Naturschutz - Knapp 150 Teilnehmer bei der zweiten Kreis-Biodiversitätskonferenz / Organisation und Status sollen kritisch hinterfragt werden Nach der Kommunalwahl soll der Landschaftspflegeverband kommen

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Thomas Tritsch
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Die Weinberge sind ein prägendes Element der Bergsträßer Kulturlandschaft. Um Letztere mit allem, was dazu gehört, erhalten zu können, soll es in Zukunft einen Landschaftspflegeverband geben, der konkrete Maßnahmen anstößt. © Neu

Bergstraße. Die erste Biodiversitätskonferenz im Kreis Bergstraße fand vor einem Jahr in Mörlenbach mit 160 Teilnehmern statt. Am Samstag beteiligten sich erneut knapp 150 Personen an der zweiten Auflage. Die Veranstaltung wurde aufgrund der aktuellen Corona-Lage als Online-Format durchgeführt. Drei Stunden lang wurde über die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen diskutiert und der weitere Fahrplan festgelegt.

Resolution zum Flächenverbrauch beschlossen

Der Flächenverbrauch im Kreis soll in den kommenden Jahren erheblich reduziert werden. Die in der Arbeitsgruppe Flächenschutz erarbeitete Resolution wurde am Samstag mit deutlicher Mehrheit beschlossen. Die AG hatte sich nach der ersten Biodiversitätskonferenz im Januar gegründet. Sie sagt: Der Verlust an wertvollem, lebendigem Boden findet vor allem in den Kommunen statt. Der Schwund werde durch immer neue Verkehrs-, Gewerbe- und Siedlungsflächen beschleunigt. Die AG ist überzeugt, dass kommunale Parlamente mehr Verantwortung übernehmen werden, wenn sie sich stärker mit dieser Dynamik beschäftigen würden. „Eine Resolution im Vorfeld der Kommunalwahlen ist dafür eine gute Gelegenheit“, so Guido Carl aus dem Vorstand des BUND Bergstraße.

Carl hofft auf eine Art Selbstverpflichtung der Städte und Gemeinden, bei künftigen Projekten sorgfältiger mit dem Thema umzugehen. Um dies zu forcieren, sollen in einem ersten Schritt die Bürgermeister und politischen Fraktionen vor Ort aufgefordert werden, die Erklärung in das lokale Parlament einzubringen und – nach den Kommunalwahlen im März – zu beschließen.

Erklärtes Ziel der AG ist ein verändertes Bewusstsein. Daher habe man auf die Definition „scharfer“ Forderungen verzichtet. Dies würde in erster Linie Widerstand auslösen, heißt es in der Begründung. Es gehe vielmehr darum, die Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung vom Bodenfraß zu entkoppeln und in absehbarer Zukunft eine Flächenkreislaufwirtschaft zu etablieren. tr

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Bei der Konferenz handelt es sich um eine kreisweite Strategie zum Schutz der Artenvielfalt auf der Basis einer breiten fachlichen Beteiligung. Bei den Akteuren handelt es sich vorrangig um Menschen, die sich im Umwelt- und Naturschutz engagieren. Aber auch Vertreter aus Verbänden, Behörden und Initiativen sind im Boot. Initiiert wurde das Projekt vom Kreisbeigeordneten und Bergsträßer Umweltdezernenten Karsten Krug, der sich am Samstag zufrieden über den Verlauf und das Fazit der Fortsetzung äußerte. Er sprach von einem wichtigen Signal an die regionale Politik, dieser ökologisch zentralen Frage auf allen Ebenen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das Entwicklungspotenzial im Landkreis sei nach wie vor sehr hoch.

„Das Thema ist angekommen und gewinnt zunehmend an Stellenwert“, so Krug, der das Format als gute Symbiose von Ehrenamt und Fachkompetenz bezeichnet. Die ihm unterstellte Untere Naturschutzbehörde koordiniert den Prozess von Beginn an.

Bei der Video-Schalte zeigte sich, wie viel Dynamik und Engagement im Kreis vorhanden sind und wie schnell eine interdisziplinäre Vernetzung unterschiedlicher Nischen gelingen kann. Es wurde aber auch deutlich, dass in der Steuerung und Umsetzung hier und da noch Optimierungsbedarf besteht. Die holprige Zuordnung der Teilnehmer in thematisch fokussierte Kleingruppen wurde von mehreren Beteiligten noch während der Konferenz über die integrierte Chat-Funktion kritisiert – ein Makel, der wohl auch der teils noch unsicheren Orientierung im digitalen Format geschuldet ist. „Wir werden auch solche Dinge künftig verbessern“, so der Mörlenbacher Naturschützer Ralph Kadel, der wie beim Startschuss auch die zweite Folge über weite Strecken moderierte. Auch von der Online-Beteiligung zeigte er sich begeistert: Auch am Ende waren noch über 130 Personen zugeschaltet.

