Umwelt - Australien erlebt die schlimmste Nagetier-Plage seit mehr als 100 Jahren / Gravierende Auswirkungen auf Ernten, Natur und andere Tiere

Die Angst vor dem Mäuse-Horror

Von 
Barbara Barkhausen
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Sydney. Sie fressen sich durch Felder, Scheunen und Häuser. Selbst in Supermärkten sind sie zu finden: Der Osten Australiens leidet unter einer Mäuseplage biblischen Ausmaßes. Die Schäden gehen inzwischen in die Millionen. Ernten werden ruiniert. In Geschäften müssen Lebensmittel für Tausende Dollar weggeworfen werden, nachdem die Mäuse Packungen und Lebensmittel angeknabbert haben. Und damit nicht genug: Die Nager fressen Kabel an, zerstören Geräte und Maschinen und lösen in Firmen Kurzschlüsse und Feuer aus.

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Was niedlich aussieht, ist für Australien ein großes Problem: Das Land wird von einer Mäuseplage heimgesucht. © dpa

Es erinnert an einen Horrorfilm: Laut Medienberichten dringen die Tiere bis in die Schlafzimmer der Menschen vor, krabbeln über deren Kopfkissen und über die Gesichter der schlafenden Bewohner. In einem Krankenhaus sollen sogar hilflose Patienten angeknabbert worden sein. Selbst erfahrene Kammerjäger seien überfordert.

500 Nachkommen pro Saison

Die Mäuseplage gilt als eine der schlimmsten der vergangenen 100 Jahre. Videos in sozialen Medien zeigen, wie Farmen von Hunderten oder sogar Tausenden Mäusen überfallen werden. Norman Moeris, Farmer aus einem kleinen Ort namens Gilgandra, rund sechs Autostunden nordwestlich von Sydney, berichtete in einem Videotelefonat, dass er in Getreidesäcken schon bis zu 30 000 Mäuse gefunden habe. Der Geruch – ach was: der Gestank – sei so intensiv, man könne ihn „aus Hunderten Meter Entfernung riechen“. Drei Jahre „hatten wir Dürre. Und jetzt haben wir gutes Heu geerntet, es im Heuschuppen eingelagert – und all das Heu ist total ruiniert“, erzählt der Farmer. „Ich bin 64 Jahre alt und das ist das Schlimmste, das ich je erlebt habe.“

Ihren Ursprung nahm die Mäuseplage im vergangenen Jahr. 2020 fiel fast so viel Regen wie in den beiden vorangegangenen Jahren zusammen. Dies legte – nach sehr trockenen Jahren mit intensiven Buschfeuern – die Grundlage für eine Rekordernte. Die reichen Erträge schafften jedoch auch ideale Bedingungen für die Mäuse, die nun ausreichend Nahrung vorfanden und sich rasant ausbreiteten. Laut der australischen Forschungsagentur Csiro spricht man von einer Plage, wenn pro Hektar mindestens 800 bis 1000 Mäuse vorkommen. Das ist längst der Fall. Ein Mäusepaar kann pro Saison rund 500 Nachkommen produzieren, alle drei Wochen wird ein neuer Wurf zur Welt gebracht.

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Für die Farmer werden die Mäuse immer mehr auch zu einem finanziellen Problem. So schätzte der Landwirtschaftsverband, dass ein Drittel der Farmen Verluste zwischen umgerechnet rund 32 000 und 95 000 Euro hinnehmen müssen. Nachdem herkömmliche Methoden wie Köder und Fallen bisher wenig Effekt gezeigt haben, plant die australische Regierung nun den Einsatz eines starken Gifts namens Bromadiolon – einer gefährlichen Chemikalie.

Fische und Schlangen profitieren

Forscher warnen, dass dieses Gift auch eine Gefahr für Haustiere und viele andere einheimische Tiere darstellen könnte – vor allem aber natürlich für die Tiere, die Mäuse fressen. Auch die Greifvogelpopulation könnte damit stark beeinträchtigt werden, sagte Maggie Watson, Forscherin der Charles-Sturt-Universität. Letztendlich könnte es sein, dass man zukünftige Mäuseplagen damit noch verschlimmern würde, denn ohne Greifvögel falle die natürliche Kontrolle der Mäuse weg.

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Die Behörden sind auch wegen Fällen von Leptospirose alarmiert. Von Anfang Januar bis Ende April wurden 23 Fälle von Leptospirose gemeldet. Das ist eine seltene Krankheit, die zu Nierenversagen und Hirnhautentzündung führen kann - und häufig von Mäusen übertragen wird. Im gesamten Jahr 2020 waren es laut Medienberichten elf Fälle.

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Während die Menschen leiden, profitieren andere Lebewesen indes von der Mäuseplage. So entdeckte Aaron Graham, ein Fischer aus Dubbo, knapp 400 Kilometer nordwestlich von Sydney, dass die Fische im lokalen Fluss sich inzwischen an den Mäusen satt fressen und dadurch „groß und fett“ geworden seien, wie er im Interview mit dem Fernsehsender Channel 7 berichtete. Graham sagte, dass er bereits einige Fische am Haken hatte, die bis zu zehn Mäuse im Magen gehabt hätten. Auch die Schlangen profitieren von dem Mäuseboom und vermehren sich derzeit rasant, da sie nun ausreichend Nahrung vorfinden und dadurch ideale Bedingungen für die Fortpflanzung erleben.