Weinlagenwanderung: Ausgefallene Tour ganz privat

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Die markante Weinstele am Paulus mit 13 Einzelteilen, durch die man hindurchsehen kann, wurde vom Mainzer Künstler Ulrich Schreiber entworfen. © Tritsch

Das ist mit Abstand das Beste, was man aus dieser Situation machen kann. Virologisch unbedenklich, der Gesundheit dienlich – weil Bewegung im Freien – und überaus erlebnisreich. Und das Beste: Sogar auf den Wein braucht man dabei nicht zu verzichten.

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In den vergangenen Jahren waren stets rund 30 000 Wanderer in den Weinlagen entlang der Hessischen Bergstraße unterwegs. Das wäre bei der 33. Ausgabe gestern vermutlich nicht viel anders gewesen. Aufgrund der Corona-Pandemie stand aber bereits Mitte März fest, dass der gesamte Weinfrühling – und mit ihm die prominente Maitour – nicht stattfinden werden; noch vor dem offiziellen Verbot von Großveranstaltungen, das aktuell bis Ende August wirksam ist.

Doch die rund 18 Kilometer lange Strecke zwischen Heppenheim und Zwingenberg mit ihren 14 Einzellagen und unendlich vielen Perspektiven auf die regionale Kulturlandschaft lässt sich auch alleine oder im „Kreis der Angehörigen des eigenen Hausstands“ genießen. Schließlich will man weder die wichtige Reproduktionszahl in die Höhe treiben noch dem Robert-Koch-Institut sonstige Gründe zur Besorgnis liefern. Einer von Kochs Professoren an der Uni Göttingen war übrigens Friedrich Wöhler, der hauteng mit dem berühmten Chemiker Justus von Liebig befreundet war, der wiederum zwischen November 1817 und August 1818 als Lehrling beim Heppenheimer Apotheker und späteren Bürgermeister Gottfried Pirsch nicht nur fachliche Akzente, sondern bei privaten Versuchen auch einen Dachstuhl in Brand gesetzt hat. Dies nur nebenbei.

Kurz, aber steil ist der Aufstieg in den südwestlichen Teil des Heppenheimer Steinkopfs. Schon zu Liebigs Zeiten war der Weinberg als eine der wärmsten und besten Bergsträßer Lagen bekannt. Auch die Bereiche Biengärtel und Krück galten seit jeher als vorzügliches Terrain für den hiesigen Weinbau. Der Blick reicht hinüber zur Starkenburg weiter bis ins Badische und tief hinunter ins vordere Hambacher Tal hinein. Der Wind fegt über die Kuppe und singt im Weinbergsdraht.

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Die Pause an der „Winzerrast“ direkt am Erlebnispfad „Wein und Stein“ lockt mit Artenvielfalt. Im Weingarten am Steinkopf reihen sich historische und autochthone Bergsträßer Rebsorten aneinander: Weißer Heunisch, Blauer Willbacher, Mehlweiße, Fürstentraub, Gelbhölzer oder Schwarzer Urban heißen die Kollegen. Die regionale Weinkultur wird hier besonders plastisch. Zu den Reben gesellen sich sehenswerte Kunstwerke und wunderschöne Rastplätze.

In den umliegenden Parzellen wird geschafft. Vor allem mit schwerem Gerät. Die Traktoren arbeiten sich durch die Rebzeilen. Der Boden Ende April ist so knochentrocken, dass es staubt. Zwei Damen stoßen mit einem trockenen Weißwein an. Rund um den ehemaligen hessischen Rebmuttergarten erstreckt sich die Lage Centgericht. Der hier kultivierte Riesling zeigt – obwohl nur ein paar hundert Meter vom Steinkopf entfernt – einen völlig anderen Charakter. An den insgesamt sieben Probierständen der Weinlagenwanderung lässt sich das schön nachvollziehen. Nächstes Jahr dann wieder.

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Durch die Lage Heppenheimer Stemmler, die das Centgericht umrahmt, geht es weiter Richtung Norden. Zahlreiche Weinbergshäuschen säumen die Wege in diesem überwiegend klein parzellierten, west- bis südwestexponierten Rebhang. Einzelne Mandel- und Kirschbäume, Fliederbüsche und Brombeerhecken bereichern die Szenerie. Zwischen Bensheim und Heppenheim könnte man meinen, die winzige und kleinteilig gegliederte Hessische Bergstraße sei eine richtig große Weinregion.

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Vom Bensheimer Paulus hat man einen eindrucksvollen Panoramablick. Der Platz wurde 2012 vom Deutschen Weininstitut zur „Schönsten Weinsicht“ des Anbaugebiets gekürt. Vom Rastplatz reicht der Blick nach Süden über die Heppenheimer Einzellagen bis zum Schlossberg. Im Westen zeigen sich das Ried und die Rheinebene, im Hintergrund erheben sich der Pfälzer Wald und der Donnersberg. In nördlicher Richtung blickt man auf Bensheim und den Hemsberg, der bis nach Zell und Gronau reicht.

Die markante Weinstele wurde vom Mainzer Künstler Ulrich Schreiber entworfen. Das rund drei Meter hohe Objekt besteht aus 13 Einzelteilen und symbolisiert eine Weintraube, durch die man hindurchsehen kann. Man findet sie etwas erhöht über dem Weinlagenweg auf einer kleinen Terrasse, wo Tische und Bänke zur Rast einladen. Und man muss schwer aufpassen, hier nicht vorzeitig zu stranden.

