Landschaftspflegeverband - Gründung soll im Juni erfolgen Naturschützer und Landwirte sind im Boot

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Thomas Tritsch
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Bergstraße. Der Landschaftspflegeverband kommt im Sommer. Das teilten die Sprecher der Arbeitsgruppe jetzt bei einer Online-Pressekonferenz mit. Volker Knaup kündigte an, dass die Gründungsversammlung voraussichtlich im Juni oder Juli stattfinden wird. Man habe sich bewusst für die Zeit nach den Kommunalwahlen im März entschieden, um von Anfang an entlang der neu formierten politischen Verhältnisse agieren zu können. Der Start des operativen Geschäfts ist für Herbst geplant. Die Position eines Geschäftsführers wird ausgeschrieben. Knaup geht davon aus, dass der Verband auf Kreisebene ab 2022 aktiv loslegen kann.

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Die Initiative geht auf die Bergsträßer Biodiversitätskonferenz zurück, die im Januar 2020 auf Einladung des hauptamtlichen Kreisbeigeordneten Karsten Krug (SPD) erstmals in Mörlenbach getagt hatte. Idee dahinter ist eine interkommunale Zusammenarbeit regionaler Akteure, um im Sinne des Arten- und Naturschutzes für eine umweltverträgliche und nachhaltige Regionalentwicklung aktiv zu werden. Man will Landwirte, Naturschützer und Kommunalpolitiker an einen Tisch bringen, um auf Augenhöhe gemeinsame Lösungen zu entwickeln, die den Naturschutz und die Biodiversität in der Region stärken und der Pflege naturnaher Lebensräume dienen.

Weitere Kommunen überzeugen

Durch den kooperativen Ansatz sollen die vorhandenen Kompetenzen verschiedener Interessengruppen gebündelt werden, um sie vor Ort passgenau in konkreten Maßnahmen umsetzen zu können. In der Rechtsform eines eingetragenen Vereins wird der Vorstand entsprechend der Beteiligten zu je einem Drittel mit Vertretern aus Naturschutz, Landwirtschaft und Kommunen besetzt. In einem flankierenden Beirat ist Raum für weitere Akteure. Eine Mitarbeit bereits zugesagt haben der Gewässerverband Bergstraße und der Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald.

Wenn bereits beim Start mindestens vier Kommunen dabei sind, gibt es vom Land Hessen einen Anschub von bis zu 100 000 Euro, so Karsten Krug. Man rechnet mit einer Landesförderung in Höhe von 150 000 Euro aus Steuermitteln für die ersten fünf Jahre. Für die Verbandsgründung wurde im Etat des Kreises ein Budget von 25 000 Euro bereitgestellt. Die Kosten für die Städte und Gemeinden werden nach Gemarkungsgröße und Einwohnerzahl berechnet. Krug veranschlagt Mitgliedsbeiträge ab circa 2000 Euro und bis zu 10 000 Euro für die großen Kommunen.

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In etlichen Stadtparlamenten und Gemeindevertretungen wird das Thema bereits diskutiert. Die Vorgabe mit den vier Gründungskommunen dürfte zu schaffen sein. Zusagen gibt es bereits aus Lorsch und Einhausen. Auch Lautertal und Lampertheim haben Interesse bekundet. Aus Bensheim höre man positive Signale, heißt es. In Zwingenberg fand zu dem Thema bislang noch keine konkrete Debatte statt.

Volker Knaup betont, dass man nicht aus dem Stand heraus vollzählig sein müsse, um den Verband erfolgreich auf den Weg zu bringen. In anderen Landkreisen habe sich gezeigt, dass nach solchen Gründungen sukzessive weitere Partner dazugestoßen sind. Die Arbeitsgruppe versteht die nächsten Monate als dynamischen Prozess mit offenem Visier.

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Im Verband sollen die beteiligten Kommunen aber nicht nur zahlen, sondern vor allem individuelle Leistungen abrufen und konkrete Vorteile genießen, sagt auch Carolin Müller von der im Landratsamt angesiedelten Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Bergstraße. Gerade viele kleine Gemeinden hätten kaum eine Möglichkeit, eine eigene Stelle für den Umwelt- und Naturschutz einzurichten. Für sie biete der Verein eine kompetente Anlaufstelle etwa für die Schulung von Bauhofmitarbeitern oder auch beim Abrufen von staatlichen Finanzierungshilfen.

Geld für sinnvolle Maßnahmen

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Denn die Fördertöpfe in Hessen seien gut gefüllt, würden häufig aber nur selten angezapft. „Der Verband hilft dabei, dass das Geld in sinnvolle Maßnahmen fließt.“ Das Land Hessen stellt seit 2017 für den Ausbau der Landschaftspflegeverbände sowie für Naturschutzprojekte und eine zentrale Koordinierungsstelle rund 1,9 Millionen Euro zur Verfügung. Auf der Basis einer neuen Förderrichtlinie ist für das laufende Jahr eine Steigerung der Landesmittel auf insgesamt 2,7 Millionen Euro geplant.

Dass der Verband letztlich auch als Dienstleister des Landes agiere, betonte der zweite AG-Sprecher Gerhard Eppler. Der Nabu-Landesvorsitzende sieht die Fördergelder vor Ort bestens aufgehoben. Beispielhaft nennt er die Umsetzung von Zielen der Hessischen Biodiversitätsstrategie vor Ort. In der so genannten „Hessen-Liste“ sind besonders bedeutsame Arten und Lebensräume nach regionalen Schwerpunkten und Dringlichkeiten aufgelistet. Außerdem könne man künftig auch Aufgaben für die Kommunen übernehmen, etwa die Umsetzung naturschutzrechtlicher Kompensationsmaßnahmen.

Eppler sieht in dem Modell einen starken Partner im Naturschutz, „denn der Rückgang der Biodiversität schreitet weiter voran“. Neben dem Klimawandel sei das Artensterben das zweite große Öko-Thema. „Die meisten haben den Gong mittlerweile gehört.“ Jetzt gehe es darum, genau diejenigen zu mobilisieren, die bei der Umsetzung konkreter Gegenmaßnahmen in der ersten Reihe stehen.

Nicht nötig, bei null anzufangen

Die Naturschützer sind ohnehin dabei. Die Landwirte habe man bereits überzeugen können. Im Lager der Winzer will die AG demnächst lauter trommeln. Ziel ist eine breit aufgestellte Bewegung, die bereits nach einem Jahr viel Rückhalt erfahren habe, so Eppler, der die Biodiversitätskonferenz als gelungenes Beispiel von Bürgerbeteiligung lobt. Die Politik habe eine Plattform geboten, auf der viele unterschiedliche Fachbereiche dialogisch verzahnt sind.

Ein weiterer Vorteil im Kreis Bergstraße sei, dass man nicht bei null anfangen müsse, so Gerhard Eppler. Man habe gute Kontakte zu den Nachbarn in Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau. Und mit dem Bensheimer Martin Schaarschmidt wisse man einen kompetenten Kollegen in den eigenen Reihen, der als stellvertretender Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbands (LEV) Rhein-Neckar ein sehr ähnliches Konstrukt verantwortet. Auch Schaarschmidt arbeitet in der Biodiversitätskonferenz mit.

Karsten Krug verweist auf die schlanken Strukturen des künftigen Vereins. Der Landschaftspflegeverband werde entgegen gleichlautender Befürchtungen kein „Bürokratiemonster“ sein. Verwaltungsaufwand und Personal sollen klein gehalten werden. Der Dezernent will ein Organ, das möglichst effizient und hemdsärmelig arbeiten kann. Die Politik soll nicht die erste Geige spielen. Es gelte das „Bottom-up-Prinzip“: eine Gründung von unten nach oben.

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