Corona - Jochen Hirsch, Geschäftsführer des Darmstädter Biotechnologie-Unternehmens und Test-Herstellers R-Biopharm, zu Einsatzmöglichkeiten im privaten Umfeld Nachweis der Mutationen vereinfachen

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Stefan Jünger
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Eine Mitarbeiterin des Darmstädter Unternehmens R-Biopharm im Laboreinsatz: Im Gespräch mit unserer Redaktion unterstreicht Geschäftsführer Jochen Hirsch, dass die Tests des Herstellers auch die sich in Deutschland breitmachenden Mutationen nachweisen können. © R-Biopharm

Darmstadt. Aufgrund des momentan noch nicht in ausreichendem Maße vorliegenden Impfstoffs und der ansteckenderen Mutationen des Coronavirus läuft der Lockdown in Deutschland weiter – wenngleich die Infektionszahlen erfreulicherweise weiter sinken. Deshalb werden die Forderungen nach mehr verfügbaren Schnelltests auch für den Eigengebrauch immer drängender. Im Gespräch mit unserer Redaktion beschreibt Jochen Hirsch, Geschäftsführer des Darmstädter Biotechnologie-Unternehmens und Testherstellers R-Biopharm und gebürtiger Wald-Erlenbacher, die aktuellen Produktionskapazitäten und Verwendungsmöglichkeiten in dieser Hinsicht.

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Sie haben im vergangenen Jahr bis zu zwei Millionen PCR-Tests monatlich hergestellt. Haben Sie die Kapazitäten in den vergangenen Wochen weiter aufgestockt?

Die R-Biopharm-AG

Bei der R-Biopharm AG handelt es sich um ein Darmstädter Familienunternehmen, das zu den führenden deutschen Biotechnologieunternehmen zählt.

Die 1988 gegründete Firma beschäftigt laut ihrer Homepage weltweit 1100 Mitarbeiter und ist in mehr als 120 Ländern mit 120 Vertriebshändlern und 28 Tochterunternehmen in Deutschland, den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Belgien, Lateinamerika, Australien und Indien, China und den Niederlanden erfolgreich vertreten. Österreich und die Schweiz werden von Deutschland abgedeckt.

Das Unternehmen ist in den Bereichen klinische Diagnostik, Lebens- und Futtermittelanalytik und Nutrition Care (innovative medizinische Konzepte zur Steigerung der Lebensqualität von Patienten) tätig.

Weitere Informationen gibt es im Internet: www.r-biopharm.com

Jochen Hirsch: Ja, denn der Ausbau unserer Produktionskapazitäten gemäß der hohen Nachfrage ist ein kontinuierlicher Prozess, ebenso wie die Erweiterung unseres Test-Portfolios: In Ergänzung zu unserem Ridagene-SARS-CoV-2-PCR-Test haben wir im August vergangenen Jahres den Corona-PCR-Schnelltest auf der Bosch-Vivalytic-Plattform auf den Markt gebracht und im November 2020 den Ridaquick-SARS-CoV-2-Antigen-Schnelltest. Diesen setzt auch das Corona-Schnelltestzentrum Darmstadt in Kooperation mit unserem Tochterunternehmen Humatrix ein.

Von Experten und der Politik wird zum Teil ein massives Ausweiten der Teststrategie gefordert. Ist es – abgesehen von den vorhandenen Laborkapazitäten – vonseiten der Testhersteller überhaupt möglich, die dafür erforderliche Menge an Tests zur Verfügung zu stellen?

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Hirsch: Interessanterweise sehen wir hier weniger in den Testkapazitäten ein Problem als in der Umsetzung von geeigneten Testkonzepten für verschiedene kritische Bereiche. Hier wurden beispielsweise im Schnelltestzentrum Darmstadt in Kooperation mit Humatrix die Testabläufe so optimiert, dass bei jedem positiven Test Substanz von derselben Probe an ein Labor geschickt wird, das den Schnelltest mit der PCR-Testung bestätigt, ohne dass hier eine weitere Probe entnommen werden muss und weitere Kosten für den Getesteten entstehen. Zusätzlich arbeiten wir an weiteren Konzepten, um Antigen-Schnelltest, PCR-Bestätigung und einen Test für die Bestätigung der neuen Corona-Mutationen miteinander zu verbinden.

Angesichts der hohen Todeszahlen in Pflegeeinrichtungen werden die Forderungen lauter, hier noch intensiver Schnelltests einzusetzen. Wie sind Sie in dieser Hinsicht aufgestellt?

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Hirsch: Wir entwickeln Konzepte, wie Heimeinrichtungen – und auch Unternehmen – mithilfe von Schnelltests sicherstellen können, dass Bewohner und Mitarbeiter sowie Besucher sich nicht gegenseitig anstecken. Dazu gehören unsere Tests, die mithilfe von Reihentestung 20 Ergebnisse auf einmal in nur 30 Minuten liefern, außerdem ein Instrument zur digitalen Registrierung, Terminvergabe und Ergebnisübermittlung. Hier sind wir schon weit fortgeschritten. Mit solchen Instrumenten zur vermehrten Testung wird eine kontrollierte Lockerung der Corona-Maßnahmen vereinfacht.

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Die Weltgesundheitsorganisation hat jetzt vorgegeben, dass ein PCR-Test wiederholt werden soll, wenn das Ergebnis nicht mit dem Gesundheitszustand des Getesteten übereinstimmt – vor allem, wenn positiv Getestete keinerlei Symptome zeigen. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Hirsch: Das ist schon immer gelebte Praxis, dass positive Ergebnisse mit einer weiteren Testung bestätigt werden. Wir unterstützen das.

Die Mutationen des Coronavirus machen sich langsam auch in Deutschland breit. Müssen die PCR- und die Schnelltests auf sie angepasst werden oder reichen die herkömmlichen aus, um sie zu erkennen?

Hirsch: Alle unsere Tests können diese sicher nachweisen. Das haben wir auch von unabhängigen Laboren prüfen lassen. Parallel arbeiten wir an einem Test, der es erlaubt, mithilfe der PCR die beiden neuen Varianten genau zu bestimmen. Das wird dann den Nachweis der Mutationen deutlich vereinfachen.

Es werden immer mehr private Schnelltest-Center eröffnet. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung, sollten die Tests nicht besser bei den niedergelassenen Ärzten und den Testcentern der Kassenärztlichen Vereinigungen verbleiben?

Hirsch: Wie schon gesagt, wurde im Dezember 2020 ein Testzentrum in Kooperation mit einem unserer Tochterunternehmen eröffnet – mit entsprechend geschultem Personal. Wir sehen die Ausweitung der Testmöglichkeiten als Schritt in die richtige Richtung.

Corona-Heimtests über Apotheken zur Verfügung zu stellen, ist auch ein Vorschlag, der in die Diskussion eingebracht wurde. Wie wird das Thema von einem Testhersteller gesehen, ist das überhaupt realistisch, weil ja bisher die Tests nur von medizinischem Personal durchgeführt werden dürfen?

Hirsch: Tests in Eigenanwendung können in limitierten Bereichen sinnvoll sein und sind meiner Ansicht nach mit einer entsprechenden Aufklärung gut möglich. Der Weg wurde jetzt vom Bundesgesundheitsministerium durch eine entsprechende Verordnung freigemacht. Tests, die für den Apotheken-Verkauf zugelassen werden, müssen jedoch besondere Anforderungen erfüllen, damit sie von Laien zu Hause sicher angewendet werden können. Hier sollte die korrekte Probenentnahme und Abarbeitung durch Laien mit den notwendigen Studien unterlegt sein, wie dies zum Beispiel mit der Lehrerstudie in Hessen getan wurde. Derzeit überprüfen wir, ob wir von R-Biopharm mit unserem Antigen-Schnelltest diesen Weg gehen möchten. Auf keinen Fall sollten aber Laien mit dem Ergebnis alleingelassen werden. Es muss zumindest gewährleistet werden, dass eine entsprechende Hotline für Fragen vorhanden ist.

Wo sehen Sie Probleme bei der Anwendung im privaten Bereich?

Hirsch: Dies halte ich dann für problematisch, wenn durch das Testergebnis Zugang zu Veranstaltungen oder Vergleichbarem gewährt werden soll, da die Durchführung und damit das Resultat niemand überprüfen kann. In diesem Fall sollte die Abarbeitung durch die öffentliche Hand erfolgen, um eine gewisse Kontrolle zu haben, oder durch eine unabhängige öffentliche Organisation. Diese sollte für die Test-Durchführung, Dokumentation, Erstellung und Übermittlung der Ergebnisse verantwortlich sein. Somit könnte zum einen unsachgemäßer Anwendung oder auch Missbrauch vorgebeugt werden, zum anderen aber dazu beigetragen werden, die Wirtschaft schneller wieder in den Normalbetrieb zurückzubringen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung der Infektionszahlen und die Gefahr, die von den Mutationen des Coronavirus ausgeht?

Hirsch: Das ist durchaus kritisch zu sehen, da das Virus mit jeder zusätzlichen Infektion die Möglichkeit bekommt, weiter zu mutieren. Das müssen wir so weit wie möglich einschränken, um das Risiko von weiteren Mutationen zu verringern. Dazu wollen wir auch mit unseren Tests beitragen.

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