Handball - Beim Topspiel-Sieg in Berlin wird deutlich, was in den Löwen steckt – und was sie zum Ärger von Andy Schmid zu selten zeigen „Leider sind wir Idioten“

Von 
Marc Stevermüer
Lesedauer: 

Berlin. Irgendwann im Herbst des vergangenen Jahres suchte Ilija Abutovic das Gespräch. Und zwar mit seinem Trainer Martin Schwalb, was nicht weiter verwunderte. Denn der Abwehrspezialist kam bei den Rhein-Neckar Löwen zu dieser Zeit wenig bis gar nicht zum Einsatz. „Er hat schon ein bisschen ,uhuhu’ gemacht“, berichtete Schwalb am Sonntag nach dem 29:23 (18:11)-Sieg seiner Mannschaft im Bundesliga-Topspiel bei den Füchsen Berlin von der Unterredung unter Männern. Was der Trainer genau mit „uhuhu“ meinte, präzisierte der 57-Jährige zwar nicht. Allerdings war das auch nicht zwingend nötig. Es lag ja auf der Hand. Mal ganz abgesehen davon, dass seine Gestik und Mimik ohnehin ausreichten, um das „uhuhu“ des Serben richtig zu interpretieren.

Andy Schmid hadert mit den Leistungsschwankungen der Löwen. © dpa

Maskenfall nach Maskenball

AdUnit urban-intext1

Abutovic war unzufrieden mit seiner Rolle als Notnagel und mit geschenkten Minuten in Spielen, die bereits gewonnen oder verloren waren. Er wollte wieder ein wichtiger Bestandteil sein. „Und dann“ erzählte Schwalb, „haben Ilija und ich uns miteinander beschäftigt. Ich habe ihm noch einmal gesagt, was ich von ihm sehen möchte. Er wiederum hat darüber nachgedacht, was er diesem Team geben kann. In Berlin haben wir gesehen, wie gut er zusammen mit Ymir Gislason harmoniert.“

Kurz vor Weihnachten, bei der Niederlage in Kiel, stand Abutovic erstmals seit langer Zeit wieder in der Startformation und somit auch in der Verantwortung. Er kämpfte sich zurück in die Mannschaft – und behauptet seitdem seinen Platz. In der Hauptstadt unterstrich er am Sonntag seinen Wert, auch weil der 32-Jährige sein eigenes Spiel umgestellt hat und nicht mehr mit einem ausgeprägten Helfersyndrom bei der Verteidigung des eigenen Tores unterwegs ist. Soll heißen: Er konzentriert sich mehr auf sich und seine Aufgaben. Oder wie es Schwalb nennt: „Ilija rennt nicht mehr wie ein Irrwisch über das ganze Feld. Er steht zentrierter, die Jungs arbeiten ihm zu und er spritzt nicht mehr da hin und dort hin.“

Das klappt zwar nicht immer, wie der von allen Löwen schwache Auftritt vor einer Woche bei der Niederlage in Göppingen zeigte. Denn da sah es in der Abwehr so aus, als hätten sich die Badener erst kurz vor dem Spiel kennengelernt. Die Klasse-Leistung von Berlin wiederum machte aber das Potenzial dieses wankelmütigen Teams deutlich. Zwischen Spitzenniveau und unerklärlichem Aussetzer ist immer alles drin. In der Hauptstadt entschieden sich die Löwen für Variante eins. Oder anders ausgedrückt: Dem Maskenball im Schwabenland folgte der Maskenfall an der Spree.

AdUnit urban-intext2

„Wir haben gezeigt, was wir eigentlich für eine Qualität haben. Wir haben richtig geilen Handball gespielt. Leider sind wir Idioten, dass wir das zu wenig zeigen“, sah Regisseur Andy Schmid nach der Gala in Berlin das große Ganze und verwies auf die ihm eigene Art auf die unerwarteten Niederlagen gegen Leipzig sowie in Göppingen und Hannover.

Zauberei und harte Abwehrarbeit

Schmid selbst zeigte in der Schmeling-Halle eine brillante Vorstellung, er plante und dachte die Angriffe voraus wie ein Schachspieler die Züge seiner Figuren. Und wenn der Gegner dann erkannte, was passiert, dass jetzt also gleich wieder der achtfache Torschütze Jannik Kohlbacher am Kreis an den Ball kommt, war es schon zu spät. Es fehlte in diesen Momenten eigentlich nur noch, dass die Füchse als Zeichen der Kapitulation umkippen. So wie ein König beim Schachspiel. Denn die Berliner waren wirklich chancenlos angesichts dieses Spektakels, das die zwei Löwen da produzierten.

AdUnit urban-intext3

Keine Frage: Schmid und Kohlbacher sind das Duo für die hohe Handball-Kunst, die jeder sehen will. Und doch bildet bei aller Zauberei in der Regel die Abwehr die Basis für den Erfolg. So auch in Berlin, wo der zweifache deutsche Meister kaltblütig jeden erzwungenen Füchse-Fehler bestrafte. Solche Siege sind mitunter ein echter Hochgenuss. Weil sie zeigen, dass der Plan funktioniert und dass dem Gegner wirklich nichts einfällt.

AdUnit urban-intext4

„Wir haben das stark wegverteidigt“, sagte Schwalb. Er bescheinigte nicht nur Abutovic „Weltklasse-Niveau“ im Deckungszentrum, sondern auch Gislason, der seine Rolle traditionell etwas offensiver interpretiert, weil der Isländer das dafür benötige Tempo mitbringt und mit seinen flinken Beinen zwei dänische Weltmeister entnervte. „Ymir hat dem Lasse Andersson die Tore aus der zweiten Welle genommen, mit denen der noch die ganze WM verrückt gemacht hat. Und Jakob Holm hat 100 Eins-gegen-eins-Duelle bei der WM gewonnen, diesmal nicht“, schwärmte Schwalb.

Den Füchsen setzte dieser Abnutzungskampf zu, die Badener zwangen sie in den Positionsangriff und zermürbten die Berliner mit einer tadellosen Vorstellung, die allerdings erneut eine nicht ganz unwichtige Frage aufwarf: Wie gut sind diese Löwen eigentlich wirklich?

Selbst nach 17 Liga-Begegnungen weiß man es noch nicht.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/loewen

Mehr zum Thema

Vorzeitig Gruppensieger (mit Fotostrecke) Sieg gegen Trebnje - Löwen machen Achtelfinale in European League klar

Veröffentlicht
Von
kpl
Mehr erfahren

Bob Hanning im Interview Handballnationalmannschaft: „Diese Generation muss jetzt liefern“

Veröffentlicht
Von
Marc Stevermüer
Mehr erfahren

Sieg gegen Trebnje (mit Fotostrecke) Ahouansous Elf-Tore-Show für die Löwen

Veröffentlicht
Von
Marc Stevermüer
Mehr erfahren

Handball Rhein-Neckar Löwen am Sonntag gegen Füchse Berlin

Veröffentlicht
Von
Marc Stevermüer
Mehr erfahren

Handball Ahouansou - Löwen-Mann für die Zukunft

Veröffentlicht
Von
Marc Stevermüer
Mehr erfahren

Handball Spiel-Verschiebung für Rhein-Neckar Löwen

Veröffentlicht
Von
dpa
Mehr erfahren

Handball-Bundesliga Rhein-Neckar Löwen setzten unerwartetes Ausrufezeichen bei Füchsen Berlin

Veröffentlicht
Von
Marc Stevermüer
Mehr erfahren

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft