Kultur

Nibelungenfestspiele erstmals mit Stück einer Autorin

Nico Hofmann und Thomas Laue stellten jetzt auch die Regisseurin der 2023er Uraufführung „Brynhild“ vor

Von 
Ralf-Carl Langhals
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Nico Hofmann, Intendant der Wormser Nibelungenfestspiele, freut sich auf die Regie von Pinar Karabulut (l.) und das Stück von Maria Milisavljevics. © Thomas Tröster/ü

Worms. Ob es wohl ihr fünftes Stück, Werk, Opus sein mag, fragt man sich im Aufzug zu räumlichen und kulinarischen Höhen über Mannheims Dächern. Nach O 5 hat das Modehaus Engelhorn als Gastgeber im Verbund mit den den Wormser Nibelungenfestspielen zu einer besonderen Vorstellung in seine gute Stube „Opus 5“ geladen. Nein, es ist nicht Maria Milisavljevics fünftes Stück. Doppelt ist das Vergnügen: „Brynhild“, so kann man nachlesen, wird, ist es ab 7. Juli 2023 vor dem Wormser Dom erstmal uraufgeführt, dann schon ihr zehntes Stück sein.

Die Herkulesaufgabe der Inszenierung auf der Riesenbühne übernimmt Pinar Karabulut, die schon jetzt strahlt, so sehr liebt sie die große Spielfläche. Soweit der nachrichtliche Teil. Bis der aber dran ist, gilt es gute Beziehungen zu pflegen und zu betonen. Das tut Hausherr, Theaterfreund und Nibelungenfestspiel-Partner Andreas Hilgenstock ebenso freundlich-eloquent wie der Wormser Oberbürgermeister Adolf Kessel mit der bekundeten Überzeugung: „Theater fördert Freiheit“.

Lob gibt es für den Freundeskreis, Unterstützer und anwesende Sponsoren nicht nur von ihnen, sondern auch von Sascha Kaiser, dem Geschäftsführer der Festspiele, dessen Dank „allen helfenden Händen aus Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft gilt, die die Festspiele tragen.“ Intendant Nico Hofmann gibt sich gewohnt lokalpatriotisch, freut sich über seine Stippvisite in seiner Heimatstadt und bekennt launig, hier, also bei Engelhorn, schon sehr viel Geld ausgegeben zu haben ...

Mit dem Künstlerischen Leiter Thomas Laue geht Hofmann zu den harten Fakten, die diesmal weiblich sind. Erstmals und überfällig kümmert sich mit Maria Milisavljevic eine Autorin um den literarischen Nibelungenschatz. Kleist-Förderpreis, Else-Lasker-Schüler-Preis, Mühlheimer Dramatikerpreis sowie den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2016 hat die Dramatikerin längst gewonnen.

Alter Stoff heutig aufgearbeitet

Die Spezialität der selbstbewussten 40-Jährigen ist es, Stücke in Deutsch und Englisch zu verfassen, eher ergänzend als rein übersetzend. Bei einem Arbeitsaufenthalt in Kanada entwickelte sie die Idee, dies auch für die Uraufführung in Worms zu tun: „Brynhild“ heißt ihr Stück, für das sie, wie auch ihr „Amtsvorgänger“ Ferdinand Schmalz, in den Tiefen mediävistischer und nordischer Literaturwissenschaft grub.

Weniger das, was Friedrich Hebbel, Richard Wagner oder auch schon der Dichter des Nibelungenlieds aus dem Stoff gemacht hätten, interessiere sie, als vielmehr der Urstoff, der in seiner Archaik voll Liebe, Leid, Eifersucht und Macht auch ihrer Art, auf Effekt, große Gefühle und Wirkung hinzuschreiben, entspräche, gesteht Milisavljevic im Gespräch mit dem dramaturgisch souverän moderierenden Thomas Laue. Das Bruchstück eines Brynhilden-Lieds aus der Lieder-Edda, in dem der „Held“ nicht Siegfried, sondern (noch) Sigurd heißt, hat es der forschenden Autorin angetan: „Es gibt keine Drachen, Sigurd, wenn du mich tötest, tötest du einfach einen Mann“, heißt es in einer gelesenen Passage ihre Textes aus dem Munde des „Drachens“ Fafnir. Es sind gerade die Lücken zwischen den Spuren aus Helden- und Männlichkeitsbildern, die die Autorin zu füllen gedenkt.

Geschlechterrolle und Heldenbild

Darauf, dies szenisch umzusetzen freut sich die quirlige Pinar Karabulut, derzeit Hausregisseurin der Münchner Kammerspiele, die dort 2021 auch das Stück „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ von Ben Yishai in Szene setzte – Ex-Hausautorin des Nationaltheaters Mannheim – und es im Frühjahr in die Zehnerauswahl der „bemerkenswerten Inszenierungen“ des Berliner Theatertreffens schaffte. Die 1987 in Mönchengladbach geborene Regisseurin „liebt klassische und große Stoffe“, die sie aber auch „gerne durchbricht“ – und etwa in Köln Shakespeares „Richard III.“ zur Frau machte. Uraufführungen reizen sie ebenso, weil hier keine vorgegebene Interpretation, kein Erwartungshorizont zu erfüllen sei. Stilistisch will sie genreübergreifend arbeiten und will auch in Worms Schauspiel mit Tanz, Film und Musik verknüpfen.

Sich selbst beschreibt sie mit den Adjektiven „leidenschaftlich und stark“ – beides Eigenschaften, die sie bei den Themen Genderzuschreibungen, Heldenbilder und Machtstrukturen gut wird gebrauchen können ...

Redaktion Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.

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