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Kadel kündigte weitere selbstkritische Maßnahmen an. Unter anderem werde man die Organisationsform und den Status der Biodiversitätskonferenz hinterfragen. Geplant sei eine eigene Dachmarke von hohem Wiedererkennungswert, in der die unterschiedlichen Spezialgebiete vereint sein sollen. Auch die Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde soll „auf Augenhöhe“ stattfinden, um noch tiefer in politische Entscheidungsprozesse hineinwirken zu können. Mit der Resolution zur Minimierung des Flächenverbrauchs und der anstehenden Gründung eines Landschaftspflegeverbands sei man auf einem guten Kurs.

Der Landschaftspflegeverband soll als unabhängiger Verein konkrete Maßnahmen initiieren, um die regionale Kulturlandschaft zu erhalten. Die Ziele: der Ausbau eines flächendeckenden Netzes natürlicher und naturnaher Lebensräume sowie Impulse für eine nachhaltige Regionalentwicklung und umweltverträgliche Landwirtschaft. Die offizielle Gründung ist nach den Kommunalwahlen am 14. März vorgesehen, um von Anfang an entlang der neu formierten politischen Verhältnisse arbeiten zu können, so der AG-Sprecher Gerhard Eppler. Der Nabu-Landesvorsitzende betonte die Dringlichkeit eines solchen Verbandsmodells, das im Bundesnaturschutzgesetz eine besondere Stellung genießt und vom Land mit bis zu 150 000 Euro jährlich gefördert wird. Voraussetzung für den Zuschuss ist, dass schon beim Start mindestens vier Kommunen dabei sind.

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Das dürfte im Kreis Bergstraße kaum ein Problem sein. Unter anderen haben bereits Lorsch, Lautertal und Einhausen ihr Interesse bekundet. Auch aus Bensheim gibt es laut Eppler positive Signale. Als Anschubfinanzierung für diese Form der interkommunalen Zusammenarbeit spendiert Wiesbaden maximal 100 000 Euro. Die Mitgliedsbeiträge für die Kommunen sollen sich in einer Größenordnung zwischen 2000 und 10 000 Euro bewegen.

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Im künftigen Vorstand sollen Vertreter aus Land- und Forstwirtschaft sowie aus Naturschutz und Politik mit gleichmäßig verteilten Stimmen vertreten sein. Man verstehe sich als Netzwerker mit schlanken Strukturen in einer Scharnierfunktion zwischen Kommunen, Agrarwirtschaft und Öko-Verbänden, so der Nabu-Chef, der auch das Thema Biotopvernetzung ansprach. Nur durch einen Kontakt und Austausch verschiedener Teilpopulationen könne man dauerhaft dynamische Nahrungs- und Lebensräume herstellen. „Wir reden nicht nur darüber, wir fangen damit an“, so Gerhard Eppler über das Projekt in der Startphase.

„Wir werden etwas verändern“

Ein pragmatischer, handlungsorientierter Ansatz als Signal für eine ökologische Wende ist genau das, was die allermeisten Teilnehmer der Konferenz wollen. Bereits im Vorfeld des Termins äußerten manche die Befürchtung, dass die Treffen ohne eine konkrete Zielstrategie zu einem reinen „Debattierclub“ ohne realen Effekt verkommen könnten. Ralph Kadel wies diese Skepsis zurück: „Wir wollen und werden etwas verändern, und zwar direkt vor unserer Haustür im Kreis Bergstraße.“

Im gleichen Zug soll auch die Öffentlichkeitsarbeit intensiviert werden, um möglichst viele Institutionen und Privatpersonen zu erreichen, so Volker Knaup, der auch die AG Umweltbildung vertritt. Neben der Zertifizierung von Kindergärten will man das Thema Naturschutz auf allen Ebenen in die Köpfe der Menschen bringen. Umweltschutz müsse zum Selbstverständnis werden, so Knaup. Um dafür auch die nötige Datengrundlage zu erhalten, soll die Bestandserfassung von Biotopen ebenso intensiviert werden wie die Analyse des Flächenverbrauchs in den vergangenen Jahrzehnten. Florian Schuhmacher (Gewässerverband Bergstraße) teilte mit, dass der Vergleich von historischen Luftbildern mit aktuellen Drohnenaufnahmen erheblich dazu beitrage, den Prozess der Siedlungs- und Gewerbeentwicklung plastisch nachvollziehen zu können.

Fortsetzung in einem Jahr

Die dritte Biodiversitätskonferenz soll in knapp einem Jahr stattfinden, so Karsten Krug. Ob das Dialogforum dann wieder als Präsenzveranstaltung organisiert werden kann, müsse man abwarten. Die AGs wollen ihre Arbeit zunächst in der gewohnten Form weiterführen.

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