Interview - Der SPD-Landratskandidat über ICE-Trasse und Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum – und über die Maßnahmen des Kreises in der Corona-Pandemie Krug: „Ich bin kein Selbstdarsteller“

Von 
Konrad Bülow und Michael Roth
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Landratskandidat Karsten Krug (SPD) beim Interview im Medienhaus in Bensheim mit den Redakteuren Konrad Bülow und Michael Roth. © Dietmar Funck

Bergstraße. Der Herausforderer tritt selbstbewusst auf: Wenn Karsten Krug gefragt wird, was seine politischen Ziele sind, spricht er davon, was er als neuer Bergsträßer Landrat tun möchte – und das selten im Konjunktiv. Der Sozialdemokrat gab schon im September 2019 seine Kandidatur bekannt – lange vor seinen Kontrahenten, dem Amtsinhaber Christian Engelhardt (CDU) und der Mit-Herausforderin Evelyn Berg (Grüne). Im Interview mit dieser Zeitung spricht der Kreisbeigeordnete über seine Erwartungen an die Wahl, über die Gesundheitsversorgung und die ICE-Trasse – und sagt, welche kommunalpolitischen Themen er vorantreiben will.

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Herr Krug, mit wie viel Prozent der Stimmen rechnen Sie bei der Landratswahl?

Karsten Krug: Ich gehe im ersten Wahlgang von einer Stichwahl aus. Wichtig ist daher, dass es am Ende für mich mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen sind.

Was können Sie besser als die anderen beiden Kandidaten?

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Krug: Ich glaube, ich bringe eine gute Mischung aus vielen verschiedenen Fähigkeiten und Eigenschaften mit. Verwaltungserfahrung, aber auch politische Erfahrung und Menschlichkeit. Die Art, wie ich auf Menschen zugehe und mit ihnen umgehe, mit Respekt und Wertschätzung; nicht belehrend, sehe ich vor allem als großen Unterschied. Ich bin kein Selbstdarsteller. Außerdem bin ich hier fest verwurzelt, verbunden und aktiv. Das ist ein Gesamtpaket, das keiner der anderen beiden Kandidaten bietet.

Wann haben Sie zuletzt ihre Meinung zu einem politischen Thema geändert?

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Krug: Wie sicherlich viele andere auch, habe ich aufgrund der dynamischen Gesamtsituation beim Thema Corona immer wieder feststellen müssen, dass die Meinungsbildung hier ebenfalls sehr dynamisch ist. Ich hinterfrage nun einige Dinge, die von „oben“ – also Land oder Bund – kommen, weit öfter, da die Aussagen und Regelungen von diesen Ebenen häufig an Stringenz vermissen lassen und auch nicht immer auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Das finde ich insgesamt sehr schade, da es nach meinem Empfinden dazu geführt hat, dass das Vertrauen der Bürger, das zu Beginn der Pandemie noch da war, mittlerweile etwas gebröckelt ist und der Rückhalt gegenüber den Verantwortlichen schwindet.

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Ist auch im Kreis etwas schiefgelaufen?

Krug: Verbesserungspotenzial gibt es grundsätzlich immer. Aber ich bin schon der Auffassung, dass der Kreis die große Herausforderung Corona gut angenommen und bewerkstelligt hat. Mir persönlich ist dabei jedenfalls wichtig, dass wir bei der Ausnutzung unseres Handlungsspielraums alle Interessen bestmöglich beachten und angemessen abwägen; insbesondere beim Thema Allgemeinverfügung. Dafür stehe ich auch gegenüber den anderen beiden Dezernenten regelmäßig ein.

Und in Bezug auf das Impfen?

Krug: Auch hier hätte ich mir eine klarere und verbindlichere Linie und Kommunikation gewünscht; beispielsweise beim Thema Informationen und Aufklärung, Organisation, aber auch dem Impftaxi.

Sie kandidieren als Landrat, aber auch als Spitzenkandidat der SPD für den Kreistag. Das sind zwei Paar Schuhe. Wie passt das zusammen?

Krug: Ich bin bekennender Sozialdemokrat und stehe deshalb zu meiner Partei, auch wenn ich im Personenwahlkampf an bestimmten Stellen eigene Schwerpunkte und Ziele setze. Es ist also insbesondere ein Zeichen von Verbundenheit, wenn der Landratskandidat auch der Spitzenkandidat im Kreis ist.

Welche Strategie sollte der Kreis Bergstraße fahren, damit ihm die ICE-Neubaustrecke nutzt und nicht schadet?

