärke von 3,4. Als Ursache gilt ein Geothermie-Projekt, bei dem das Gestein in der Tiefe mittels Wasserdruck durchlässig gemacht werden sollte. Das Vorhaben wurde daraufhin eingestellt. mig

Was versteht man eigentlich unter Geothermie?

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Im Innern der Erde herrschen hohe Temperaturen. An günstigen Standorten wie dem Oberrheingraben werden etwa in 3000 Metern Tiefe rund 150 Grad erreicht. Diese Erdwärme lässt sich zum Heizen, Kühlen und zur Stromerzeugung nutzen: Das ist Geothermie. Zwei Arten werden dabei unterschieden.

Was bedeutet oberflächennahe Geothermie?

Wird die Erdwärme zum Beispiel mittels Sonden aus Bereichen von bis zu etwa 400 Metern gewonnen, spricht man von oberflächennaher Geothermie. Die Temperaturen liegen bei rund 25 Grad. Damit lassen sich Gebäude heizen oder kühlen.

Was bedeutet tiefe Geothermie?

Bei Bohrungen von bis zu 5000 Metern Tiefe wird dieser Begriff verwendet. Die Erdwärme ist dort viel höher, so kann man ganze Wärmenetze versorgen und Strom erzeugen.

Wie funktionieren solche Anlagen?

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Das Grundprinzip ist (siehe Grafik): Dem heißen Wasser aus der Erde wird an der Oberfläche mittels eines Wärmetauschers die Energie entzogen. Das erkaltete Wasser wird dann zurück in die Erde gepresst.

Was planen MVV und EnBW im Raum südlich von Mannheim?

Sie wollen im Gebiet Hardt (s. Grafik) 3000 bis 3500 Meter tief bohren und aus einer durchlässigen Gesteinsschicht heißes Wasser fördern. Dessen Energie soll ins Fernwärmenetz eingespeist werden, das von Mannheim über Schwetzingen bis nach Speyer und Heidelberg reicht. Strom soll nicht erzeugt werden. Auch auf eine Bohrung ins tiefere Grundgebirge, wie in Landau oder Vendenheim, soll verzichtet werden.

An welchem Standort wird gebohrt?

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Das steht nach Angaben der Unternehmen noch nicht fest. Sie wollen zunächst das gesamte Gebiet untersuchen und dann geeignete Stellen identifizieren. Auf das bereits bestehende Bohrloch in Brühl habe dies zunächst keine Auswirkungen, da nach der Insolvenz der dortigen Projektgesellschaft die rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen noch nicht geklärt seien.

Wie ist der aktuelle Stand des Projekts?

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Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau hat den Unternehmen bereits grünes Licht für die Untersuchung des Gebiets signalisiert. Vor der endgültigen Erteilung der Lizenz werden nun noch Kommunen und Fachbehörden gehört.

Und wie geht es dann weiter?

Zunächst wollen MVV und EnBW die geologischen Verhältnisse so exakt wie möglich analysieren. Dabei greifen sie auf bestehende Daten zurück, führen aber auch neue Messungen durch. Davon werden die Bürger nach Angaben der Unternehmen jedoch kaum etwas mitbekommen, weil dies geräusch- und erschütterungslos geschehe. Nach etwa 18 Monaten sollen geeignete Standorte identifiziert sein. Anschließend folgen, bei positivem Ergebnis, die Bohrarbeiten, für die dann ein eigenes Genehmigungsverfahren durchgeführt werden muss. Dafür sind nochmals 18 Monate veranschlagt. Der Bau eines Heizwerks dürfte ebenfalls rund 18 Monate dauern. Frühestens Ende 2025 könnte also Erdwärme gewonnen werden.

Wird die Öffentlichkeit in diesen Prozess eingebunden?

Ja, versprechen MVV und EnBW. Auf eine umfassende und transparente Information der Bürgerinnen und Bürger sowie der beteiligten Kommunen lege man „besonders großen Wert“. Beginnen wollen die Unternehmen damit nach der endgültigen Lizenzerteilung. Unabhängig davon muss jede einzelne Bohrung separat genehmigt werden.

Wie groß ist das Geothermie-Potenzial überhaupt?

Nach Angaben der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg könnten rund zehn Prozent des deutschen Energiebedarfs geothermisch gedeckt werden. Wie viel es künftig in der Rhein-Neckar-Region sein könnten, wissen MVV und EnBW erst nach ihren Untersuchungen. Sie gehen davon aus, dass eine Geothermie-Anlage 150 bis 200 Gigawattstunden Wärme pro Jahr liefern könnte. Das entspräche dem durchschnittlichen Bedarf von rund 10 000 Privathaushalten.

Was ist der Vorteil von Geothermie?

Sie gilt als klimafreundlich, weil kaum CO2 entsteht, das zur Erderwärmung beiträgt. Zudem ist sie unabhängig von Wind oder Sonne mehr oder weniger rund um die Uhr verfügbar: Die Betriebszeit eines Heizwerks liegt bei etwa 85 Prozent eines Jahres, schätzen MVV und EnBW. Darüber hinaus ist die Anlage steuerbar – und die Erdwärme praktisch unendlich.

Was sind die Nachteile von Geothermie?

Kritiker verweisen häufig auf die Erdbeben, die mancherorts vermutlich durch den Eingriff in den Untergrund ausgelöst worden sind. Zudem bemängelt beispielsweise die Bürgerinitiative „Geothermie Landau-Südpfalz“, dass der Wirkungsgrad der Anlagen schlecht und ihr Betrieb teuer seien. Vorsitzender Werner Müller befürchtet auch Trinkwasser-Verunreinigungen und andere Umweltschäden. Für ihn ist tiefe Geothermie „grober Unfug“.

Info: Weitere Informationen: www.geothermie-hardt.de

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