Hintergrund - Hilfesuchende Männer aus Afrika, die in der Unterkunft im ehemaligen Druckhaus der Weinheimer Diesbach-Medien leben, verkaufen ihren Körper Lustgeschäfte: Frauen bezahlen Flüchtlinge für Sex

Von 
Sandro Furlan
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Adasi (*) lebt in der Notunterkunft im ehemaligen Druckhaus der Weinheimer Diesbach-Medien. Pro Monat bekommt er rund 190 Euro Taschengeld. Da ist jeder Nebenverdienst willkommen. Und wenn er dafür seinen Körper verkauft.

Hand in Hand sieht man die Betroffenen nicht in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Druckhaus in Weinheim #2014 das Camp gilt ausschließlich als eine Art Kontaktbörse.

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Adasi ist ein sogenannter Toy Boy. Ein junger, aus seinem Heimatland geflüchteter Mann, der von deutschen Frauen für Sexdienste bezahlt wird. 30 Euro, so viel oder auch so wenig soll er von überwiegend älteren Frauen bekommen haben. Er selbst spricht nicht offen darüber - zu groß ist die Angst, etwas Verbotenes getan zu haben.

Beide Notunterkünfte werden dieses Jahr aufgelöst

In Weinheim betreibt der Rhein-Neckar-Kreis zwei Notunterkünfte in der Winzerhalle in Lützelsachsen und im ehemaligen Druckhaus Diesbach im Norden Weinheims.

Beide Notunterkünfte werden im Lauf des Jahres aufgelöst. Die Winzerhalle soll bis zum 1. September frei sein. Das Druckhaus wird laut Planung des Kreises bis Ende Oktober nicht mehr belegt sein.

Aus dem Druckhaus sind bereits einige Bewohner in andere Unterkünfte umgezogen. Im Juni werden außerdem 100 Bewohner in die neue Containersiedlung nach Leutershausen umziehen.

Aus der Winzerhalle ziehen ebenfalls nach und nach Bewohner aus, sobald andere Unterkünfte fertiggestellt sind oder auch sonst freie Plätze zur Verfügung stehen. sf

Wie andere auch erhofft er sich Hilfe, am Ende vielleicht die große Liebe, Heirat, das Recht auf Dableiben. Daher sei auch alles, was er macht, freiwillig. Sagt er. Das Geld erhält er für ein kleines Abenteuer nebenbei, für eine Stunde im heimischen Schlafzimmer der Damen, für die Begleitung zu einer Party und mehr hinterher.

Was sich zunächst anhört wie ein schlechter Witz, ist geschmacklos. Es geschieht in der Notunterkunft im Norden Weinheims und ist ein offenes Geheimnis, das viele kennen. Über das aber fast niemand sprechen möchte. Es ist ein Thema, das überall dort auftaucht, wo selbst ernannte Stärkere auf vermeintlich Schwächere treffen. Wo Schicksale ausgenutzt werden und zum Teil traumatisierte Menschen empfänglich sind für Hilfe von außen. Auch wenn sie in dem Fall nicht echt ist. Ähnliches ist daher auch aus anderen Notunterkünften bekannt. Aber weder dort noch in Weinheim konnte nach Auskunft der Zuständigen beim Rhein-Neckar-Kreis bislang nichts bewiesen werden.

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Begonnen hat alles vor ein paar Wochen, als die ersten Gerüchte auftauchten. Ein paar ältere Frauen würden mehr oder weniger regelmäßig in die Unterkunft kommen und dort junge Männer ansprechen. Vorzugsweise Schwarzafrikaner. Den Männern würde Hilfe versprochen werden, man könne außerdem zusammen feiern und quasi nebenbei auch Geld verdienen. Es kam offenbar zu ersten Kontakten und unter den geflüchteten Männern machte diese Form von Nebenjob schnell die Runde. Zutritt in die Notunterkunft verschaffen sich die Frauen, deren Namen bislang nicht bekannt sind, mit Ehrenamtsausweisen. "Wir kennen die Namen nicht, haben aber unter anderem zwei Frauen im Blick", sagt eine ehrenamtliche Helferin. Insgesamt soll es sich um etwa fünf bis sieben Frauen handeln.

252 Ausweise ausgestellt

Die Ausweise werden ausgestellt, wenn sich Menschen ehrenamtlich engagieren und in der Regel Teil eines Hilfsprojekts sind. 252 solcher Ausweise wurden bis heute ausgestellt - ohne sie gibt es keinen Zugang in die beiden Notunterkünfte im Weinheimer Stadtgebiet. Viele Ausweise dürften aber auch ausgestellt worden sein, ohne dass ein wahres ehrenamtliches Engagement dahinter steht. Mittlerweile werden die Ausweisanträge genauer geprüft.

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Der einzige Ort, an dem ein solcher Ausweis immer vorgezeigt werden muss, ist das Druckhaus. Die Namen werden am Tor von Security-Mitarbeitern registriert, es ist somit fast lückenlos zu dokumentieren, wer wann dort war. In der Notunterkunft Winzerhalle in Lützelsachsen wird das nicht ganz so streng gehandhabt. Und im ehemaligen Ebert-Park-Hotel, wegen der Vielzahl der dort untergebrachten Menschen verrichtet dort ebenfalls eine Sicherheitsfirma ihren Dienst, wird auch nicht immer kontrolliert. Aber das strengere Draufschauen auf die kleinen Ausweise ohne Passbild ergibt nicht viel Sinn, denn ihre wahre Absicht steht den Menschen nicht ins Gesicht geschrieben. Zumal es in der Unterkunft zu keinerlei körperlichen Kontakten kommt.

