Coronavirus - Die niedergelassenen Frauenärztinnen Simone Kaiser und Simone Jung aus Heppenheim haben sich zur Diskussion geäußert / Vergütung unterscheidet sich „Verzerrtes Bild von Arzt-Gehältern in den Corona-Impfzentren gezeichnet“

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Sina Roth
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Ab Dienstag, 9. Februar, sollen auch im Bergsträßer Impfzentrum am Berliner Ring (Bild) die Corona-Schutzimpfungen anlaufen. Um die Gelder, die an die Ärzte und Helfer gezahlt werden, ist eine Diskussion entbrannt, in der sich auch zwei Bergsträßer Ärztinnen zu Wort gemeldet haben. © Dietmar Funck

Bergstraße. Ab dem 9. Februar, wenn auch der Betrieb im Bergsträßer Impfzentrum am Berliner Ring in Bensheim startet, werden auch einige Ärzte dort im Einsatz sein. In Sachen Bezahlung gibt es jedoch Unterschiede. Daher sei es – entgegen einiger Behauptungen – auch nicht so, dass sich Ärzte raffgierig aus Steuergeldern bereichern, wie Simone Kaiser und Simone Jung aus Heppenheim, beide in Hemsbach niedergelassene Frauenärztinnen, im Gespräch mit dieser Zeitung berichten.

„Die Art der Mitarbeit bestimmt die Vergütung“

„Der Kreis Bergstraße hat keine Schwierigkeiten, medizinisches Personal für das Impfzentrum zu gewinnen“, betonte Johannes Bunsch, Pressesprecher des Kreises auf Anfrage. „Im Gegenteil: Bislang haben sich fast 200 Personen mit entsprechender Qualifikation auf unseren Aufruf gemeldet und ihre Mitarbeit angeboten. Manchmal auch ehrenamtlich, weil sie bei der Bekämpfung der Pandemie mithelfen wollen. Wir freuen uns sehr über diesen hohen Zuspruch. Wie bereits im Frühjahr zeigt sich, die Bergsträßer helfen einander.“

Zwei Vergütungsmodelle

Was die Vergütung betreffe, so sei das Vorgehen des Kreises Bergstraße vergleichbar mit dem anderer Kreise. Dabei sei nach zwei Vergütungsmodellen zu unterscheiden: Beschäftigung im Angestelltenverhältnis und Mitarbeit auf Honorarbasis. „Für Ärzte, die in einem Anstellungsverhältnis beim Kreis mitarbeiten, gilt der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVÖD) mit allen Regelungen“, zum Beispiel inklusive Zulagen für Wochenend- oder Feiertagsdienst, der auch für alle übrigen Beschäftigen des Kreises gelte. „Also auch zum Beispiel für Ärzte, die in anderen Bereichen des Kreises arbeiten, wie dem Gesundheitsamt“, so Bunsch.

„Nicht vergleichbar“

„Zwischen den Angestellten des Kreises gelten damit gleiche Bedingungen, unabhängig davon, ob diese in Festanstellung dauerhaft beim Kreis arbeiten oder befristet wegen und während der Pandemie aushelfen. Was die Vergütungshöhe betrifft, befinden sich Ärzte aufgrund ihrer hohen tariflichen Eingruppierung im Spitzenfeld der Beschäftigten des Kreises.“

Neben dem Angestelltenverhältnis gebe es noch die Vergütung auf Honorarbasis. „Diese Vergütungspraxis wird angewendet insbesondere für niedergelassene Ärzte, die mit einem Praxisteam für kurze Zeitabschnitte, nicht regelmäßig und nicht über einen längeren Zeitraum, im Impfzentrum arbeiten. Es handelt sich also um Fälle, in denen die charakteristischen Merkmale eines Beschäftigungsverhältnisses nicht zutreffen“, erklärt der Pressesprecher. „Bei einem Honorarvertrag erfolgt die Abrechnung auf Basis der geleisteten Stunden. Die Stundensätze liegen hier höher als im Anstellungsverhältnis, weil der niedergelassene Arzt, welcher für eine Zeit seine Praxis schließt um bei uns mitzuhelfen, in derselben Zeit keine Patienten behandeln kann und deshalb mit unseren Honoraren die fixen Kosten seiner Praxis mitfinanziert. Deshalb halten wir die sehr hoch erscheinenden Stundenhonorare für die genannten Fälle für absolut gerechtfertigt.“ Die beiden Vergütungsmodelle seien also nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. Welches Vergütungsmodell angewandt wird, werde durch die Art der Mitarbeit vorgegeben.

Freude über großen Zuspruch

„Ich hoffe, es ist deutlich geworden, warum wir derlei Befürchtungen so nicht nachvollziehen können“, so Bunsch. „Wir freuen uns vielmehr sehr über den hohen Zuspruch, den wir erhalten haben, und zwar in allen für den Betrieb des Impfzentrums erforderlichen Qualifikationsbereichen, seien es Ärzte, Apotheker, medizinisch-technische Fachkräfte oder Verwaltungsfachleute. Dafür möchten wir allen, die sich bereit erklärt haben mitzuhelfen, ausdrücklich sehr herzlich danken.“ ssr

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„Meiner Meinung nach wird ein falsches Bild gezeigt, wenn es um das Gehalt der Ärzte geht, die in den Impfzentren arbeiten“, betont Kaiser am Telefon. Sie selbst hat einen Vertrag mit dem Kreis Bergstraße unterschrieben und wird im Bergsträßer Impfzentrum arbeiten. „Mir ist keine Region, beziehungsweise kein Landkreis bekannt, der tatsächlich die von den Kassenärztlichen Vereinigungen aufgerufen Honorare zahlt“, betont sie.

