Soziales - Kinderschutz gewinnt während der Corona-Pandemie noch mehr an Bedeutung / Hausbesuche sind auch in der Krise unverzichtbar „Im Zweifel lieber das Jugendamt einschalten“

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red
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Wer einen Übergriff auf Kinder befürchtet, sollte sich im Zweifel lieber an das Jugendamt wenden. © Pleul/dpa

Bergstraße. Weitgehend geschlossene Schulen und Kitas, Kontaktverbote, gestresste Familien: Von den drastischen Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie sind auch viele Kinder und Jugendliche im Kreis Bergstraße betroffen. Das Kreisjugendamt appelliert daher an Eltern, Angehörige und Nachbarn, beim Thema Kindeswohl genau hinzuschauen. „Durch Home-Office und Home-Schooling verbringen Eltern und Kinder mehr Zeit miteinander. Auch wenn der Spagat zwischen Kinderbetreuung und gleichzeitigem Arbeiten vielerorts nicht immer ganz einfach ist, bietet die aktuelle Situation viele neue Möglichkeiten und schweißt viele Familien zusammen“, weiß Landrat Christian Engelhardt.

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Doppelbelastung

Anna Lingenberg ist die neue Kinderschutzkoordinatorin

Seit dem 1. April gibt es eine neue wichtige Ansprechpartnerin in Sachen Kinderschutz im Jugendamt: Anna Lingenberg übernahm von Thorsten Sgodzai die Koordinationsstelle Kinderschutz. In der aktuellen Situation gelte es aufgrund der besonderen Anforderungen an das Leben in den Familien, die durch große Unsicherheiten sowohl bei Erwachsenen wie auch bei Kindern geprägt sind, als stabile Ansprechpartnerin zur Verfügung zu stehen.

Für Lingenberg sind es herausfordernde Zeiten, in denen es noch mehr gilt, genau hinzuschauen. Notlagen müssten früh erkannt und ernst genommen werden. Es gehe darum, sich Hilfe zu holen, wenn es nötig ist, oder das Jugendamt zu informieren, wenn Kinder in Gefahr sind. „Ich bitte daher alle Menschen im Kreis Bergstraße, besonders jetzt Hinweise auf Gefährdungssituationen für Kinder ernst zu nehmen und die Kontaktaufnahme zum Jugendamt nicht zu scheuen. Nur so können wir die Situation in den Familien beruhigen und gemeinsame Lösungen finden“, betont Lingenberg.

Die neue Kinderschutzkoordinatorin will bei ihrer Arbeit auch Kontakte nach außen knüpfen, da sie auch für die Weiterentwicklung der bestehenden Konzeption und Qualitätsstandards zum Thema Kinderschutz in der Kreisverwaltung, deren strukturelle Vernetzung sowie interdisziplinäre Kooperationen zuständig ist. t red

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Es kann aber auch passieren, dass gerade jetzt Konflikte schneller eskalieren – durch die Doppelbelastung von Arbeit und Kinderbetreuung oder durch den finanziellen Druck, der aufgrund der aktuellen Lage entstehen kann. „Auch dies sind alles Aspekte, die dazu führen können, dass Kinder unter Umständen Gewalt oder Verwahrlosung erleben“, so die Jugend- und Gesundheitsdezernentin des Kreises, Diana Stolz.

Ein besonderes Risiko gebe es dabei in Familien, in denen psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme eine Rolle spielen. „Es ist mir daher sehr wichtig, dass alle wissen: Das Jugendamt ist auch jetzt voll erreichbar“, betont Stolz. „Wir gehen jedem Hinweis einer möglichen Kindeswohlgefährdung nach“, bekräftigt auch Kai Kuhnert, Leiter des hiesigen Jugendamtes.

Eltern, die von der aktuellen Situation überfordert sind oder Hilfe brauchen, können und sollten sich auch jetzt beim Jugendamt melden. Auch Kinder und Jugendliche, die zuhause Schwierigkeiten haben, können sich beim Jugendamt melden – zum Beispiel bei den kreiseigenen Beratungsstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche, den sogenannten „Erziehungsberatungsstellen“. Diese befinden sich in Bensheim und Lampertheim, bieten aufgrund der Corona-Pandemie aktuell jedoch nur telefonische Beratung an.

Schweigepflicht für Berater

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An diese Beratungsstellen können sich Eltern sowie Kinder und Jugendliche aus dem gesamten Kreisgebiet wenden – nicht nur diejenigen, die in Lampertheim oder Bensheim wohnen. Die Teams der kreiseigenen Beratungsstellen unterliegen der Schweigepflicht. Zudem ist die Beratung kostenlos. Alternativ können sich Kinder, Jugendliche und Eltern auch an die „Nummer gegen Kummer“ oder an die Erziehungsberatungsstelle der Caritas in Fürth wenden.

