Sexismus - Britische Schüler sammeln immer mehr Fotos von Klassenkameradinnen und teilen diese

Nacktbilder statt Pokémon

Von 
Larissa Schwedes
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London. Was früher Pokémon-Karten waren, sind heute Nacktbilder von Mitschülerinnen: In Jungs-Cliquen werden sie systematisch gesammelt und auf WhatsApp oder Snapchat als Trophäen geteilt. So schildert es der Bericht der britischen Aufsichtsbehörde Ofsted zu sexueller Belästigung an britischen Schulen. Das „Sammelspiel“ ist nur eines von vielen Beispielen für den Befund des Berichts: Sexismus und sexuelle Belästigung gehören an britischen Schulen zum Alltag.

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„Die Untersuchung hat mich schockiert. Es ist alarmierend, dass viele Kinder und junge Menschen, vor allem Mädchen, das Gefühl haben, sexuelle Belästigung als Teil des Erwachsenwerdens akzeptieren zu müssen“, sagte Inspektorin Amanda Spielman, die am Donnerstag die Ergebnisse vorstellte. Etwa 900 Schülerinnen und Schüler von mehr als 30 Schulen in Großbritannien wurden befragt, auch Lehrkräfte und Schulleiter kamen zu Wort.

Oft Opfer von sexuellen Belästigungen: Schülerinnen in Großbritannien © dpa

Neun von zehn Mädchen gaben an, oft oder manchmal ungewollt explizite Bilder geschickt oder mit sexistischen Spitznamen angesprochen zu werden. Rund drei Viertel berichteten von Übergriffen. Deutlich mehr als die Hälfte gab an, schon ungewollt berührt worden zu sein.

Dass das Ausmaß erst jetzt ans Licht kommt, liegt auch daran, dass viele Betroffene ihre Erfahrungen bisher innerhalb der Schule für sich behalten haben – entweder aus Scham oder weil es gar keine Ansprechpartner gibt. Das Problem werde massiv unterschätzt, hält der Bericht fest.

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Vor allem Mädchen kritisieren, dass im Unterricht nicht gelehrt werde, was respektvoller und akzeptabler Umgang miteinander sei. „Es sollte nicht unsere Verantwortung sein, Jungs zu erziehen“, sagte ein Mädchen. Einige haben die Sache bereits selbst in die Hand genommen und versuchen, über soziale Medien Aufklärung zu betreiben.

Initiative listet 16 500 Berichte

Dazu gehört auch Soma Sara, die Gründerin der Initiative „Everyone’s Invited“ (dt: Alle sind eingeladen), die den Stein maßgeblich ins Rollen brachte. Im vergangenen Jahr fing die 22-jährige Studentin über Instagram an, sich über sexuelle Belästigung und Gewalterfahrungen auszutauschen. „Ich war total überwältigt“, sagte Sara der dpa über die Zeit, in der fast alle Frauen aus ihrem Umfeld ihre Erfahrungen mit ihr teilten. Als sie rund 300 Beispiele gesammelt hatte, war klar: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs.“

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Mittlerweile listet die Seite mehr als 16 550 Berichte von Schülerinnen und Studentinnen. Manchester, Highgate, Swansea: Unbekanntere Colleges und staatliche Schulen gehören ebenso zu den Schauplätzen wie Privatschulen oder die Elite-Unis Oxford oder Cambridge. Es geht um Mitschüler, die unter dem Tisch übergriffig werden. Um Lehrer, die ihren Schülerinnen auf die Brüste starren. Um vermeintliche Studienfreunde, die sich als Vergewaltiger herausstellen.

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„Everyone’s Invited“ beschreibt sich als „Bewegung, die sich dafür einsetzt, die ’Vergewaltigungskultur’ auszurotten“. Sara gibt zu, dass der Begriff ein extremer ist – allerdings ist er bewusst so gewählt. „Das Wort Vergewaltigung kann sich für einige Leute extrem anfühlen“, sagt die Aktivistin. „Aber es geht darum, damit wirklich eine breite, komplexe Kultur des Missbrauchs anzusprechen.“

Saras Ansicht nach kommen viele Vergewaltiger ungeschoren davon, weil weniger drastische Arten der Belästigung in der Gesellschaft als normal angesehen. Dass „Rape Culture“, der englische Begriff für „Vergewaltigungskultur“, es in den vergangenen Wochen mehrfach auf die Titel großer britischer Zeitungen geschafft hat, sieht Sara als Erfolg an.

Die klare Empfehlung von Ofstead lautet: Schulen und Colleges sollten davon ausgehen, dass eigene Schüler von Belästigungen betroffen seien – und Konsequenzen ziehen. Ziel müsse es sein, Sexismus nicht mehr zu tolerieren. Das Bildungsministerium kündigte an, Lehrer sollten mehr Unterstützung erhalten, um sexuelle Belästigung besser zu erkennen.