Krug: Wir haben von der Deutschen Bahn mit der Zusage zur Einrichtung eines Projektbeirats ein positives Signal bekommen. Es ist nun aber wichtig, dass alle dort vertretenen Beteiligten, Kommunen, Verbände und Bürgerinitiativen, gemeinsam mit einer Stimme sprechen. Nur so können wir bestmögliche Ergebnisse erreichen. Dazu gehört insbesondere ein bergmännischer Tunnel, aber auch, dass an den Bestandsstrecken neue Lärmschutzmaßnahmen realisiert werden.

Vor einiger Zeit haben sie angeregt, eine neue Konsenstrasse zu definieren. Anderseits gab es einen Beschluss vom Kreistag, am Bergsträßer Konsens festzuhalten. Wie passt das zusammen?

Krug: Die ursprüngliche Konsenstrasse ist nun vom Tisch, da sich die Bahn für eine andere Variante entschieden hat. Deshalb ist der „alte“ Bergsträßer Konsens nach meiner Auffassung so nicht mehr realisierbar und wir müssen eine neue konsensfähige Variante finden.

Wie könnte diese aussehen?

Krug: Aus meiner Sich wäre die maximalmögliche Forderung ein Tunnel ab Langwaden bis hinter Neuschloss. Ich sehe dies als die Forderung an, mit der wir in den Projektbeirat gehen müssen; auch wenn die Durchsetzung sicher schwierig sein wird. Das darf uns aber nicht davon abhalten, den bestmöglichen Lärmschutz für unsere Bürger anzustreben.

Was Einen wundert: Dort, wo Menschen leben, sollen die Züge in freier Fahrt rollen. Wenn es dann durch den Wald geht, wird ein teurer Tunnel gebaut. Warum ist der Wald wichtiger als die Menschen?

Krug: Das sehe ich nicht so und deshalb plädiere ich auch, wie gerade gesagt, für eine andere Tunnellösung, so dass Mensch und Natur ausreichend Schutz erhalten.

Der Projektbeirat zum Thema Bestandsstrecken ruckelt noch etwas. Blockt da die Bahn oder gibt es noch zu wenig Druck aus dem Kreis?

Krug: Die Bahn hat sich schwergetan, überhaupt einen Projektbeirat zu initiieren. Deswegen ist der aktuell für die Neubaustrecke avisierte Projektbeirat schon als ein großer Schritt in die richtige Richtung zu sehen. Jetzt ist es an uns als Kreis, dieses Instrument bestmöglich für uns zu nutzen.

Im Zuge der Pandemie wurden die Rufe nach einem Krankenhaus im Odenwald lauter. Wie stehen Sie dazu?

Krug: Die Schließung des Luisenkrankenhauses habe ich persönlich bedauert. Allerdings sehe ich die stationäre Versorgung der Bevölkerung insbesondere durch die Stärkung des Kreiskrankenhauses, die ich als Finanzdezernent mit der Bereitstellung der notwendigen 50 Millionen Euro erfolgreich flankiert habe, als gesichert an. Problematisch ist aus meiner Sicht vielmehr die ambulante Versorgung in bestimmten Teilregionen, unter anderem im Odenwald. Hier muss dringend noch etwas passieren.

Mancher fragt, ob man die Investition in das Kreiskrankenhaus damit hätte verbinden können, sich beim Träger, dem Uniklinikum Heidelberg, dafür starkzumachen, etwa das Medizinische Versorgungszentrum in Lindenfels auszubauen, vielleicht zu einem MVZplus mit stationären Möglichkeiten. Wäre das ein gangbarer Weg gewesen?

Krug: Ich bin erst einmal der Auffassung, dass wir mit den aktuellen Verträgen zum Kreiskrankenhaus wichtige Weichen für die Zukunft gestellt haben. Künftig haben wir damit sicher auch die Möglichkeit, ein MVZ auszubauen oder vielleicht auch weitere MVZ-Standorte zu etablieren. Das wird aber eher eine Fragestellung beim Thema ambulante Versorgung sein.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte der Kreisklinik, über die Akutmedizin hinaus?

Krug: Ziel muss es sein, dass das Kreiskrankenhaus ein wirtschaftlich tragfähiger Standort ist und dabei gleichzeitig ein umfassendes Versorgungssystem für unsere Bürger garantiert wird. Dafür werden fachliche Spezialisierungen sinnvoll sein. Hierfür bietet das Universitätsklinikum Heidelberg, nach meiner Auffassung, auch die erforderliche Expertise, so dass wir von dieser verlässlichen Partnerschaft auch weiterhin gut profitieren können.