Doch nicht nur für Kinder, Jugendliche und Eltern ist das Jugendamt der erste Ansprechpartner. Auch wer den Verdacht hat, dass Kinder leiden oder Angst vor ihren Eltern haben, kann und sollte sich beim Jugendamt melden. „Kreischende Kinder oder Geschwister, Getrampel auf dem Boden oder laute Musik in der Nachbarwohnung sind jedoch noch lange kein Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung. Wenn die Kinder selbst um Hilfe rufen oder die Eltern ‚Ich pack‘s nicht mehr‘ sagen, dann sollte man das Jugendamt einschalten – oder außerhalb der Öffnungszeiten des Jugendamtes die Polizei“, macht Kuhnert deutlich. Es gebe Tag und Nacht einen Bereitschaftsdienst im Jugendamt, der im Notfall von der Polizei kontaktiert werde, versichert er.

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Die Corona-Pandemie stellt neben Familien auch das Jugendamt selbst vor neue Herausforderungen. „Entscheidend ist, dass der Kontakt zu Familien, die bereits vom Jugendamt betreut werden, nicht abreißt. Wo das Kindeswohl einmal in Gefahr war, gehen wir auch jetzt regelmäßig in die Familien, um sicherzustellen, dass es den Kindern gut geht“, so Kuhnert. Um bei den Hausbesuchen die Infektionsgefahr möglichst gering zu halten, gehe das Jugendamt gemeinsam mit den freien Trägern der Jugendhilfe auch neue Wege. So kämen verstärkt Telefon und Video-Chats zum Einsatz, Gespräche würden teils an der Fensterscheibe oder in der freien Natur geführt. Dennoch führt am Face-to-Face-Kontakt zum Kind kein Weg vorbei. Denn: „Das Wohl der Kinder hat für uns auch unter widrigen Umständen allerhöchste Priorität“, betont Diana Stolz.

„Wir sind alle gefragt“

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Bislang sei allerdings noch unklar, ob die Corona-Krise zu deutlich mehr Notrufen beim Jugendamt führt. Üblicherweise sind es oft die Pädagogen in Schulen und Kitas, die sich mit Verdachtsfällen im Jugendamt melden. Aber die sehen die Kinder und Jugendlichen aktuell ja noch nicht. Daher kommt auch den Nachbarn, den Verwandten und Bekannten sowie den Eltern eine noch wichtigere Rolle zu. „Wir alle sind gefragt und sollten hinschauen, aufmerksam sein und bei Bedarf tätig werden. Kinderschutz geht jeden etwas an“, appelliert Stolz.

„In der aktuellen Krise wird besonders deutlich, wie wichtig die Arbeit der Jugendämter ist“, sagt die Dezernentin. „Der Kinderschutz ist eine unverzichtbare Aufgabe in der Gesellschaft. So wie etwa auch die Krankenhäuser, die Polizei und die Feuerwehr sind auch auf das Jugendamt und die Jugendhilfe im Kreis Bergstraße in der aktuellen Situation weiter einsatzfähig. Bitte suchen Sie bei Bedarf die Hilfe unserer Experten im Jugendamt.“ red

Ansprechpartner

Wer Sorge hat, dass ein Kind Hilfe benötigt, kann und sollte sich an einen der nachfolgenden Ansprechpartner wenden:

Erziehungsberatungsstelle des Kreises Bergstraße in Bensheim: Montag bis Donnerstag von 9 bis 13 und von 14 bis 17 Uhr, Freitag von 9 bis 12 Uhr, Telefon 06251 / 846060, E-Mail: jugendhilfe-eb-bensheim@ kreis-bergstrasse.de

Erziehungsberatungsstelle des Kreises Bergstraße in Lampertheim: Montag bis Donnerstag von 9 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr, Freitag von 9 bis 12 Uhr, Telefon 06256 / 910411, E-Mail: jugendhilfe-eb- lampertheim@kreis-bergstrasse.de

Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Fürth: Montag bis Donnerstag von 8 bis 12 und von 13.30 bis 15.30 Uhr, Freitag von 8 bis 12 Uhr, Telefon 06253 / 8061540, E-Mail: eb@caritas-bergstrasse.de

Nummer gegen Kummer (Kinder und Jugendliche): Montag bis Samstag in der Zeit von 14 bis 20 Uhr, zusätzlich Montag, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr, Telefon 116111

Nummer gegen Kummer (Eltern): Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, zusätzlich Dienstag und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr, Telefon 0800 / 1110550 red