Kommunalwahl - Die südhessische Wirtschaft fordert bessere Rahmenbedingungen und perspektivische Wachstumschancen – auch durch gemeinsame Gewerbeflächen IHK vermisst Blick über den Tellerrand

Von 
Thomas Tritsch
Lesedauer: 
Der IHK-Ausschuss für Standort- und Flächenentwicklung bemängelt beim Thema Wohnraum, dass es zu wenige Neubauprojekte und zu hohe Standards bei der Umsetzung gebe. © Neu

Bergstraße. Die südhessische Wirtschaft fordert bessere Rahmenbedingungen, um den Standort erfolgreich weiterentwickeln zu können. Bei ihrer Vollversammlung am 1. Dezember hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein-Main-Neckar ein Positionspapier zur Kommunalwahl 2021 vorgelegt, in dem zentrale Themen wie Gewerbeflächen, Mobilität, Fachkräftebedarf und Verwaltungsprozesse zur Sprache kommen und konkrete Lösungsvorschläge gemacht werden. Damit will sich die Kammer aktiv am politischen Diskurs beteiligen und einen Dialog mit Kreis und Kommunen forcieren.

AdUnit urban-intext1

Bei der Vorstellung des aktuellen Mittelzentren-Rankings (wir haben berichtet) wies IHK-Hauptgeschäftsführer Uwe Vetterlein auf den strukturellen Wandel in der Region hin, der auch die Wirtschaft vor besondere Herausforderungen stelle. So werde die Bevölkerung im Raum Südhessen bis zum Jahr 2040 voraussichtlich um 190 000 Menschen wachsen.

Der Wohnungsdruck werde dadurch weiter gesteigert. Rechne man den bereits jetzt herrschenden Mangel hinzu, kalkuliert das Institut für Wohnen und Umwelt mit einem Bedarf in Höhe von 307 000 zusätzlichen Wohneinheiten in den nächsten 20 Jahren.

Der Blick auf die Gewerbeflächen gestalte sich aufgrund eines mangelnden Monitorings und schwer definierbarer Bedarfswerte deutlich nebulöser. Eine Prognose aus dem RP Darmstadt beziffert den Bedarf an Gewerbe- und Industrieflächen zwischen 3700 und 4000 Hektar. Das entspricht in etwa der Größe von rund 5000 Fußballfeldern.

Konflikte bei Wohnen und Gewerbe

AdUnit urban-intext2

Schon jetzt erkennt die IHK zunehmende Konflikte zwischen Wohn- und Gewerbenutzung. Hinzu komme die Tatsache, dass viele bestehende Gewerbeflächen den Anforderungen an einen modernen Wirtschaftsstandort nicht mehr genügen und dass es die Kommunen mehrheitlich bislang versäumt hätten, dieser problematischen Entwicklung mit guten Konzepten und Strategien zu begegnen. Dies führe gelegentlich dazu, dass sich Wohn- und Gewerbegebiete gefährlich nahe kommen, was wiederum Unternehmen zu einer Verlagerung ihrer Aktivitäten motivieren könne.

Die IHK plädiert für einen klugen Umgang mit nutzbaren Flächen, der künftig nicht mehr kleinräumig, sondern interkommunal gedacht werden sollte. „Städte und Gemeinden müssen weitaus mehr als bisher gemeinsam agieren“, betont Uwe Vetterlein. Dies sei auch im Sinne des Struktur- und Klimawandels sinnvoll, wenngleich die Kammer vor einer gesetzlichen Überregulierung warnt: eine politisch erzeugte Flächenverknappung sei nicht zielführend. Vielmehr gehe es um eine effiziente Nutzung, ohne dabei Wohnen und Gewerbe gegeneinander auszuspielen.

AdUnit urban-intext3

Eine Verschärfung der Konflikte durch baurechtliche Vorgaben sei unbedingt zu vermeiden. Einfachere Plan- und Genehmigungsprozesse sowie ein digitales Flächenmonitoring könnten dabei helfen. Zudem müsse der Landkreis dafür sorgen, dass in den Städten und Gemeinden vor Ort ein einheitliches Umsetzen solcher Verfahren gewährleistet ist.

AdUnit urban-intext4

Beim Thema Wohnen bemängelt der IHK-Ausschuss für Standort- und Flächenentwicklung zu wenig Neubauprojekte und zu hohe Standards bei der Umsetzung. Auf Landes- und Bundesebene sorgten 3700 DIN-Normen und weitere Vorschriften für eine Verteuerung von Bauprojekten, was wiederum die Investitionen in die lokale Infrastruktur drosselt. Aber gerade in Städten mit einem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt falle es Personen mit niedrigem und mittlerem Einkommen oft schwer, eine geeignete Wohnung zu finden. Statt kostengünstigen Wohnraum zu subventionieren schlägt die Kammer vor, Kostentreiber wie die Grunderwerbssteuer dauerhaft zu senken und so für eine Entspannung zu sorgen.

Aber auch den Wandel der Innenstädte müsse die Politik klug und weitsichtig mitgestalten. Laut Vetterlein fehle es vielen Kommunen an klaren Konzepten. Eine Ausnahme erkennt er in der Stadt Lorsch: „Dort weiß man, wohin man sich entwickeln will.“ Kommunale Individualität sei ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal, das Menschen in die Innenstädte zieht.

Wer aber dabei allein auf den Einzelhandel als Publikumstreiber setze, der übersehe eine klare Tendenz zum Online-Shopping und zur Auslagerung großer Umsatzanteile auf die „grüne Wiese“. Eine vitale City zeige einen attraktiven Mix aus Gastronomie, Einkaufen und Dienstleistungen, bei dem der Erlebnis-Faktor eine prominente Rolle spiele. Wie auch in den kommunalen Planungsprozessen komme es hier darauf an, dass Politik und Verwaltung im Gleichschritt unterwegs sind. Weil dem häufig nicht so sei, verschwänden viele gute Ideen in der Schublade. Eine Ursache sieht die IHK in einer mangelhaften Akzeptanz seitens der Bürgerschaft. Transparente Prozesse und mehr Bürgernähe könnten diesen Trend mittelfristig umkehren.

Verkehrskonzept für die Region

Auch beim Verkehr vermisst die IHK Darmstadt den Blick über den Tellerrand. Es brauche ein Konzept für die gesamte Rhein-Main-Neckar-Region über Kreis- und Landesgrenzen hinweg. Dies würde auch die Situation von Unternehmen und ihrer Angestellten verbessern und den Wirtschaftsstandort für die dringend benötigten Fachkräfte attraktiver machen, heißt es in dem Papier weiter. Angebote zum betrieblichen Mobilitätsmanagement müssten eingebunden werden. Das Papier wurde in der Vollversammlung verabschiedet. Die IHK hofft, dass die Themen im Zuge des Kommunalwahlkampfs eine möglichst breite Beachtung finden.

Freier Autor