Gruppe G

Der erste Zauber

Im imposanten Endspielstadium besiegen spielfreudige Brasilianer die sperrigen Serben – und schießen eines der schönsten Tore der WM-Geschichte

Von 
Frank Hellmann
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Traumtor zum Endstand: Brasiliens Richarlison (links) erzielt das 2:0 per Seitfallzieher. © Bild; Robert Michael/dpa

Doha. Wie eine gewaltige goldene Schüssel leuchtet das Lusail Stadium schon aus großer Entfernung. Es ist der logische Ort aller Träume dieser Fußball-Weltmeisterschaft, in dem der Gigantismus bei allen Neubauten auf katarischem Boden auf die Spitze getrieben worden ist. Es hätte keinen passenderen Ort geben können, um in der für das Finale ausgewählten Spielstätte dem Rekordweltmeister Brasilien die erste Bühne zu bieten. In dem Prachtbau landete die Seleção am Donnerstagabend gegen Serbien einen hochverdienten 2:0 (0:0)-Erfolg. Mittelstürmer Richarlison war es, der in der zweiten Hälfte die teils drückende Überlegenheit mit einem Doppelschlag krönte (62. und 73.). Vor allem sein zweiter Treffer geht in die WM-Geschichte ein, denn so viele schönere Treffer als den spektakulären Scherenschlag gibt es nicht. Dafür wird der 25 Jahre alte Freigeist nun weltweit gefeiert.

Am Montag gegen die Schweiz geht es für Brasilien bereits um den Gruppensieg. Auch für Nationaltrainer Tite, der angekündigt hatte, nach diesem Turnier aufzuhören, war dieses erste Leuchtsignal wichtig. Nirgendwo ist der Grat so schmal wie bei den Südamerikanern, die nach dem Viertelfinal-Aus gegen Belgien 2018 und dem Trauma gegen Deutschland 2014 in der Wüste auf Wiedergutmachungstour sind. Und das mit reichlich Rückendeckung.

Fast die Hälfte der 88 103 Zuschauer trug gelbe Trikots. Die stimmungsvolle Atmosphäre von den Rängen übertrug sich zunächst aber nicht auf den Rasen. Die Brasilianer verbuchten zwar mehr Ballbesitz, konnten sich im Strafraum gegen die kantigen Serben kaum einmal durchsetzen. Dazu packte Torwart Vanja Milinkovic-Savic mit einen 2,02 Metern Körpergröße entschlossen zu, als er im letzten Moment Vinicius Junior nach tollem Zuspiel von Thiago Silva stoppte (27.).

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Solche Schnittstellenpässe hätte man eigentlich vom Virtuosen Neymar erwartet, der aber bereits nach neun Minuten ohne Trikot dastand – das war dem Superstar an der Seitenlinie ausgezogen worden. Da kam sein austrainierter Oberkörper zum Vorschein. Seiner Mannschaft fehlten bis zur Halbzeitpause die zündenden Ideen.

Gleich nach Wiederanpfiff vergab Raphinha die beste Chance zum Führungstreffer – wieder war der kräftige Körper von Keeper Milinkovic-Savic im Wege (46.). Der Favorit war nun fest entschlossen, diese Partie in die erwarteten Bahnen zu lenken, doch bezeichnenderweise blieb der Ball auch bei einem Neymar-Freistoß in der Mauer aus roten Jerseys hängen (50.). Von Serbien kam nur wenig, früh verlor das Team des früheren Weltklassespielers Dragan Stojkovic die Bälle.

Wie ein echter Titelanwärter

Nach einer Stunde jagte Linksverteidiger Alex Sandro die Kugel aus 25 Metern an den Innenpfosten (60.). Der in Doha als WM-Legende eingespannter Roberto Carlos hatte einst keine bessere Schusstechnik zu bieten. Es war irgendwie nur logisch, dass irgendwann der erste Treffer fiel, der Torjäger Richarlison glückte, nachdem wieder Krake Milinkovic-Savic den ersten Versuch von Vinicius Junior noch prächtig pariert hatte. Nun hatten die tanzenden Samba-Trommler hinter dem Tor, was sie herbeigesehnt hatten.

Doch es sollte noch viel besser kommen: Wieder war der flinke Vinicius Junior der Wegbereiter, der mit einem herrlichen Außenristpass seine für Tottenham Hotspur spielende Nummer neun fand, die sich das Spielgerät hochlegte, um dann artistisch zu vollstrecken. Ein Traumtor, das für ekstatische Zustände im weiten Rund sorgte. Nun war der fünffache Weltmeister in Spiellaune, hätte bei weiteren Chancen noch höher gewinnen können.

Casemiro scheiterte an der Latte (81.), doch unter dem Strich hatte Brasilien bestätigt, zu den Aspiranten zu gehören, die an diesem Ort am 18. Dezember um den goldenen Pokal spielen wollen.