Sowjetischer Soldatenfriedhof bekommt nach Jahrzehnten eine Gedenktafel

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lhe
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Eine Bronzetafel mit der Aufschrift "Russischer Soldatenfriedhof 1941 - 1945" am Eingang zur Kriegsgräberstätte außerhalb von Klein-Zimmern. Zwischen Spätherbst 1941 und Kriegsende 1945 wurden hier gefangene Rotarmisten begraben, die im St. Josephshaus, einem Reservelazarett der Nazis, starben. © lhe

Klein-Zimmern. Abgelegen und schwer einsehbar liegt am Rand von Klein-Zimmern ein sowjetischer Soldatenfriedhof. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges weist kaum ein Wort an dem bedrückenden Ort auf das Schicksal der dort begrabenen Kriegsgefangenen hin. Nach den Worten des zuständigen Bürgermeisters der Gemeinde Groß-Zimmern, Achim Grimm (CDU), und der Kriegsgräberfürsorge in Hessen soll sich das zum 80. Jahrestag des Angriffs Nazideutschlands auf die Sowjetunion im Juni ändern. "Die Geschichte mit den Informationstafeln ist für den 22. Juni geplant", sagt Grimm.

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Nach der Einsetzung eines Runden Tisches im vergangenen Jahr, unter anderem mit Vertretern von Schulen, der Stadt, der Kriegsgräberfürsorge und auch mit Lokalhistorikern, soll nun auf den Tafeln mit deutschem Text und russischer Übersetzung auf die Geschichte des Ortes und das Schicksal der Soldaten aufmerksam gemacht werden. "Seit Kriegsende gab es an dem Ort keine Informationen zu den Toten und den Umständen", sagt die Geschäftsführerin der Kriegsgräberfürsorge, Viola Krause. Nur ein großer Gedenkstein erinnert an die Opfer. Auf ihm steht in Deutsch und Russisch: "Hier ruhen russische Kriegsgefangene, die in der schweren Zeit 1941 - 1945 fern ihrer Heimat starben."

Auf dem länglichen Friedhof stehen derzeit neben dem Gedenkstein ein gutes Dutzend anonyme Steinkreuze. Läuft man über die Wiese, läuft man auch über die Gräber der Soldaten. Sie liegen vermutlich Reihe in Reihe, je fünf in Papier eingerollte Leichen pro ausgehobenen Grab. Wie viele Menschen dort tatsächlich begraben sind, ist ungewiss. Durch zusammengetragene Dokumente sind der Kriegsgräberfürsorge zufolge die Namen von 379 Menschen bekannt. Schätzungen gehen von mehr als 400 Toten aus, die dort begraben sind.

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 kamen Zehntausende sowjetische Kriegsgefangene nach Deutschland. Das St. Josephshaus in Klein-Zimmern diente damals als Lazarett für ein russisches Kriegsgefangenenlager in Bad Orb. In dem Vernichtungskrieg sei der Tod von Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen durch Hunger, Krankheit und Erschöpfung einkalkuliert gewesen. Bei einem Schülerprojekt Anfang der 90er Jahre berichteten Zeitzeugen, wie die Leichen der toten Soldaten in Leiterwagen hinter den Ortsrand geschoben und dort verscharrt wurden. Die Grabhügel wurden später eingeebnet.

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Bei einer Jugendbegegnungswoche 2017 gestalteten junge Leute aus mehreren Nationen Tonziegel mit den Namen von 27 dort begrabenen Menschen. Diese sollen in einem nächsten Schritt dem Gedenken der in Klein-Zimmern Begrabenen dienen. Ziel sei es, diese Ziegel auf Holzstelen mit in das Gedenken mit einzubeziehen, sagt Krause. "Das ist der nächste Schritt", sagt Grimm, dessen Gemeinde im Kreis Darmstadt-Dieburg für die geplanten Informationstafel in diesem Jahr 5000 Euro in den Haushalt eingestellt hat.

Russische Soldatenfriedhöfe gibt es auch in Bad Orb und Herleshausen. In der nordhessischen Gemeinde Herleshausen ist man bei dem Gedenken an die Toten wesentlich weiter. Dort liegen rund 1600 Kriegsgefangene, die fast alle namentlich, mit Geburts- und Todestag, bekannt sind. Für fast alle gibt es Namenstafeln.
In Deutschland soll das Gräberrecht sicherstellen, dass Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft besonders gedacht wird. Dies gilt auch für Soldaten, die in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges interniert wurden.