„Wir brauchen ein neues Papier: Powerplay 2030“

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Christian Rotter
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Christian Künast hat beim Deutschen Eishockey-Bund schon viele Funktionen übernommen – unter anderem als Trainer der Frauen-Nationalmannschaft. © Dominic Pencz

Christian Künast, Interims-Sportdirektor des Deutschen Eishockey-Bundes, ruht sich auf den jüngsten Erfolgen der Nationalmannschaft nicht aus. Er arbeitet an einem Konzept. Von Christian Rotter

DEB-Sportdirektor

Christian Künast wurde am 7. März 1971 in Landshut geboren, dort begann er 1989 auch seine Profikarriere.

Zur Saison 1997/98 wechselte er zu den Adlern Mannheim. Als zweiter Torhüter hinter Mike Rosati gewann Künast die Deutsche Meisterschaft.

2007 beendete er seine Spielerkarriere und wechselte ins Trainergeschäft.

Beim DEB hat Künast schon viele Funktionen ausgefüllt. Zurzeit arbeitet er dort u.a. als Interims-Sportdirektor.

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Herr Künast, wie beurteilen Sie es, dass der Eishockey-Weltverband Belarus die Co-Gastgeberrolle für die WM entzogen hat?

Christian Künast: Es ist nicht so einfach, wenn die Politik beim Sport ins Spiel kommt. Die Äußerungen des DEB und insbesondere von unserem Präsidenten Franz Reindl waren besonnen. Es war die einzig richtige Entscheidung, abzuwarten, wie sich alles entwickelt. Unterm Strich war es der richtige Weg.

Kann Lettland die WM alleine stemmen?

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Künast: Ich finde die Lösung sehr gut. Ich bin sehr gerne in Riga, das ist eine Eishockey-Stadt. In der Zeit, in der wir gerade leben, ist die Ein-Stadt-Variante für ein Großereignis das Beste. Ob es am Ende eine WM in einer Blase wird, muss man sehen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Pandemie weiterentwickelt.

Welche konkrete Auswirkungen erwarten Sie für die deutsche Nationalmannschaft?

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Künast: Wir schreiten in unserer WM-Vorbereitung ganz normal weiter voran und warten ab, welche Informationen wir vom Weltverband und dem Ausrichter erhalten. Vielleicht muss das eine oder andere Vorbereitungsspiel in einer Bubble ausgetragen werden – wie die U-20-WM in Edmonton. Um das zu beantworten, benötigen wir etwas Geduld.

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Gibt es analog zu den Olympischen Spielen in Tokio Überlegungen, Sportler und Teammitglieder zu impfen?

Künast: Auch diesbezüglich bin ich zurückhaltend. Ich bin ganz klar der Meinung, dass das gesellschaftspolitisch abgestimmt werden muss. Ärzte, Pflegepersonal, Senioren- und Pflegeheime sollten auf jeden Fall Vorrang haben, bevor man über Athletinnen und Athleten spricht.

Das DEB-Team hätte in dieser Woche zweimal gegen die Schweiz testen sollen. Welche Konsequenzen hat die Absage der Spiele?

Künast: Das macht es für Bundestrainer Toni Söderholm noch einmal ein Stück schwerer. Er kann nicht schauen, wer noch auf den Nationalmannschaftszug aufspringen kann. Ich gehe da sogar noch einen Schritt weiter und denke schon an Olympia im nächsten Jahr. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Toni steht mit den DEL-Beteiligten in engem Austausch.

Was für eine WM erwarten Sie – gerade für die nordamerikanischen Mannschaften?

Künast: Man weiß nicht, wie die Kanadier und Amerikaner planen. Zuletzt war es immer so, dass die WM im Jahr vor Olympia sehr gut – auch mit vielen NHL-Spielern – besetzt war. Wie läuft die NHL-Saison weiter? Wer scheidet aus? Wie sind die Einreiseregeln nach Lettland? Da kommen viele Komponenten zusammen. Man muss Geduld haben und flexibel sein.

Wie ist der Leistungsstand der Nationalspieler?

Künast: Sie geben ein sehr gutes Bild nach außen ab, machen von sich reden. Sie spielen entscheidende Rollen. Es immer schön zu sehen, wenn deutsche Spieler in der Verantwortung stehen und Partien entscheiden. Wir sind breiter aufgestellt als noch vor fünf, sechs Jahren.

Es machen auch viele junge deutsche Spieler auf sich aufmerksam. Ist das eine positive Folge der Pandemie?

Künast: In diesem Punkt kommt uns die Corona-Pandemie – vielleicht – etwas entgegen. Ich bin aber eh ein Verfechter davon, dem Nachwuchs eine Chance zu geben. Die Clubs sollten die Talente vermehrt einbauen, wir müssen mit ihnen arbeiten. Wenn wir das beherzigen, sind wir auf einem guten Weg. Dafür brauchen wir kein Corona, die Spieler sind da! Natürlich ist es auch die Aufgabe des Verbands, noch mehr zu tun, mehr Talente zu entwickeln.