Also streift man den Streichling nördlich des Zeller Tals und wandert durch die Stadt in Richtung Kirchberg weiter. Wer den Leidensweg zum schmucken Tempelchen (nicht den softeren Aufstieg durch die Kalkgasse) auf sich nimmt, spürt die Sünden der vergangenen Monate. Oben angelangt, warten himmlische Genüsse. Die Weine von den Westhängen des Kirchbergs und jene der südlicher ausgerichteten, windgeschützten Kalkgasse gehören zu den lokalen Vorzeigetropfen. Der Bensheimer Hausberg ist ein beliebtes Ausflugsziel, aber auch ein zentraler Hotspot bei der Weinlagenwanderung. Für viele ein Dreh- und Angelpunkt der Maitour. Etliche steigen hier ein oder aus. Manche sogar beides.

Auch vom Kirchberg ist die Sicht in die Ebene in diesen Tagen klarer als sonst. Weniger Industrie und Verkehr haben den Blick geschärft. In den Beinen spürt man die Kilometer seit Heppenheim. Und die Starkenburg erscheint auf einmal ganz weit weg. Zwei Großlagen, Heppenheimer Schlossberg und Bensheimer Wolfsmagen, sind bereits durchquert. Eine kommt noch: Auerbacher Rott.

Es folgt das einzige längere Waldstück der Wanderung, die nun in östlicher Richtung auf Schönberger Gemarkung führt. Vorbei am Grillplatz Wambolder Sand, wo an einem gewöhnlichen 1. Mai die Hölle los ist. An der Ludwigslinde zwischen dem Auerbacher Fürstenlager und dem Schönberger Herrnwingert wartet die nächste Pause. Die reine Südlage ist von der Sonne verwöhnt, wird aber gerne auch von einem kühlen Wind erfrischt. Gut für säurebetonte Rieslinge, die hier auch in heißen, überreifen Jahren nichts von ihrem stahligen Schliff verlieren. Aber auch Burgundersorten fühlen sich in dieser Nische wohl.

Im Auerbacher Fürstenlager wurden in den vergangenen Jahren zunehmend Rotweine kultiviert. Darunter auch solche in Deutschland exotische Sorten wie Tempranillo und Syrah. Das geologisch facettenreiche Terrain mit sich abwechselnden Granit- und Lösslehmböden weist eine immense Rebsortenvielfalt auf. Für eine Verkostung bietet sich die Schutzhütte am Altarberg an. Bis 1918 stand dort das 1787 erbaute Teehaus. Auf dessen Fundament wurde eine schlichte, aber ansehnliche Holzkonstruktion errichtet. Davor stehen drei Bänke mit einem exzellenten Logenblick über die Weingärten bis weit in die Ebene. Großes Kino bei freiem Eintritt. Vor allem in den frühen Abendstunden herrscht hier eine besondere Stimmung. Bei einem Auerbacher Weißburgunder scheint die Zeit still zu stehen.

Frisch gestärkt geht es durch das Kurviertel weiter zum Einstieg in die Lage Höllberg unterhalb des Auerbacher Schlosses. Entlang der Strecke mit ihren Hohlwegen, Mauern und Steilwänden gelangt man in nördlicher Richtung zum Zwingenberger Steingeröll. Die Flurbereinigung hat hier für neue Ordnung gesorgt. Daher entdeckt man hier noch recht junge Rebstöcke. Riesling, Spätburgunder, Weißburgunder, Lemberger und Silvaner in der Kinderstube. An den warmen Hängen öffnen sich immer wieder attraktive Blickachsen Richtung Westen. Einzelne Wanderer streunen durch die Gegend. Einige mit Proviant und Kühlbox.

Und auf einmal, bevor man sich versieht, findet man sich mitten in einem Postkartenmotiv: Die Einzellage Alte Burg thront hinter der Zwingenberger Bergkirche. Eine Fläche mit vielen alten Terrassen und wertvollen Trockenmauern, für deren Erhalt sich einige örtliche Winzer seit Jahren leidenschaftlich einsetzen. Der Weinbau zwischen der Altstadt und dem Melibokuswald bedeutet aufwendige Arbeit. Neben dem dauerhaften Erhalt der landschaftlichen Eigenheiten sind hier die Artenvielfalt von Fauna und Flora ein langfristiges Ziel.

Der Erhalt der Kulturlandschaft bedeutet auch eine Weiterführung von lokaler Geschichte. Wer genau hinschaut, kann neben Eidechsen und Schlingnattern auch Weinbergschnecken, Rotschwänzchen und Blindschleichen entdecken. Ein kleinräumiges Mosaik aus schattig-feuchten Nischen und sonnenwarmen Flächen, das vielen Pflanzen und Tieren optimale Lebens- und Brutbedingungen bietet.

Wein genießen, wo er wächst“: Das Credo der Weinlagenwanderung behält seine Gültigkeit. Auch ohne Massenbewegung. Und egal, in welche Richtung. Ob es einen Alternativtermin noch in diesem Jahr geben wird, ist derzeit noch unklar. Spätestens am 1. Mai 2021, einem Samstag, dürfte die Bergsträßer Weinreise aber in die nächste Runde gehen. Hoffentlich ohne Ausgangsbeschränkungen und Abstandsregeln. Weintrinken mit Mundschutz? Funktioniert eh nicht.