Landgericht - Zweiter Prozesstag gegen 60-Jährigen aus Birkenau „Wenn Du gehst, passiert ein Unglück“

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awe
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Symbolbild. © dpa

Bergstraße. Es ist der zweite Prozesstag für den 60-Jährigen aus Birkenau-Löhrbach, dem unter anderem die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion vorgeworfen wird. Die Schwester und der Neffe des Angeklagten machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Eine weitere Zeugin sagte am Montag vor der 18. Großen Strafkammer des Landgerichts Darmstadt jedoch aus. Sie hatte mit dem Angeklagten zwischen 1997 und 2004 immer wieder mal Kontakt und wohnte zeitweise mit diesem sogar in dem Haus in der Buchklinger Straße.

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Die Zeugin zeichnete ein Bild von dem Angeklagten, das zwischen zwei Polen schwankt. „Bei ihm war es extrem: Erst haben wir noch Blödsinn gemacht und im nächsten Moment hat er nicht mehr mit mir geredet.“ Sie beschrieb ihn als „hilfsbereit“ und handwerklich „sehr geschickt“. Er habe beispielsweise sein Auto selbst repariert und bei ihr einen Wasserrohrbruch behoben. Er habe sie auch unterstützt, als sie wegen privater Probleme oder Unstimmigkeiten mit dem Arbeitgeber Hilfe gebraucht hatte. Andererseits habe er ihr auch Angst gemacht.

„Er ist irgendwo ein Genie“

Als sie ihn das erste Mal in seinem Haus in Löhrbach besucht habe, war sie beeindruckt. „Ich dachte erst, es wird darin nicht so toll aussehen, wenn er alleine wohnt. Aber als ich reinkam, dachte ich: Wow. Er sagte, er hat alles allein gemacht“, sagte sie. „Er ist irgendwo ein Genie.“ In seiner Werkstatt im Untergeschoss habe er ihr ab und an erklärt, woran er gerade arbeite.

Anfangs habe er den unteren Bereich des Hauses bewohnt, später wurde dann das Schlafzimmer ausgebaut. Als die Zeugin auf der Suche nach einer Wohnung war, hatte er ihr angeboten, zu ihm zu ziehen, was sie angenommen hatte. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Mathis Dreher betonte sie aber: „Es war kein Liebesverhältnis.“ Sie habe auch Miete gezahlt. Gesehen hatten sie sich meistens abends, weil sie morgens früh aus dem Haus ging und erst nach der Arbeit am Abend zurückkam. „Was er am Tag gemacht hat, weiß ich nicht.“

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Sie beschrieb ihn als „ein bisschen kindlich“, manchmal habe er Witze gemacht und getanzt. Sie habe sich dort zunächst wohlgefühlt, nach einem Jahr beschloss sie aber auszuziehen. Der Angeklagte habe „ab und zu in regelmäßigen Abständen getrunken“. Seine Stimmung wechselte, „wie wenn er dann ein anderer Mensch ist“, sagte sie.

„Er hatte nicht so viel Kontakt zu den Nachbarn. Einmal war einer da, aber nur auf der Terrasse.“ Auch durfte sie im Haus keinen Besuch außer ihren Kindern empfangen. „Einmal habe ich seine Schwester besucht. Als ich wieder zurückkam, hatte er das Schloss ausgetauscht.“

„Sehe nur gut und böse“

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Ihr gegenüber habe er geäußert, die Borderline-Persönlichkeitsstörung zu haben. „Er sagte: Ich sehe nur schwarz, weiß, gut und böse.“ Er sei von sich aus „ein guter Mensch“, aber er könne es nicht steuern. „Er sagte, wenn es mir schlecht geht, dann bringe ich sie alle um.“ Nachdem sie aus ihrer Wohnung jedoch nach gut einem Jahr rausmusste, zog sie wieder bei ihm ein. Er war ihr wieder behilflich, „er hat alles gemacht“. Eine Zeit lang sei es gut gegangen. Wenn sie aber beispielsweise vergessen hatte, die Haustür abzuschließen oder alle Rollläden runterzulassen, wenn sie aus dem Haus ging, wurde der Frieden gestört.