Beim Blick auf die jüngsten Transfers in der DEL: Verlässt die ersten Manager schon der Mut?

Künast: Das glaube ich nicht, man muss immer beide Seiten sehen. Es gibt immer einen gewissen Tagesdruck. Der Trainer oder der Manager vor Ort hat vielleicht gerade nicht die Zeit, junge Spieler zu entwickeln, sondern braucht eine ganz schnelle kurzfristige Lösung. Da ist ein Transfer immer noch ein Mittel, und das muss man auch verstehen. Solange der Nachwuchs darunter nicht leidet, ist das ein normaler Prozess. Der gute deutsche Spieler wird sich immer durchsetzen.

Silber bei Olympia 2018, gute Ergebnisse bei der WM, Leon Draisaitl „Sportler des Jahres“ in Deutschland – ist das deutsche Eishockey so gut aufgestellt wie nie zuvor?

Künast: Wir stehen gut da, das ist allerdings nur eine Momentaufnahme. Olympia ist ja schon wieder drei Jahre her und damit Schnee von gestern. Wir haben Schlagzeilen in der NHL – toll. Jetzt heißt es aber, weiter zu arbeiten, denn Stillstand bedeutet Rückschritt. Wir hatten vom DEB das Konzept „Powerplay 2026“, jetzt brauchen wir ein neues Papier, das vielleicht „Powerplay 2030 oder Powerplay 2026, 2.0“ heißt. Wir müssen uns neue, höhere Ziele setzen, die wir konstant anstreben.

Liegen schon Pläne in der Schublade?

Künast: „Powerplay 2026“ wurde im Jahr 2015 aufgesetzt, jetzt haben wir eine Bestandsaufnahme gemacht. Was haben wir erreicht? Was wollen wir noch schaffen? Was wollen wir verbessern? Wo wollen wir hin? Wir arbeiten die Punkte akribisch ab.

Wo gibt es den größten Nachholbedarf?

Künast: Ich nenne einen Bereich, in den selten ein Sportlicher Leiter hingeht: Frauen-Eishockey. Das ist ja immer noch ein Teil meines Aufgabenbereichs. Mit dem Fünf-Sterne-Programm der Nachwuchsarbeit haben wir zusammen mit der Liga etwas angeschoben, da passiert wirklich etwas. Vielleicht lässt sich dieses um einen „Frauen-Stern“ erweitern. Auch das ist Leistungssport, auch hier wird um ein Olympia-Ticket gekämpft. Zudem können wir die duale Karriereausbildung für unseren Nachwuchs verbessern.

Wie sehr blutet Ihnen vor diesem Hintergrund das Herz, dass die Nachwuchsarbeit derzeit coronabedingt ziemlich brach liegt?

Künast: Jugendliche und Kinder sollten Sport machen und sich bewegen dürfen. Diese Regeln machen andere, nicht der Deutsche Eishockey-Bund! Die Politik gibt das vor, hierfür benötigt man Verständnis. Ich kann eines versichern: Wir sind aktiv, befinden uns ständig in Gesprächen mit der Politik. Vielleicht ist es möglich, in den nächsten Wochen einen Stufenplan aufzustellen, damit wir Schritt für Schritt den Nachwuchs zurück aufs Eis bekommen.

Muss der Verband Aushängeschilder wie Leon Draisaitl noch mehr gewinnen?

Künast: Bei der U-20-WM in Edmonton hat Leon zur Mannschaft gesprochen, wir haben auch Dominik Kahun eingebunden. Die sind bereit, man muss aber die Freigabe ihres Clubs einholen. Ich mache mir am wenigsten darüber Sorgen, dass sie helfen, wenn es ihnen möglich ist. Die Eishockey-Spieler wissen, wo sie herkommen.

Zurzeit sind Sie Interimssportdirektor des DEB. Laufen Gespräche darüber, dass Sie diesen Job nach der Übergangsphase übernehmen?

Künast: Ich mache das jetzt mal bis zum Saisonende, dann sehen wir weiter. Vielleicht entwickelt sich vorher etwas, ich bin ständig im Austausch mit Franz Reindl, unserem Präsidenten. Ich mache meine Arbeit mit Überzeugung und bin davon überzeugt, dass ich sie gut mache. Ich habe viele Pläne und Ideen für die Zukunft.

In der Saison 1997/98 trugen Sie das Trikot der Adler Mannheim. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Künast: Dieses Jahr war sportlich gesehen für mich nicht das beste – obwohl wir Deutscher Meister geworden sind! Mannheim ist eine überragende Eishockey-Stadt, ich habe immer noch Kontakt zu einigen meiner damaligen Teamkollegen. Nicht alle Fangesänge habe ich auf Anhieb verstanden, denn der Dialekt ist schon ein anderer.

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