Honorar oder TVÖD-Vertrag

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) hat sich gemeinsam mit dem Hessischen Innenministerium, dem Hessischen Sozialministerium und der Landesärztekammer Hessen (LÄKH) beim Impfhonorar auf Stundensätze von 120 Euro pro Stunde für Ärzte und 50 Euro für Medizinische Fachangestellte geeinigt, wie auf der Website der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen nachzulesen ist.

„Leider müssen wir nun feststellen, dass diese vonseiten der Ministerien als Höchstsätze interpretiert werden, so dass einzelne Gebietskörperschaften deutlich niedrigere Stundensätze von 50 bis 60 Euro anbieten“, so die KVH.

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Dass von Land zu Land unterschiedlich viel gezahlt wird – 140 Euro in Rheinland-Pfalz, 130 in Baden-Württemberg und 120 in Hessen – habe nichts mit variierenden Arztaufgaben, sondern mit föderalen Verhandlungen zu tun. Allerdings kommen jene Honorare, die Sozialministerien zubilligen, nicht unbedingt bei den Medizinern in voller Höhe an.

Kai Sonntag, Sprecher der KV Baden-Württemberg, erläutert, dass mit dem Betreiben von Impfzentren beauftragte Dienstleister einen Teil der Personalvergütung zur eigenen Finanzierung einbehalten. Und die KV Hessen informiert auf ihrer Homepage: „Wir hören vermehrt, dass einzelne Kreise oder kreisfreie Städte erheblich schlechtere Konditionen anbieten.“ Ihren Mitgliedern rät die Kassenärztliche Vereinigung „entschieden“ ab, Verträge mit niedrigeren Stundensätzen abzuschließen.

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„Der Kreis Bergstraße zahlt den Impfärzten ein Gehalt nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVÖD) 14, welcher je nach Stufe einem Stundenlohn von 30 bis 40 Euro entspricht“, berichtet Ärztin Kaiser. In Weinheim hingegen werde beispielsweise ein Brutto-Honorar in Höhe von 70 Euro pro Stunde für ärztliches und 30 Euro pro Stunde für nicht-ärztliches Personal gezahlt. In Darmstadt gelten, so Kaiser, gestaffelte Honorare: Für die Frühschicht werktags gebe es 80 Euro, für die Spätschicht werktags 90 Euro sowie 100 Euro an Sonn- und Feiertagen.

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„Zu den TVÖD-Verträgen muss man aber erwähnen, dass der Arbeitgeber, der Kreis Bergstraße, Lohnnebenkosten zahlt, wie zum Beispiel Altersversorgung – wobei das bei einigen Stunden und auf ein paar Monate begrenzt nicht viel ergeben dürfte. Außerdem könnten gegebenenfalls Sonntagszuschlag oder Gefahrenzulage dazukommen“, berichtet Kaiser. Des Weiteren bestehe ein Urlaubsanspruch und man müsse sich im Krankheitsfall nicht selbst um eine Vertretung kümmern.

Erst Applaus, dann Diskussionen

Aber unterm Strich seien der Kreis Bergstraße und auch der Rhein-Neckar-Kreis weit von den Gehältern entfernt, von denen öffentlich die Rede war. „Ich empfinde es deswegen als sehr ärgerlich, dass es so rüberkommt, dass sich Ärzte raffgierig aus Steuergeldern bereichern möchten.“ Dazu komme, dass öffentlich applaudiert werde. Wenn es jedoch darum geht, die Arbeit entsprechend zu honorieren, dann werde diskutiert.

Dadurch, dass das Personal in den umliegenden Kreisen höhere Stundenlöhne erhalte, könne die Gefahr bestehen, dass einige Kollegen abwandern, befürchtet Kaiser. Sie selbst habe den Vertrag mit dem Kreis Bergstraße im Dezember unterzeichnet. Mit der genauen Vergütung habe sie sich damals nicht länger beschäftigt – mit dem Gedanken: das werde schon passen. Ihr Ziel sei es, dabei zu helfen, dass möglichst schnell möglichst viele Menschen gegen das Coronavirus geimpft werden können.

Auch ihre Kollegin Simone Jung hat dem Kreis ihre Unterstützung im Impfzentrum angeboten. „Ich habe allerdings noch keine Zusage bekommen“, berichtet sie. Wenn jedoch Bedarf bestehe, werde sie benachrichtigt. Von Simone Kaiser, aber auch von anderen Kollegen, habe sie von den unterschiedlich hohen Vergütungen erfahren.

Wie sich das Team organisiert

Dass sich die Bezahlung für die im Impfzentrum tätigen Ärzte an der Bergstraße von der in den umliegenden Kreisen unterscheide, findet Jung nicht in Ordnung. Denn das Gehalt werde von Steuergeldern bezahlt und bereitgestellt. „Wenn der restliche Betrag zum Beispiel als Spende für einen guten Zweck gedacht ist, dann ist das für mich in Ordnung. Es wäre aber wichtig zu wissen, was damit passiert“, so Jung.

In ihrer Gemeinschaftspraxis haben die beiden Ärztinnen es übrigens so geregelt, dass Kaiser entweder an einem freien Tag – an dem normalerweise Büro-Angelegenheiten erledigt werden – und/oder an einem Tag am Wochenende im Impfzentrum im Einsatz ist. Außerdem sei es möglich, an einem Tag, an dem sie normalerweise bis zum Nachmittag in der Praxis ist, anschließend im Impfzentrum weiter zu arbeiten. Durch diese Regelung gebe es im Praxisbetrieb selbst keine drastischen Veränderungen.