Betrug - Unbekannte versuchen Menschen aus ganz Deutschland übers Ohr zu hauen und nutzen dabei die Festnetz-Ziffern eines Optikergeschäftes in Rimbach Telefonabzocke mit Bergsträßer Nummer

Von 
Iris Kleefoot
Lesedauer: 
Das Telefon fast ständig am Ohr: Die Geschäftsnummer der Rimbacber Augenoptikerin Carena Widtmann wird für eine dreiste Betrugsmasche missbraucht. „Es ist kaum mehr daran zu denken, Kunden zu bedienen“, sagt sie. © Kopetzky

Bergstraße. Das Telefon steht bei Carena Widtmann kaum noch still. Auf der anderen Seite der Leitung: erboste Menschen aus ganz Deutschland, die sich bei der Rimbacher Augenoptikerin wegen scheinbar von ihr kommender Anrufe beschweren wollen.

AdUnit urban-intext1

Sie berichten alle das Gleiche: Betrüger geben sich als Mitarbeiter von Microsoft aus und versuchen, wegen eines angeblichen Problems Zugriff auf den Rechner des Angerufenen zu bekommen. Das Ziel: eine Schadsoftware zu installieren, Kontodaten auszuspähen oder den Computer zu verschlüsseln, um den Besitzer zu erpressen.

Newsletter-Anmeldung

Dass dabei die Telefonnummer des Rimbacher Brillengeschäftes im Display erscheint, ist mehr als ärgerlich. „Es ist kaum mehr daran zu denken, Kunden zu bedienen“, berichtet Carena Widtmann. Sie schätzt, dass sie und ihre Mitarbeiterin allein am Mittwoch der vergangenen Woche an die 70 Anrufe angenommen haben. „Jedes Mal dasselbe!“ Noch macht sie gute Miene zum bösen Spiel. „Auch wenn mir nach der Mittagspause fast die Tränen gekommen wären, als ich die vielen aufgelaufenen Anrufe gesehen habe.“

Sie ist Opfer und kein Täter

Sie versucht, die Anrufer freundlich darüber aufzuklären, dass sie selbst Opfer ist und nicht Täter. Widtmann: „Die meisten haben Verständnis, doch oft komme ich auch gar nicht zu Wort.“ Nicht ans Telefon zu gehen, ist auch keine Alternative. Zum einen könnten ja auch Kunden an der Strippe sein – als Optikerin ist Widtmanns Geschäft systemrelevant und auch während des Lockdowns geöffnet – ; zum anderen ist sie der Meinung: „Man muss die Leute doch aufklären.“ Sie befürchtet, dass sonst noch mehr Menschen den Betrügern auf den Leim gehen. Auch wenn in ihrem Fall das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Ihr liegt besonders am Herzen, die Menschen vor der dreisten Telefonabzocke zu warnen.

Die Masche ist nicht neu

AdUnit urban-intext2

Die Betrugsmasche ist alt. Nicht nur per Spammails, auch mit Anrufen versuchen Betrüger immer wieder, an Daten oder Geld von Nutzern zu kommen. Jeden Tag locken sie ahnungslose Menschen in die Falle, betreiben Telefonbetrug und scheffeln damit Unsummen. In diesem Fall nennt sich die Masche „Call-ID-Spoofing“. Spoofing ist englisch und bedeutet Manipulation oder Verschleierung. Beim Call-ID-Spoofing handelt es sich um eine raffinierte Form der Telefonabzocke. Dabei lassen Unbekannte eine falsche Nummer – wie in diesem Fall die Nummer des Brillengeschäftes – auf dem Display des Angerufenen erscheinen.

Oft bedienen sich die Betrüger aber auch der Nummern von seriösen Organisationen und täuschen damit die trügerische Nähe zu offiziellen Stellen vor. Opfer waren so schon das Amts- und Landgericht Bonn, die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, die Staatsanwaltschaft Stuttgart, die Bundesagentur für Finanzdienstleistungen (BaFin) und die Bundesnetzagentur. Manchmal wird sogar die Nummer die Polizei genutzt – ein besonders perfider Trick, wenn sich die Betrüger dann noch als falsche Polizeibeamte ausgeben.

AdUnit urban-intext3

Erst im November häuften sich Rückfragen bei der Heidelberger Kriminalpolizei, weil Personen von der Nummer 06221/990 angerufen wurden. Es handelte sich dabei zwar um die alte Telefonnummer der ehemaligen Polizeidirektion Heidelberg, die aktiv nicht mehr benutzt wird, gaukelte aber geschickt Seriosität vor.

AdUnit urban-intext4

Die Anrufer haben es oft auf ältere Mitbürger abgesehen. Sie sollen in ein Gespräch unter der bekannten Betrugsmasche „Falscher Polizeibeamter“ verwickelt werden, damit sie Informationen über Vermögenswerte preisgeben und letztendlich Geld oder Wertgegenstände herausrücken.

Betrugs-Anzeige nicht möglich

Bei der Polizeidirektion Bergstraße in Heppenheim war man nicht überrascht, als Carena Widtmann sich meldete, um den Sachverhalt zu schildern. „So etwas gibt es leider häufig“, erklärt Christiane Hansmann, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Südhessen auf Nachfrage der Redaktion. Sie bestätigt das, was Carena Widtmann von der Dienststelle des Kreises Bergstraße mitgeteilt wurde: Eine Anzeige wegen Betrugs kann sie nicht stellen. Schließlich entstand ihr bisher kein wirtschaftlicher Schaden. Ohnehin stellt sich die Frage, gegen wen und mit welcher Handhabe sie Anzeige erstatten soll. Zumindest habe sie selbst keine rechtlichen Konsequenzen zu befürchten.

Hansmann: „Das Problem ist, dass mit der nötigen Software Hinz und Kunz die Nummer einfach überschreiben kann.“ Diese Auskunft erhielt Carena Widtmann auch von der Telekom und der Bundesnetzagentur. Ihr bleiben also nicht viele Möglichkeiten, um dem Spuk ein Ende zu setzen.

Die Nummer zu wechseln, wäre eine Möglichkeit. „Aber das möchte ich auf keinen Fall“, erklärt Widtmann. Das würde für das Geschäft und die Kunden eine enorme Umstellung bedeuten. Sie hofft darauf, dass sich die Situation beruhigt, wenn die Betrüger nicht mehr auf ihre Nummer zurückgreifen. „Dann geht es aber jemandem anderen so wie mir“, weiß sie.

„Ich warte erst mal ab“

Wenn weitere Telefonanrufe bei ihr auflaufen, besteht die Möglichkeit, von ihrem Telefonanbieter eine Umleitung schalten zu lassen mit der Information, dass die Rimbacher Nummer missbraucht worden ist. Widtmann: „Ich warte aber erst mal ab.“ Erste Maßnahme, die Carena Widtmann bereits getroffen hat, ist ein Hinweis auf ihrer Homepage. „Seitdem ist es etwas ruhiger.“