Vereine - Der „Roll- und Eissportclub“ hat sich aufgelöst / Neben Stockschießen gab es einst Rollschnelllauf und Rollkunstlauf Geschichte des REC Heppenheim endet nach 65 Jahren

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Helmut Seip
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Mehr als 25 Jahre war das RECH-Stockschießen-Turnier fester Bestandteil des Weinmarkt-Programms, der Hof der Nibelungenschule wurde festlich geschmückt. © Klings

Heppenheim. „Im besten Rentenalter“, so Vorsitzender Richard Wagner, ist das Vereinsleben des Roll- und Eissportclubs Heppenheim (RECH) erloschen: „Es waren 65 Jahre mit allen Höhen und Tiefen.“ In den letzten Jahren, als nur noch die Stockschieß-Sparte aktiv betrieben wurde, deutete sich das Ende immer mehr an. „Erste ernsthafte Überlegungen, den RECH aufzulösen, gab es 2017, als wir mangels Resonanz die 41. Auflage unseres Weinmarkt-Turniers absagen mussten“, so Wagner: „Jetzt mussten wir endgültig einsehen, dass alles keinen Sinn mehr machte.“

Eisstockschützen im Bundesliga-Fahrstuhl

Die RECH-Stockschützen waren nicht nur auf Asphalt, sondern auch auf Eis erfolgreich aktiv. Seit 1981 gehörten sie mehrmals der Bundesliga West an, die mit Mannschaften aus Nordrhein-Westfalen und Hessen entweder in Krefeld oder in Frankfurt ihre Spieltage an Wochenenden austrug. Die Heppenheimer sorgten sogar für Aufsehen in der Szene, als sie eine Saison lang zwei Herrenmannschaften in der Ersten Liga am Start hatten.

Zunächst trainierten die Heppenheimer im offenen Ludwigshafener Eisstadion, dann in den Hallen in Mannheim und in Viernheim sowie kurzzeitig noch in Darmstadt. Letztlich mussten sie ihre Übungseinheiten nach Frankfurt verlegen, „was dann aber für viele Spieler zu zeit- und kostenaufwendig wurde“, erinnert sich Richard Wagner, „so dass wir dann zu den Turnieren ohne Eistraining fuhren“, in dem der 69-Jährige auch keine entscheidende Bedeutung sieht: „Wer auf Asphalt den Stock gut spielen kann, bekommt dies auch auf Eis gut hin; abgesehen von der Standsicherung.“

Die RECH-Herren entwickelten sich „zu einer Fahrstuhlmannschaft, denn für die Oberliga waren wir zu stark und für die Bundesliga zu schwach“, so der Vorsitzende: „Ich denke, dass wir die Mannschaft waren, die am meisten auf- und gleich wieder abgestiegen ist.“ hs

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Zum Schluss gab es nur noch 13 Vereinsmitglieder, vier davon waren noch aktiv. Und Richard Wagner war mit 69 Jahren noch der Jüngste im Bunde. Schon sehr lange fehlte es am nötigen Nachwuchs für den Spielbetrieb. Und an ein Stockschieß-Training der RECH-Veteranen war nach dem Wegfall des heimischen Mehrzweckfeldes neben der Nibelungenhalle durch den Sporthallenneubau seit 2019 auch nicht mehr zu denken.

Somit bleibt nur der Blick zurück auf glorreiche Zeiten des RECH, zu denen Richard Wagner (ARchivBild von 2013: hs) als ehemaliger Fußballer und Badmintonspieler beigetragen hat. Seit seinem Beitritt im Jahr 1981 hat er mit Werner Guthier, Karl-Heinz Hoffner und Markus Schmitt drei Vorsitzende erlebt, ehe er 2010 selbst die Führungsposition übernahm.

In den 1980er-Jahren erlebte der Club zum zweiten Mal in seiner Geschichte eine Blütezeit, nachdem in den 1950er-Jahren viele Erfolge, auch bei Welt- und Europameisterschaften, im Rollkunst- und im Rollschnelllauf gefeiert wurden; zudem wurden damals Straßenrennen auf den Rollschuhen in Heppenheim ausgetragen.

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Vor knapp 40 Jahren gab es mit der Einweihung der Rollschuhbahn für Kunst- und Schnelllauf im Starkenburgstadion einen neuen Schub – allerdings nicht mit einer Langzeitwirkung. Denn nachdem von 1983 bis 1986 dort eine Deutsche und drei Hessenmeisterschaften im Schnelllaufen stattgefunden hatten, ebbte der Rollsport-Boom ab. Das Feld innerhalb der Rollbahn im Stadion wurde ab 1995 noch einmal 20 Jahre lang fleißig durch eine Inlinehockey-Mannschaft genutzt, die sich „als verschworene Gemeinschaft im RECH selbst organisierte“, so Richard Wagner.

In den 1980er-Jahren begannen die Glanzzeiten der Stockschieß-Abteilung, die sich seit 1977 mit der alljährlichen Ausrichtung des Weinmarkt-Turniers sogar international einen guten Ruf erworben hatte. Bis 2003 waren auf dem Nibelungenschulhof neben Damenteams auch noch bis zu 21 Herrenmannschaften im Einsatz, die nicht nur aus allen Ecken Deutschlands, sondern auch aus Italien, Österreich und der Schweiz anreisten. Neben dem Sport wurde in der großen Stockschieß-Familie natürlich die Geselligkeit großgeschrieben.

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Mit der Begrünung des Schulhofes 2003 fiel dieser als Austragungsort weg und auf dem Mehrzweckfeld neben der Nibelungenhalle musste die Teilnehmerzahl auf elf Teams begrenzt werden.

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Es war der erste, einschneidende Rückschritt, doch letztlich hatte der RECH Mühe, auch das verkleinerte Teilnehmerfeld zu füllen, denn die Zahl der Aktiven bei dieser Randsportart ließ nicht nur im Heppenheimer Verein immer mehr nach. „Mittlerweile sind es in Deutschland fast nur noch bayerische Vereine, die das Stockschießen betreiben“, so Richard Wagner, der auch „ein viel zu kompliziertes und umfangreiches Regelwerk“ für den Niedergang „seines“ Sports verantwortlich macht: „Zudem ist es ein sehr kosten- und zeitintensives Hobby.“

Dass der RECH sich schuldenfrei aus der Sportszene verabschieden konnte und in der laufenden Liquidationsphase sogar auf Rücklagen zurückgreifen kann, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die aktiven Mitglieder „bei ihrem teuren Spaß sehr viel selbst finanziert haben“, so der Vorsitzende. Für die Anschaffung eines hochwertigen Stocks müssen rund 400 Euro hingelegt werden; dazu kommen je vier Platten im Gesamtwert von ca. 250 Euro für das Spielen auf Asphalt oder auf Eis.

Redaktion