Justiz - Landgericht Mainz ordnet Unterbringung des 28-Jährigen in der Psychiatrie an / „Im Wahn zugestochen“ Zwölf Jahre Haft nach Mord an Wormserin

Von 
Simone Jakob
Lesedauer: 

Mainz. In einen übergroßen Parka eingehüllt sitzt Ahmed T. auf der Anklagebank. Seine dunkelbraunen Augen wandern mal zur Decke, mal zu seinem Dolmetscher. Fast scheint es, als würde der junge Tunesier nicht glauben wollen, dass ihn das Mainzer Landgericht wegen Mordes zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Richter sind überzeugt, dass er seine 21 Jahre alte Freundin in Worms mit 30 Messerstichen getötet hat.

Mit Handfesseln sitzt der 28-jährige Angeklagte im Gerichtssaal des Mainzer Landgerichts und versucht sein Gesicht unter der Kapuze zu verbergen. © dpa
AdUnit urban-intext1

Zudem ordnet die Erste Große Strafkammer unter dem Vorsitz von Wolfgang Eckert die Unterbringung des 28 Jahre alten Mannes in einem psychiatrischen Krankenhaus an, weil er für die Allgemeinheit gefährlich sei. Er leide seit Monaten unter einer psychischen Störung, die sich weiter verschlimmere. Da er den Mord deshalb im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit begangen hat, verhängt die Kammer keine lebenslange Haft.

Verminderte Schuldfähigkeit

Für Mord sieht das Gesetz nur eine Strafe vor – die lebenslange Haft.

Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen erheblich vermindert, so kann die Strafe aber auch bei Mord gemildert werden.

Der Strafrahmen liegt dann zwischen drei und 15 Jahren. Im Fall der getöteten Wormserin hält das Mainzer Landgericht zwölf Jahre für „unabdingbar aber auch ausreichend“.

Die Richter gehen davon aus, dass der Angeklagte unter einer psychischen Störung litt. Da seine wahnhafte Vorstellung, das Opfer hätte ihn missbraucht, direkte Auswirkungen auf die Tat hatte, sei die Schuldfähigkeit des Mannes vermindert gewesen (§ 21 StGB).

Problematische Beziehung

Die Mutter der getöteten Wormserin verbirgt ihr tränenüberströmtes Gesicht hinter beiden Händen, als Richter Eckert das „Motiv-Bündel“ schildert, das zu jenem tragischen Vorfall am Aschermittwoch geführt hat.

Der junge Tunesier sei 2017 nach Deutschland gekommen, habe aber sein Asylverfahren nicht vorangetrieben, so dass er illegal in Deutschland war und seine Abschiebung bevorstand. Die junge Wormserin beschreibt der Richter als „orientierungslos“. Sie habe eine Ausbildung abgebrochen und sei auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft gewesen.

AdUnit urban-intext2

Über Bekannte hätten sich Ahmed T. und die 21-Jährige kennengelernt. Am Anfang habe wohl die Idee gestanden, dass sie ihn gegen Geld heiratet, um seinen Aufenthaltsstatus zu sichern. „Aber dann sind sie ein echtes Liebespaar geworden.“ Die Beziehung sei aber – bedingt durch die unterschiedliche Herkunft – problematisch gewesen.

Immer wieder gab es Streit

„Sie war eine selbstbewusste junge Frau, die offen über sexuelle Dinge sprach und gerne ausging. Nach seiner Überzeugung sollte die Frau aber zu Hause bleiben, putzen, waschen und kochen. Er wollte als Mann der dominante Part der Beziehung“, schildert der Vorsitzende die Ausgangslage. Immer wieder habe es Streit darüber gegeben. „Seine Partnerin sollte sich nicht freizügig kleiden oder schminken.“ Zudem seien beide eifersüchtig gewesen. Der Angeklagte auf den Ex-Freund der Wormserin, sie auf seine Ex-Frau, mit der er in Italien einen Sohn hat.

AdUnit urban-intext3

Von den Planungen einer Heirat sei man kurz vor der Tat bereits abgerückt gewesen. Vielmehr habe der Angeklagte die 21-Jährige zu seinen Eltern nach Tunesien schicken wollen, um sie „einzunorden“ und ihr zu zeigen, wie sich eine Ehefrau zu benehmen hat.

AdUnit urban-intext4

Nur zwei Tage vor der Tat entwickelte Ahmed T. nach Einschätzung des psychiatrischen Gutachters das wahnhafte Gefühl, dass seine Freundin ihn mit K.o.-Tropfen betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt hat. Obwohl diese Vorstellung keinen realen Hintergrund hatte, sei es für ihn eine Gewissheit gewesen. In jener verhängnisvollen Nacht im März habe sich wieder ein Streitgespräch über freizügige Kleidung und die Rolle der Frau entwickelt. Allerdings habe sich der Tunesier durch die wahnhafte Vergewaltigung als Opfer und sie als Täterin betrachtet. So habe er vor Gericht davon gesprochen, dass er die junge Frau für das, was sie getan hatte, „zeichnen“ und „bestrafen“ wollte.

Während die junge Frau entspannt auf dem Bett im Schlafzimmer lag und dem im Flur sitzenden T. den Rücken zuwandte, habe dieser sich in eine zornige Erregung hineingesteigert. „Er nahm das Messer, das nach dem Aufbau eines Schranks wie anderes Werkzeug noch im Flur auf der Bank lag, und stach von hinten mehrfach wuchtig auf seine arglose Freundin ein“, schildert der Vorsitzende. „Das war ein vorsätzlicher heimtückischer Mord.“ Die Stiche mit dem 20 Zentimeter langen Messer seien so heftig gewesen, dass sie die Rippen durchbohrten. „Die letzten hat er gesetzt, als der Kreislauf zusammengebrochen und die Frau dem Tode nahe war.“

Die Schilderung ist für die Mutter der jungen Wormserin nicht zu ertragen. Sie verlässt fluchtartig den Saal. Ein Wort der Reue, den Ausdruck von Mitgefühl oder gar eine Entschuldigung des Angeklagten hat die zerbrechlich wirkende Frau in dem Verfahren nicht gehört. „Obwohl Ahmed T. ausreichend Gelegenheit dazu hatte“, sagt Eckert.

Ahmed T. hängt an den Lippen des Dolmetschers und blickt ins Leere. Für die Kammer steht indes fest, dass er ein sehr gefährlicher Mensch ist. „Die Prognose ist ungünstig, da sich seine Wahnvorstellungen ausweiten“, so der Vorsitzende. Irgendwann werde Ahmed T. auch Unbeteiligte angreifen. „Er unterstellt den Justizbeamten, dass sie ihn vergiften wollen.“

Autor