Fußball - Elton da Costa und Patrick Wulff haben noch keine schlechten Erfahrungen gemacht / Probleme in unteren Ligen Amateure unterstützen Proteste der Profis gegen Rassismus

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Zeichen gegen Rassismus: Auch vor dem Drittligaspiel Waldhof Mannheim gegen Viktoria Köln knieten Spieler und Schiedsrichter schweigend am Mittelkreis. © Pix

Bergstraße. Die Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in den USA haben auch auf deutschen Straßen eine Protestwelle ausgelöst. Und nicht nur dort. In den Fußballstadien gab es am Rande der Bundesliga-Geisterspiele am zweiten Wochenende in Folge beeindruckende Zeichen der Solidarität, ebenso beim Start in das Finalturnier der Basketballer.

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In wohl allen Sportart von den untersten Kreisligen bis in die deutsche Spitze sind Akteure mit Migrationshintergrund mit ihren deutschen Kameraden schon seit Jahrzehnten gemeinsam im Einsatz, der Sport ist ein wichtiger Faktor für eine gelungene Integration. Wir haben bei einigen Vereinen nachgefragt, was sie von den Protestaktionen halten und wie es bei ihnen mit der Integration aussieht.

Patrick Wulff, Spieler des Fußball-Gruppenligisten FC 07 Bensheim, wurde in Philadelphia (USA) geboren, aufgewachsen ist er bei seinen Adoptiv-Eltern in Kirschhausen. Er hat eine sehr behütete Kindheit in dem Heppenheimer Stadtteil verbracht, erzählt der 21-Jährige. Rassistischen Anfeindungen wegen seiner Hautfarbe war er nicht ausgesetzt, weder im Alltag noch auf dem Fußballplatz. „Ich bin glücklich, dass mir das bislang nicht passiert ist.“

Neben der deutschen besitzt der Student auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Auf die USA blickt er mit großem Unbehagen. „Das macht mich sehr betroffen, was dort geschieht. Ich bin froh, in Deutschland zu leben.“ Die weltweiten Solidaritätsbekundungen, friedlichen Demonstrationen und Anti-Rassismus-Aktionen begrüßt Wulff und hofft auf nachhaltige Reformen, die den strukturellen Rassismus in seinem Geburtsland beseitigen.

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Elton da Costa, als 18-jähriger aus Brasilien nach Deutschland gekommen, war als Fußballer in allen Spielklassen von der 2. Liga bis zur Gruppenliga unterwegs. In vielen Jahren im deutschen Fußball bei unterschiedlichen Vereinen ist weder er noch einer seiner dunkelhäutigen Teamkollegen rassistisch beleidigt worden, berichtet der Spielertrainer des FC 07 Bensheim. „Es ist nie etwas vorgefallen in dieser Richtung.“ Die weltweiten Proteste sieht der 40-Jährige als echte Chance für Veränderungen. „Alle Menschen müssen sich die Hände reichen und zusammenstehen gegen Rassismus.“ eh

So sieht es auch Dominik Melzer: „Ich finde die Aktionen der Mannschaften und einzelner Spieler gut und bin der Meinung, dass die Bundesliga durch die hohe Strahlkraft, die sie deutschlandweit und derzeit – durch Corona – weltweit hat, eine passende Plattform für solch friedliche Sympathie-Kundgebungen ist“, unterstreicht der Kapitän des Gruppenligisten VfR Fehlheim: „Profifußballer sind vor allem für Kinder und Jugendliche Idole und Vorbilder und somit in der Position, diese frühestmöglich für das Thema Rassismus zu sensibilisieren.“ net

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Bekir Ilhan findet es „super, dass die Bundesligaspieler ihre Reichweite nutzen, um auf Rassismus aufmerksam zu machen. Und es wäre das falsche Signal, wenn die Spieler seitens DFB oder DFL sanktioniert werden würden“, sagt der Teammanager des Kreisoberligisten Olympia Lorsch: „Ich persönlich hatte zu meiner aktiven Zeit eher selten Probleme mit Rassismus. Hier und da gab es schon mal einen dummen Spruch. Es sind mir aber bei solchen Vorfällen erfreulicherweise sowohl aus der eigenen als auch aus der gegnerischen Mannschaft die Vernünftigen zur Seite gestanden. Ich denke die Vernünftigen müssen gegen Rassismus noch lauter werden.“ net

Probleme bei SSV und SGL

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Abedin Reqica und mit ihm das ganze Team des A-Ligisten SSV Reichenbach ist bei Spielen immer wieder rassistischen Beschimpfungen ausgesetzt. Wie der SSV-Spielertrainer, der kosovarische Wurzeln hat, haben einige Kicker des Clubs einen Migrationshintergrund und sind aufgrund ihrer Herkunft Ziel von verbalen Attacken durch Zuschauer oder Gegenspieler. „Das hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen“, stellt Reqica (36), der seit 35 Jahren in Deutschland lebt und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, fest.

Der Hinweis an seine Spieler, sich durch solche Angriffe nicht provozieren zu lassen, gehört quasi zum Standardprogramm der Teambesprechungen vor einem Match. „Das ist traurig, aber es ist so.“ Er führt diese Entwicklung auf die zunehmenden rechtspopulistischen Tendenzen in Politik und Gesellschaft zurück, die auf den Sport durchschlagen.

Reqica plädiert dafür, rassistische Ausfälle auf dem Sportplatz konsequent zu sanktionieren, und sieht alle Vereinsvertreter, Verbände und Schiedsrichter in der Pflicht. Von den „wichtigen und richtigen“ Solidaritätsbekundungen aus dem Profisport erhofft er sich eine Signalwirkung für den Amateurbereich. Zudem appelliert Abedin Reqica an die Vorbildfunktion jedes Einzelnen in der Fußballfamilie: „Wir Erwachsene, ob Trainer, Spieler oder Zuschauer, müssen das vorleben und uns klar gegen Rassismus stellen.“ eh

Nicht erst während der jüngsten Flüchtlingswelle gehörte die kleine SG Lautern zu den Vereinen, die sich darum bemühten, in dem Ort im Lautertal gestrandete Migranten bei den Fußballern ein soziales Umfeld zu verschaffen. Ganz reibungslos ging das nicht über die Bühne, wie der Vorsitzende Rainer Röhm berichtet: „Wenn man es genau nimmt, gab es bei uns im Verein eine gewisse Form von Rassismus. Als wir uns verstärkt um Flüchtlinge gekümmert haben, hat das sogar zu Vereinsaustritten geführt. Darunter befand sich ein Vorstandsmitglied, das angekündigt hatte, dass er sofort austreten würde, wenn ein Flüchtling bei uns Fußball spielen würde. Das war damals eine traurige Entwicklung und wir waren gefordert und mussten einige Wogen glätten. Inzwischen ist es aber ruhig bei uns und alles nimmt seinen geregelten Gang. Dass die Profis in der Bundesliga auf diese Problematik aufmerksam machen, begrüße ich persönlich sehr.“ net