Prozess - Vorwurf der „stümperhaften Beschneidungen“ Richter muss den Angeklagten stoppen

Von 
Gerlinde Scharf
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Bergstraße. „Ich bin Arzt und habe in Syrien täglich 20 Beschneidungen im Krankenhaus vorgenommen. Ich bin in meiner Heimat bekannt und Freude wissen, dass ich schon tausende von Beschneidungen durchgeführt habe.“ In seinem Geständnis vor dem Bensheimer Amtsgericht bestand der Angeklagte ebenfalls darauf, eine eigene Praxis geführt zu haben. In den Gerichtsakten wird er hingegen lediglich als „Krankenpfleger“ mit entsprechendem Zertifikat für Beschneidungen bezeichnet.

„Das wird ja immer doller“

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Die ihm zur Last gelegten Beschneidungen an drei Kleinkindern äthiopischer und eritreischer Eltern in zwei Flüchtlingsunterkünften in Lorsch gestand der „Scheinarzt“ aus Stadtallendorf nach Rücksprache mit seinem Verteidiger ein. Insgesamt 150 Euro will er für die, nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft stümperhaft und unsachgemäß ausgeführten Beschneidungen der etwa vier bis sechs Monate alten Säuglinge verlangt haben. Die Ermittlungsbehörde geht von 125 Euro pro Kind aus.

Als der Angeklagte mit Hilfe eines Dolmetschers ausführlich das Prozedere der Eingriffe beschrieb, die von ihm benutzten Instrumente und Hilfsmittel aufzählte und sich dabei immer stärker selbst belastete, griff Gerichtsvorsitzender Gerhard Schäfer ein: „Da steht alles so nicht in der Akte. Das wird ja immer doller.“ Erst da wurde Verteidiger Bernhard Schroer hellhörig, der den Ausführungen seines Mandanten bis dahin stumm zugehört hatte. Dem Vorschlag des Gerichts, den Prozess auszusetzen und in einigen Monaten neu zu terminieren, schloss er sich an.

Mehrmonatige Prozesspause

Bis dahin – so Richter Schäfer weiter – soll der 49 Jahre alte Syrer ein zweites Mal bei der Polizei zu den Tatvorwürfen vernommen werden. Dieses Mal mit einem erfahrenen Dolmetscher an seiner Seite. Bei der ersten Befragung auf der Polizeiwache übersetzte sein Sohn. Der Vorsitzende empfahl dem Verteidiger zudem, bis zur Neuverhandlung eine prozessuale Erklärung im Namen seines Mandanten abzugeben.

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Staatsanwältin Cyd Hergenröder wirft dem sechsfachen Vater gewerbsmäßigen Betrug, gefährliche Körperverletzung und Amtsanmaßung vor. So soll er im Jahr 2018 ohne entsprechende Erlaubnis und Befähigung Beschneidungen an den Kleinkindern vorgenommen und sich den Eltern gegenüber als Arzt ausgegeben haben. Dabei, so Hergenröder, habe er sich nicht nur bereichert, sondern Schmerzen und weitere Eingriffe billigend in Kauf genommen. In zwei Fällen sei nachträglich eine operative Korrektur an den Genitalien der Säuglinge durch einen Kinderchirurgen notwendig geworden.

Der 2014 mit seiner Familie aus Syrien geflüchtete Angeklagte gab an, bei seinen Eingriffen in Lorsch zwei Pinzetten, eine Schere, Desinfektionsmittel, eine alkoholische Flüssigkeit und ein „Beruhigungsmittel“ dabei gehabt und eingesetzt zu haben. Auf Nachfragen des Richters sprach er von einem „Ibuprofen-Saft“, der dem Säugling jeweils auf einem Löffel – insgesamt drei Mal – vor und nach der OP verabreicht wurde. Außerdem habe er das Kind mit einem lokalen Betäubungsmittel („den Namen weiß ich nicht mehr“) ruhig gestellt. Die Ampullen habe er einem syrischen Arzt abgekauft: „Sie waren bis 2022 haltbar.“

Aufmerksame Kinderärztin

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Er habe keine Probleme machen oder gegen Werte verstoßen wollen, versicherte der 40-Jährige, der sich dafür entschuldigte, „wenn ich einen Fehler begangen habe“ und weitere Beschneidungen abstritt. Er vermute, dass ihn syrische Landsleute aus Lorsch an die Familien aus Eritrea und Äthiopien empfohlen hätten.

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Ins Rollen gebracht hat den Fall eine aufmerksame Kinderärztin, der im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung „ungewöhnliche“ Verwachsungen an ihrem jungen Patienten aufgefallen waren. Die Eltern hätten ihr daraufhin von einer Beschneidung erzählt, die „ein Arzt zu Hause durchgeführt hat.“ Seinen Namen hätten sie nicht verraten wollen: „Die Verständigung auf Deutsch war schwierig.“

Sie habe den Eltern eine Überweisung für ihren kleinen Sohn zu einem Kinderchirurgen ausgestellt, so die Zeugin, und darum gebeten, die noch anstehende „rituelle Prozedur“ an der sieben Jahre alten Tochter zu verweigern: „Sie waren offensichtlich mit der deutschen Rechtsprechung nicht vertraut. Sie wussten auch nicht, dass die späte Beschneidung bei Mädchen mit sieben Jahren illegal ist.“ Nach Rücksprache mit den Kollegen in der Praxis habe ihr eine Ärztin von einem ähnlichen Fall berichtet. Die Wohnadresse in Lorsch, bei der die Beschneidung vorgenommen worden sein soll, sei identisch mit ihrem Fall gewesen. Die Zeugin informierte daraufhin Jugendamt und Polizei.

Freie Autorenschaft Seit vielen Jahren "im Geschäft", zunächst als Redakteurin beim "Darmstädter Echo", dann als freie Mitarbeiterin beim Bergsträßer Anzeiger und Südhessen Morgen. Spezialgebiet: Gerichtsreportagen; ansonsten alles was in einer Lokalredaktion anfällt: Vereine, kulturelle Veranstaltungen, Porträts. Mich interessieren Menschen und wie sie "ticken", woher sie kommen, was sie erreiche haben - oder auch nicht-, wohin sie wollen, ihre Vorlieben, Erfolge, Misserfolge, Wünschte etc.