England - Team von Trainer Southgate könnte bis zum EM-Finale im Wembley-Stadion spielen / Dank Offensivwucht im Favoritenkreis

Heimvorteil mit Hindernissen

Von 
Hendrik Buchheister
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Manchester/London. Es fliegen wieder Pfeile im Lager der Engländer. Bei der WM in Russland vor drei Jahren duellierten sich täglich Nationalspieler und Journalisten an der Dartscheibe und schufen damit eine ungewohnt entspannte Atmosphäre zwischen Mannschaft und Öffentlichkeit, die dazu beitrug, dass die englische Auswahl bis ins Halbfinale vorrückte.

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Die Statue von Fußballlegende Bobby Moore steht vor dem Eingang des Wembley-Stadions in London. Dort findet auch das Endspiel statt. © dpa

Bei der EM setzen die „Three Lions“ wieder auf die verbindende Wirkung des Kneipenspiels. Im englischen Basis-Camp, dem luxuriös ausgestatteten Verbandsstützpunkt St. George’s Park bei Birmingham, ist im Zelt für die Journalisten eine Dartscheibe aufgebaut. Zur Einweihung des Medienzentrums, in das wegen der Corona-Regeln nur wenige Auserwählte Einlass erhalten, setzte sich Trainer Gareth Southgate unter der Woche gegen Carrie Brown, die Vorsitzende der britischen Vereinigung der Fußball-Journalisten, durch.

Ähnlich erfolgreich soll aus Southgates Sicht die EM verlaufen, die für England an diesem Sonntag gegen Kroatien (15 Uhr/live in der ARD) beginnt – gegen jenes Land also, gegen das in Russland im Halbfinale Schluss war. Die weiteren Gegner in Gruppe D sind Nachbar Schottland sowie Tschechien.

Die Erwartungen sind hoch, aus mehreren Gründen. England könnte praktisch eine Heim-EM haben. Die Mannschaft bestreitet alle Vorrundenspiele im Londoner Wembley-Stadion. Sollten die „Three Lions“ ihre Gruppe gewinnen, würden sie auch das Achtelfinale in der heiligen Stätte des englischen Fußballs austragen, gegen den Zweiten der deutschen „Todes-Staffel“ F.

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Die Halbfinals und das Endspiel finden ohnehin in Wembley statt. England hofft auf eine Wiederholung der bis heute als „Summer of Love“ verklärten EM 1996 auf heimischem Boden, als die Mannschaft mit teilweise magischem Fußball ins Halbfinale kam, wo dann, genau: im Elfmeterschießen gegen Deutschland Schluss war. Southgate leistete sich damals den entscheidenden Fehlschuss.

Von diesem Missgeschick hat sich der Trainer durch die gute WM emanzipiert. In der Nachbetrachtung des Turniers vor drei Jahren stand allerdings auch die Erkenntnis, dass England vor allem dank machbarer Gegner und guter Standardsituationen unter die letzten vier Teams gekommen war – nicht durch spielerischen Zauber. Bei der EM erwartet die englische Öffentlichkeit mehr Glanz von Southgates Mannschaft. Das liegt auch daran, dass die Engländer in der Offensive mit einem unverschämten Reichtum an fußballerischer Begabung gesegnet sind.

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Rätselraten über das System

Um die Plätze neben Kapitän und Torjäger Harry Kane duellieren sich Raheem Sterling, Phil Foden (beide Manchester City), Marcus Rashford (Manchester United), Mason Mount (FC Chelsea), Jack Grealish (Aston Villa) und Jadon Sancho (Borussia Dortmund). Dank dieser luxuriösen Auswahl gehört England zu den EM-Favoriten. Weniger als das Finale dürfte als Misserfolg gewertet werden – als weiterer Misserfolg. Seit dem WM-Titel 1966 versuchen sich die Engländer bekanntermaßen vergeblich bei Turnieren.

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Neben der Last der Geschichte schleppt die Mannschaft allerhand Fragezeichen in die EM. Es ist unklar, mit welchem System Southgate spielen lässt. Torwart Jordan Pickford ist – nach englischer Tradition – immer für einen Fehler gut. Die Defensive hat Schwächen. Schlüsselspieler wie Abwehrchef Harry Maguire (Manchester United) und Abfangjäger Jordan Henderson (FC Liverpool) sind nicht fit oder kommen gerade erst aus dem Krankenstand zurück. Die finalen Tests vor der EM waren eine Farce. Bei den müden 1:0-Siegen gegen Österreich und Rumänien musste Southgate sogar Spieler aufbieten, die gar nicht im Turnier-Kader stehen, weil sich die Profis von Chelsea, Manchester City und Manchester United noch von den Finals von Champions League und Europa League erholten.

Proteste gegen Protest

Außerdem lösten die Partien im Riverside Stadium in Middlesbrough eine unangenehme Debatte aus, die England durch die EM begleiten dürfte. Wie in der Premier League seit dem Neustart nach der Corona-Pause vor einem Jahr üblich, gingen die Spieler vor dem Anpfiff auf die Knie, als Zeichen gegen Rassismus. Eine nicht überhörbare Zahl an Fans reagierte mit Buhrufen.

Bei der EM spielen die Engländer also auch gegen Sektionen des eigenen Publikums. Der Heimvorteil könnte zum Nachteil werden. Denn die Mannschaft ist entschlossen, weiterhin zu knien.

