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Wegzeichen - Eine starke Willenskraft ist allerdings die Voraussetzung für eine nachhaltige Veränderung

Die Macht der Gewohnheiten durchbrechen

Von 
Markus Bissinger
Lesedauer: 
Thomas begegnet dem Auferstandenen – ihm gehen die Augen auf. Unser Bild zeigt die 1930 geschaffene und bekannte Skulptur „Das Wiedersehen“ von Ernst Barlach. © Bissinger

Der erste Eindruck zählt. Begegne ich einer anderen Person das erste Mal, zählen die Eigenschaften, die ich sofort wahrnehme. Innerhalb weniger Sekunden mache ich mir ein Gesamtbild. Dieser erste Eindruck wirkt sich meist auf die gesamte weitere Beziehung aus. Doch er trügt. Ich schaffe es lediglich, eine kleine Facette meines Gegenübers zu erkennen. Ganz erkenne ich andere nie. Erst recht, da jede Person die Freiheit und das Recht hat, sich im Laufe der Zeit auch zu verändern.

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Psychologen sprechen auch von einem „Überstrahlungseffekt“. Ich schließe unmittelbar von einer herausstechenden Eigenschaft oder Verhaltensweise meines Gegenübers auf weitere Charakterzüge oder Fähigkeiten. Bekannte Menschen sind besonders betroffen. Durch ihre Popularität werden ihnen Eigenschaften zugeordnet, die der von ihnen gewünschten Rolle gerecht werden, aber nicht unbedingt der wirklichen Persönlichkeit.

Die Beurteilung anderer hat mit Gewohnheiten zu tun. Unser Gehirn erhält einen externen Reiz, auf den wir dann automatisch reagieren. Wir entwickeln dann „gewöhnliche“ Bilder und Verhaltensweisen, von denen wir auch nur schwer ablassen. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, heißt es. Wir alle sind zu einem großen Teil durch unsere Gewohnheiten bestimmt. Aber wir können enorm profitieren, wenn wir alte und schlechte Gewohnheiten gegen neue und gute austauschen. Das erfordert Willenskraft. Verankern sich neue Gewohnheiten und Ansichten erst einmal fest in uns, haben sie Bestand. Und sie wirken am Ende sogar ohne unser aktives Zutun!

Die Macht der Gewohnheit verhindert gerne den Zugang zu neuen Einsichten und Erfahrungen. Die Bibel hat dafür ein beeindruckendes Beispiel parat. Die Begegnungen mit Jesus rufen entweder Glauben an ihn oder Unglauben hervor. Es sind gerade diejenigen, die ihn meinen, ganz zu kennen und die sich gegen ihn stellen: die eigene Familie, Verwandte und Leute seines Heimatortes. Das vermeintliche Kennen seiner Person verhindert oder erschwert zumindest ein tieferes Wahrnehmen. Entsprechende Erfahrungen haben auch die biblischen Propheten gemacht. „Der Prophet gilt im eigenen Lande nichts“, heiß es.

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Jesus verweist darauf, dass dort, wo kein Glaube und keine Offenheit dafür sind, dass Gott jetzt in ihm wirkt, da kann er auch nichts tun. Er entscheidet sich, dann woanders zu wirken. Auch der inzwischen erreichte Bekanntheitsgrad, den Jesus errang, änderte nichts an den Sichtweisen in seinem bisherigen Lebensumfeld. Er stand ihm eher entgegen.

Das sollte Christen aufmerken lassen. Dem Beispiel folgend sollten sie sich nicht so sehr auf Gewohnheiten setzen, sondern für Neues aufgeschlossen sein. Gerade auch in kirchlichen Kreisen hält sich vieles sehr hartnäckig, was eigentlich neu betrachtet und den „Zeichen der Zeit“ angepasst werden müsste. Diejenigen, die beim Gewohnten nicht mitmachen, werden gerne als Ungläubige bezeichnet, ohne dass sich bemüht wird, sie ganz zu sehen und anzuerkennen.

Jesus verlässt seinen gewohnten Bereich, um außerhalb des Bisherigen Menschen für sein Anliegen zu gewinnen. Seinem Beispiel folgend könnte das für Heute heißen, bewusst auf die Menschen zuzugehen, die sich in der Kirche nicht mehr beheimatet fühlen. Das erfordert Willenskraft - und die muss trainiert werden.

Das überwiegende Interesse der Bevölkerung liegt keineswegs in den herkömmlichen Bahnen der kirchlichen Religiosität. Viele haben den bisher gewohnten kirchlichen Bereich bereits verlassen, weil sie - wie vielleicht auch Jesus damals - spüren mussten, dass sie hier nicht richtig und ganz wahrgenommen werden. Sie suchen sich andere Möglichkeiten, ihre Spiritualität auszuüben oder haben sie bereits gefunden.

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Die Erzählung im Markus-Evangelium (Mk, 6,1-6) ist zentrale Lesung in den katholischen Gottesdiensten des Sonntags und damit Predigtgrundlage.

Freier Autor Rubrik "Wegzeichen" in der Wochenendbeilage. Berichte zu den Themen Soziales, Gesellschaft und Kirche.

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