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Als sie zum zweiten Mal den Entschluss fasste, auszuziehen, bekam sie es mit der Angst zu tun. „Ich sagte, lass mich doch gehen. Und er sagte: Wenn du gehst, passiert ein Unglück“, sagte sie zitternd im Gerichtssaal. „Ich hatte halt Angst. Er hat gesagt, er hat Gewehre“, glaubte sie sich an eine Aussage zu erinnern.

Die Situation eskalierte

Im Herbst 2004 kam es dann zur Eskalation. Der Angeklagte machte ihre Steuererklärung und sie ließ ihre Tochter noch einmal darüber schauen. „Er sagte, ich hätte ihn verraten, dann ist es eskaliert. Er sagte: Du Charakterschwein kannst ausziehen“, erzählte die Zeugin unter Tränen. „Es flog ein Bürostuhl auf dem Flur. Ich konnte gar nichts sagen.“ Er habe sie mit der einen und ihre Tochter, die im Haus anwesend war, mit der anderen Hand am Hals gepackt. „Er hat gesagt, wenn ich wollte, könnte ich euch beide umbringen“, sagte sie zögerlich und fügte hinzu. „Aber er hat es ja nicht gemacht.“ Im Spiegel habe sie ihr blaues Auge entdeckt und „er hat geweint wie ein kleines Kind“. Sie und ihre Tochter verließen über den Balkon das Haus, setzten sich ins Auto und wurden von ihm verfolgt. Der Anruf bei der Polizei scheiterte an einem Funkloch. Als er später an ihr Autofenster klopfte, rief die Polizei schließlich zurück. „Wenn ich mich jetzt umbringe, bist du schuld“, sagte er zu ihrer Tochter. Seitdem hatte die Zeugin keinen Kontakt mehr zu dem Angeklagten. Der Angeklagte selbst äußerte sich nicht zum Tatvorwurf, stellte aber detaillierte Nachfragen zu manchen Aussagen zu dieser und zu den weiteren Zeugen. So äußerte er Zweifel unter anderem an der Aussage über die Borderline-Störung oder an den Rollläden. Er habe es so installiert, dass alle Läden von einer Zentrale aus gesteuert werden konnten. Sie habe niemals alle 17 Rollläden einzeln runterlassen müssen.

Eine weitere Zeugin, die das Zwangsversteigerungsverfahren im Amtsgericht Fürth bearbeitet hatte, berichtete von einem Telefonat mit dem Angeklagten rund vier Wochen vor dem 22. März, dem Tag der Zwangsversteigerung, der zum Tag der Explosion wurde. „Er war erregt und hatte sich über die Situation geärgert, dass seine Mutter den Antrag auf Zwangsversteigerung gestellt hatte. Seiner Meinung nach war der Verkehrswert des Gutachters mit 200 000 Euro zu gering“, sagte sie. Eine entsprechende Beschwerde habe er nicht eingereicht. Am Tag der Versteigerung selbst sei der Saal voll gewesen und das Interesse am Objekt groß.

Der psychiatrische Gutachter Prof. Dr. Klaus Demisch wollte wissen, wie viel beim Verkauf für den Angeklagten übriggeblieben wäre? „Vielleicht wären es 100 000 bis 140 000 Euro gewesen“, sagte die Zeugin, die sich nicht festlegen wollte und betonte, dass es davon abhänge, wie viel geboten worden wäre, abzüglich der Kosten.

Der zuständige Sachverständige, der über das Amtsgericht Fürth bestellt wurde, sagte ebenfalls am Montag aus und schilderte die Vorgehensweise bei Vor-Ort-Terminen. Der Angeklagte habe im Vorfeld signalisiert, mitzuwirken, was er auch getan hätte. Später habe er sich aber wegen des Gutachtens bei ihm beschwert. „Ich habe ihm erklärt, dass er sich mit Beschwerden an das Amtsgericht wenden muss“, sagte der Zeuge. Grund der Beschwerde war unter anderem die Veröffentlichung von Bildern aus dem Innenbereich, was er nicht wollte, wie der Angeklagte in diesem Zusammenhang betonte. Eventuell standen mehrere Gasflaschen bei dem Termin im Keller, aber das könne er nicht bezeugen, sagte der Zeuge abschließend. awe