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Die Vorgänge in der Notunterkunft sind mittlerweile ein großes Thema in den Reihen der ehrenamtlich Tätigen. Viele fühlen sich in Verruf gebracht, reden - momentan nur hinter vorgehaltener Hand - von einem Missbrauch des Ehrenamtsausweises. Und natürlich von einem Missbrauch der dort lebenden jungen Männern. Viele von ihnen sind traumatisiert, ihre zum Teil vorhandene Hilflosigkeit wird ausgenutzt, um billigen Sex zu bekommen.

Es gibt aber auch andere Meinungen. Einige sehen es nicht ganz so kritisch, ganz im Sinne von "ist doch nichts passiert". Und: Viele haben Angst, dass durch das Handeln einiger weniger die vielen wirklich ehrenamtlich Tätigen unter Generalverdacht gestellt werden. Doch mittlerweile wird es schwer, das Thema unter der Decke zu halten. Denn unter den Flüchtlingen ist Unruhe entstanden, auch andere möchten sich etwas dazuverdienen. Und so bricht immer wieder Streit unter den Männern darüber aus, wer das nächste Mal mitgehen darf.

"Die machen sich zu Clowns"

Wer nicht direkt betroffen ist, der hat zumindest schon mal davon gehört. Im Camp, wie die Notunterkunft genannt wird, reden die Bewohner recht offen darüber. Ob es nun Geld gibt oder nicht, ist für sie zweitrangig. "Wenn der eine oder andere da mitgeht, ist das doch in Ordnung", sagt einer der Bewohner. Für ihn selbst auch denkbar? "Nein, denn die Jungs machen sich teilweise ganz schön zu Clowns."

Es ist ein Thema, das ganz weit weg erscheint, aber doch sehr nah ist. Zumal es diese Form der Annäherung schon immer gab und auch noch gibt. Gambia zum Beispiel gilt als regelrechtes Sexparadies für ältere Frauen. Vor allem Damen von der britischen Insel sind es, die dort ihr spätes Glück suchen. Und nicht selten enden die Ausflüge in das kleinste Land des afrikanischen Kontinents mit einer Hochzeit.

Bei der Stabsstelle Flüchtlingshilfe und Integrationsmanagement der Stadt Weinheim, die sich unter anderem um das Standortteam für das Druckhaus kümmert, sind die Vorfälle bekannt. Im Wortlaut hört sich die Erklärung so an: "Auch uns wurde vor wenigen Tagen berichtet, dass solche Ereignisse im Druckhaus vorgekommen sind, ohne dass wir genauere Angaben dazu haben, von welchen Personen das ausgeht. Ein solches Verhalten, wenn es bewiesen ist, ist natürlich nicht hinnehmbar. Sexuelle Dienstleistungen gegen Geld sind in jeder Konstellation problematisch, in dieser speziellen aber definitiv nicht akzeptabel, sogar unwürdig. Außerdem erschweren sie generell den Umgang der anderen Ehrenamtlichen mit den Flüchtlingen und zerstören insbesondere die Fortschritte bei der Vermittlung eines unserer Gesellschaft angemessenen Frauenbildes. Wir halten das für einen Missbrauch des Vertrauens, das man im Allgemeinen und zu Recht unseren Ehrenamtlichen entgegenbringt. Auf diese Weise wird das Schicksal der Flüchtlinge sträflich ausgenutzt. Wenn wir wissen, um welche Personen es sich handelt, werden wir ihnen selbstverständlich den Ehrenamtsausweis entziehen."

Im Landratsamt wusste man Anfang der Woche noch von nichts. "Ich habe mit unserem Ordnungsdezernenten und einer Kollegin unseres Ordnungsamtes vor Ort gesprochen. Uns ist aktuell nicht bekannt, dass Flüchtlinge, die in der Diesbach-Halle untergebracht sind, sexuelle Handlungen gegen Geld erbringen", sagt dazu Pressesprecherin Silke Hartmann.

Damit konfrontiert schüttelt eine ehrenamtlich Tätige nur den Kopf. Das Thema sei bekannt und bereits seit längerem an den zuständigen Stellen auch platziert worden. Aber offenbar sehe man deswegen keinen akuten Handlungsbedarf, weil das Opfer der Mann und nicht die Frau sei. Teilweise sei auch von einem "Privatvergnügen der Männer" gesprochen worden.

Später meldete sich der Kreis dann doch: "Die Kollegen, die für die Diesbach-Halle zuständig sind, haben über Security-Mitarbeiter erfahren, dass es wohl solche Gerüchte gibt. Ob in diesen ,Beziehungen' sexuelle Dienstleistungen erbracht werden, können wir bislang konkret nicht nachweisen. Auch kennen wir nicht die Namen dieser Personen. Wenn das so wäre und auch gegen Bezahlung diese sexuellen Dienstleistungen erbracht werden würden, wäre das auch aus unserer Sicht nicht hinnehmbar, weil es sich auch um sexuelle Ausbeutung handeln könnte. Unsere Unterkünfte als solche Beziehungsanbahnungen zu nutzen, wäre ein absolutes No-Go." Daher werde man auch über die Sozialarbeiter die Flüchtlinge vor Ort sensibilisieren.

Auch der Arbeitskreis Asyl weiß Bescheid. Dort verurteilt man die Vorgänge aufs Schärfste und hat daher auch andere Stellen informiert. Unter anderem habe man der städtischen Stabsstelle in Person von Ulrike Herrmann vorgeschlagen, die Ehrenamtsausweise einzustampfen und neu auszugeben. Das sei aber bislang abgelehnt worden. Die Begründung: zu viel Arbeit.

* Name von der Redaktion geändert

"Es wurde auch schon von einem Privatvergnügen der Männer ...

"Es wurde auch schon von einem Privatvergnügen der Männer gesprochen."