Thema : Fussball-EM 2021

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  • Sport „Geht nicht um meine Gefühle“

    ZDF-Reporterin Claudia Neumann ist seit Jahren immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Sie selbst liest das alles nicht mehr, sagt sie. Am Donnerstag (18 Uhr/ZDF und Magenta TV) kommt eine ganz besondere Aufgabe auf die 57-Jährige zu, denn sie kommentiert bei Dänemark gegen Belgien das erste Spiel der Dänen nach dem Kollaps von Christian Eriksen. Im Interview erzählt Neumann, wie sie sich auf den besonderen Fußball-Tag vorbereitet, wie sie die schockierenden Bilder aus Kopenhagen am vergangenen Samstag aufgenommen hat und warum sie mit Kritikern auch gerne in den offenen Austausch tritt. Frau Neumann, Fußballer sprechen gerne vom „größten Spiel ihres Lebens“. Sie kommentieren am Donnerstag die EM-Partie Dänemark gegen Belgien – unter ganz besonderen Vorzeichen. Ist es für Sie das bisher größte und speziellste Spiel Ihrer Laufbahn? Claudia Neumann: Es ist definitiv ein sehr besonderes Spiel, auf jeden Fall. Es wird eine spezielle Herausforderung auf uns warten, ein Spiel der Gesten und Symbole, da kann auch ein bisschen Gänsehaut bis auf die Reportertribüne rüberwachsen. Zumal ich sehr empfänglich für solche emotionalen Dinge bin. Sie haben direkt nach dem Vorfall am Samstag das Folgespiel Belgien gegen Russland kommentiert. Wie haben Sie die dramatischen Szenen um Dänemarks Christian Eriksen mitbekommen? Neumann: Wir haben auf den Reporterplätzen oben die UEFA-Monitore, auf denen wir alle Spiele verfolgen können, die Eriksen-Szene hat uns natürlich restlos schockiert. Es war klar, dass das auch unser Spiel betreffen wird. Wir haben zunächst alle Kollegen und Kolleginnen in Mainz in Ruhe gelassen, wohlwissend, dass man jetzt erstmal alles rational sortieren muss. Die Idee, dass wir später erst im Infokanal beginnen, bevor wir nach Beendigung des Dänemark-Spiels im Hauptprogramm auf Sendung gehen, war aus meiner Sicht die richtige Entscheidung. Die Prozesse verliefen so zügig nacheinander, dass ich mir erst während des Kommentierens Gedanken gemacht habe, was ich eigentlich später wiederholen müsste, wenn wir den Kanal wechseln. Nun erwartet Sie am Donnerstag der knifflige Spagat zwischen Menschlichkeit und Fußball-Business. Haben Sie Angst? Neumann: Nein. Angst ist das falsche Wort, aber Respekt. Ich habe gestern ein bisschen reingeschaut, was die Kollegen der ARD im Nachgang gemacht haben, dabei habe ich Almuth Schult gehört, die erzählt hat, dass sie sich mehrere Male beim Weinen erwischt hat. Ariane Hingst, meine Co-Kommentatorin, hat am Samstag gleich gesagt: Die können nicht weiterspielen. Der Kopf von Profisportlern stehe in solchen Situationen kurz vor der Explosion. Das seien so extrem anspruchsvolle psychologische Faktoren. Aspekte, die wir Journalisten so genau kaum nachempfinden können. Aber es fühlte sich für mich schlüssig an in dem Moment. Ich werde am Donnerstag aufpassen müssen, mich selbst nicht zu sehr der emotionalen Schiene hinzugeben. Es geht schließlich nicht um meine Gefühle, sondern um die der Beteiligten. Was ist für eine TV-Kommentatorin die große Herausforderung bei diesem Spiel? Neumann: Eine vernünftige Mischung zu finden. Man muss das Spiel auch seriös rüberbringen, wenn der Ball rollt. Man darf nicht alles unterdrücken. Glücklicherweise geht es Christian Eriksen offenbar ganz gut, angesichts der ernsthaften Situation. Sie standen bei der WM 2018 extrem im Fokus, wurden harsch und unsachlich kritisiert, teilweise beleidigt. Was hat das mit Ihnen gemacht? Neumann: Nichts Besonderes, wenn ich ehrlich bin. Ich habe das eingeordnet im gesamtgesellschaftlichen Kontext. Viele Leute sagen: Natürlich macht das was mit einem, aber ich könnte es nicht konkret benennen. Für mich ist es eine Geschichte von gestern. Ich lasse das nicht an mich heran, jedenfalls nicht persönlich. Gab es in den vergangenen Jahren weitere Angriffe? Neumann: Ich lese nach wie vor nichts, nur wenn mich jemand darauf anspricht, bekomme ich Kenntnis. Der Reflex, nach Spielen ins Netz zu schauen, ist mir wirklich fremd. War er immer schon, heute sogar in 100-prozentiger Konsequenz. Lesen Sie überhaupt noch in sozialen Netzwerken? Neumann: Soziale Netzwerke interessieren mich dann, wenn ich irgendwo etwas recherchiere. Aber nicht in dem Sinne, dass ich mir von einem kleinen Teil erzählen lasse, wie ich mich zu verhalten habe. Welche Form von Kritik oder Feedback ist für Sie hilfreich? Neumann: Jede, die konstruktiv ist. Das kann von Fachleuten kommen, von TV-Kennern oder Fußball-Experten, aber auch von ganz normalen Zuschauern. Ich bekomme auch gelegentlich eine E-Mail mit positiven aber auch mit kritischen Anmerkungen. Wenn die vernünftig formuliert sind, sind die Leute in der Regel überrascht, dass ich tatsächlich zurückschreibe. dpa

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