Wie wollen sie sicherstellen, dass sich Heidelberg nicht die Rosinen bei den Eingriffen herauspickt und in Heppenheim nur das Geschäft mit den niedrigen Margen stattfindet?

Krug: Wir müssen unseren Einfluss als Partner angemessen geltend machen. Es kann nicht sein, dass der Kreis mit 50 Millionen Euro einspringt und dann nichts mehr zu sagen hat. Hier müssen wir auch aus der Vergangenheit lernen und die Umsetzung der neuen Lösung aktiv begleiten und gegebenenfalls auch einfordern.

Sie sind wie Ihr Mitbewerber Christian Engelhardt Mitglied der Kreisspitze. Was bedeutet diese Konkurrenz für Ihr Arbeitsverhältnis?

Krug: Ich denke, wir sind beide professionell genug, um mit dieser Situation angemessen umzugehen. Uns beiden ist wichtig, dass es dabei um die Sache geht. Außerdem darf der Wahlkampf nicht zum Hindernis für eine gute Verwaltungsarbeit werden. Daran halte ich mich strikt; gleichzeitig sehe ich es als meine Pflicht an, als Herausforderer auch mal den Finger in die Wunde zu legen. Nur wenn wir Probleme erkennen und ansprechen, können wir sie lösen.

In der Öffentlichkeitsarbeit des Kreises zu Corona stehen sie ein wenig im Hintergrund im Vergleich zu Christian Engelhardt. Ärgert Sie das?

Krug: Nein. Auf der fachlichen Ebene weiß ich, was ich leiste, und brauche dafür kein Rampenlicht. Was den Wahlkampf betrifft, ist klar, dass er das Thema Corona als Möglichkeit, besonders präsent zu sein, erkannt hat und nutzt. Andere übrigens auch; so gab es beispielsweise im Kreistag eine Aufforderung, diese Aufgaben der Gesundheitsdezernentin zu übertragen. Der Landrat hat offensichtlich für sich entschieden, das nicht zu tun. Wir sind im Wahlkampf, er nutzt seine Möglichkeiten, ich meine.

Was sollte beim Thema Wohnen anders werden?

Krug: Dass der Wohnraum im Kreis Bergstraße knapp ist, wissen wir alle. Hier muss dringend etwas passieren. Als Landrat möchte ich daher unter anderem eine Allianz für bezahlbaren Wohnraum gründen, bei der insbesondere Kommunen und Wohnbaugenossenschaften, aber auch Spezialisten zu Fachthemen, wie etwa Behindertenbeiräte, ebenso wie Sozialverbände und Kirchen, an einem Tisch sitzen. Hier werden dann klare Ziele definiert und deren Umsetzung forciert.

Uns erreichen immer wieder anonyme Briefe, in denen es um schlechte Stimmung und autoritären Führungsstil in der Kreisverwaltung geht. Nehmen Sie das auch so wahr?

Krug: Ich finde es sehr schade und bedenklich, wenn sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei uns in der Kreisverwaltung so unwohl fühlen, dass es zu solchen Äußerungen kommt. Sie sind unser größtes Kapital und unsere direkte Verbindung zu den Bürgern. Hier ist es mir deshalb ein besonderes Anliegen, ihnen allen die entsprechende Wertschätzung entgegenzubringen und meiner Fürsorgepflicht gerecht zu werden, gerade in der aktuellen Pandemiesituation. Autoritärer Führungsstil gehört jedenfalls nicht zu meinem Repertoire.

Was machen Sie am Tag nach der Stichwahl?

Krug: Ich hoffe, dass ich platt vom Feiern sein werde. Aber letztlich ist das ein Montag, also ein regulärer Arbeitstag.

Was würde sich ändern, wenn Sie Landrat wären?

Krug: Das Thema Beteiligung ist mir sehr wichtig. Ich will die Bürger bei Entscheidungsprozessen mitnehmen. Das ist beispielsweise bei der von mir initiierten Biodiversitätskonferenz sehr gut gelungen. Es gibt aber auch noch viele weitere Ansätze, bei denen wir im Moment hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben. Die Themen Schule und Bildung, digitale Ausstattung, Arten- und Klimaschutz sind dabei weitere wichtige Beispiele, die unter einem Landrat Karsten Krug nicht mehr nur schönklingende Phrasen, sondern Realität wären.

Redaktion Redakteur für das Ressort Lautertal/Lindenfels, Autor im Ressort Region. Bei Bedarf Unterstützer im Lokalsport

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