Prozess - Gerichtsverhandlung nach blutigem Streit in Fürth Waren vier tiefe Messerstiche noch Notwehr?

Von 
Gerlinde Scharf
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Symbolbild © dpa

Bergstraße. „Es war fast Mord. Ich war fast im Grab“. Mit diesen emotionalen Worten reagierte das 21 Jahre alte Opfer im Gerichtssaal auf die mündliche Entschuldigung der Frau, die ihn im April 2018 am Fürther Bahnhof mit mindestens vier tiefen Messerstichen in den Rücken schwer verletzt und dabei potenziell in Lebensgefahr gebracht hat.

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Aufgabe des Bensheimer Schöffengerichts ist es zu klären, ob die Angreiferin in Notwehr handelte, um ihren Freund, der mit dem Geschädigten in eine Schlägerei verwickelt war, zu Hilfe zu kommen – oder ob die Tat als gefährliche Körperverletzung zu ahnden ist.

Angreiferin aus Heppenheim

Am Mittwoch begann der Prozess gegen eine inzwischen 23 Jahre alte US-Amerikanerin vor dem Amtsgericht. Zur Tat selbst machte die in Heppenheim wohnende Angeklagte, die seit geraumer Zeit unter gesetzlicher Betreuung steht, keine Angaben. Verteidiger Felix Tempel kündigte eine Einlassung seiner Mandantin zu einem späteren Zeitpunkt an.

Laut Anklage von Staatsanwalt Andreas Grund gerieten die beiden Männer vermutlich wegen eines nichtigen Anlasses und nach einer zunächst verbal geführten Auseinandersetzung in Streit, nachdem sich der Ex-Freund der Angeklagten – ein 24 Jahre alter, zur Tatzeit alkoholisierter Fürther – auf dem Bahnhofsgelände mit einer Eisenstange bewaffnet und dem späteren Geschädigten damit gedroht haben soll, habe sich das Gerangel zugespitzt.

Geschlagen und getreten

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Nach Zeugenaussagen soll der ehemalige Lebensgefährte der mutmaßlichen Täterin bäuchlings auf dem Boden und mit beiden Beinen auf dem Gleisbett gelegen haben, als er von seinem Kontrahenten festgehalten und von dessen Kumpanen geschlagen und getreten wurde.

Aus Angst um ihren Freund – so Staatsanwalt Grund – habe die Frau mit einem Taschenmesser mit einer acht Zentimeter langen Klinge mehrmals auf das Opfer eingestochen. Der Bruder sowie die seinerzeit elf Jahre alte Schwester des Schwerverletzten sollen die Tat beobachtet haben.

Schläger und Schlichter

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Wer von den insgesamt zwischen zehn und zwölf anwesenden Personen tatsächlich in die Schlägerei verwickelt war und wer von ihnen versucht hat zu schlichten und die beiden Männer zu trennen, konnte vor Gericht zum Prozessauftakt nicht geklärt werden.

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Fest steht, dass der Bahnhof in Fürth und die benachbarte Heinrich-Böll-Schule in den Abendstunden ein beliebter Treffpunkt von Jugend-Cliquen aus der Region war – oder es noch immer ist.

Eine heute 19 Jahre alte Schülerin und Tatzeugin, deren Erinnerungsvermögen in den zurückliegenden zwei Jahren stark gelitten hat, beschrieb den Ex-Freund der Angeklagten als gereizt und aggressiv: „Er hatte permanent mit jedem Stress.“ Gerichtsvorsitzender Gerhard Schäfer wies den 24-Jährigen mehrfach auf sein Aussageverweigerungsrecht hin, sofern er sich selbst belasten würde. Davon machte der Mann zwar keinen Gebrauch, blieb aber in seinen Äußerungen so vage, dass ansonsten der Richter ihm Bußgeld oder ersatzweise Beugehaft androhte.

Von Polizeibeamten erwartet

Laut seiner Aussage habe er sich weder eine Eisenstange gegriffen („Ich kann mich an keine Waffe erinnern“), noch habe er bei seiner Ex-Freundin ein Messer gesehen. Wohl aber sei er von mehreren Angreifern am Boden liegend geschlagen und getreten worden: „Irgendwie hat sich dann alles aufgelöst.“

Nachdem Zeugen Krankenwagen und Polizei gerufen hatten, sollen der Fürther und die mutmaßliche Messerstecherin entlang der Gleise in Richtung Fahrenbach/Lörzenbach geflüchtet sein. Dort angekommen, warteten bereits Polizeibeamte auf die Beschuldigte.

Der Prozess soll am Mittwoch, 1. Juli, 13.30 Uhr, fortgesetzt werden. Zu dem Termin werden weitere Zeugen geladen.

Freie Autorin Seit vielen Jahren "im Geschäft", zunächst als Redakteurin beim "Darmstädter Echo", dann als freie Mitarbeiterin beim Bergsträßer Anzeiger und Südhessen Morgen. Spezialgebiet: Gerichtsreportagen; ansonsten alles was in einer Lokalredaktion anfällt: Vereine, kulturelle Veranstaltungen, Porträts. Mich interessieren Menschen und wie sie "ticken", woher sie kommen, was sie erreiche haben - oder auch nicht-, wohin sie wollen, ihre Vorlieben, Erfolge, Misserfolge, Wünschte etc.