Gespanntes Warten auf die Welterbe-Entscheidung

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Der Wormser jüdische Friedhof „Heiliger Sand“ könnte in diesem Jahr zum Unesco-Welterbe ernannt werden. © Bernhard Zinke

Für Worms, Speyer und Mainz wird es ein spannendes Frühjahr: Die drei so genannten SchUM-Städte haben sich mit ihren jüdischen Monumenten um die Aufnahme ins Unesco-Welterbe beworben. Derzeit beantworten die Fachleute dem Internationalen Rat für Denkmalpflege letzte Fragen zu dem 1000-seitigen Antrag. Ende März will der Rat dann seine Empfehlung an die Unesco übermitteln.

Die SchUM-Städte

Als SchUM-Städte gelten die drei Städte Speyer, Worms und Mainz, in denen sich im Mittelalter die Zentren jüdischer Kultur und Religion in Europa herausbildeten.

In den damals gut vernetzten jüdischen Gemeinden wurden Rechtsnormen gesetzt, die für das jüdische Alltagsleben bis heute in aller Welt gelten.

Bei dem Antrag zur Aufnahme ins Welterbe handelt es sich um einen sogenannten Monumenten-Antrag, der den Schutz der jüdischen Gedenkstätten zum Ziel hat.

Dazu gehören in Worms unter anderem der „Heilige Sand“, Europas ältester jüdischer Friedhof und der Synagogenbezirk, sowie in Speyer der Judenhof mit der bedeutenden Mikwe, einem Ritualtauchbad. bjz

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„Dann werden wir zumindest eine Vorstellung haben, wie die Entscheidung ausfallen wird“, sagt Stefanie Hahn. Die Leiterin der Stabsstelle SchUM im rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministerium hält bei der Bewerbung der Städte Worms, Speyer und Mainz zur Aufnahme ins Welterbe alle Fäden in der Hand.

Seit 2004 arbeiten Fachleute, Wissenschaftler und Politiker an der Bewerbung. Die Städte am Rhein und das Land wollen das hochbedeutende jüdische Erbe und seine übrig gebliebenen Monumente unter den Schutz der internationalen Staatengemeinschaft stellen. Im Juni oder Juli will die Unesco ihre endgültige Entscheidung fällen – sofern sie Pandemie-bedingt überhaupt zusammentreten kann.

Im vergangenen Jahr hatte Corona die Zusammenkunft verhindert. Die Entscheidungen über Anträge zur Aufnahme ins Welterbe wurden allesamt auf dieses Jahr vertagt. Die Kommission hat 2021 also doppelte Arbeit zu leisten.

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Immerhin ist der Antrag der SchUM-Städte (das Wort setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben der jüdischen Stadtbezeichnungen Spyra, Warmaisa, Magenza) in diesem Jahr der einzige Antrag aus Deutschland.

Spannend bis zum Schluss

Ein Experte des ICOMOS hat sich im September in Worms, Speyer und Mainz umgesehen und vergewissert, ob die Gegebenheiten vor Ort mit dem Antragstext übereinstimmen. „Wir konnten immerhin evaluiert werden“, freut sich die Susanne Urban, Geschäftsführerin des SchUM-Städte-Vereins mit Sitz am Wormser Synagogenplatz. Dieses Glück sei im vergangenen Jahr nicht allen Antragstellern beschieden gewesen. Aus dem Experten-Besuch und weiteren Studien des Antragstextes hätten sich allerdings einige Fragen ergeben, die aktuell noch beantwortet würden, erläutert Stefanie Hahn. Dafür bleibt den Städten bis zum 26. Februar Zeit.

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Aus der Art der Fragestellungen leiten Hahn und Urban jedoch vorsichtigen Optimismus ab. „Die Fragen lauten nicht so, als ob der Antrag insgesamt in Frage gestellt würde“, berichtet Stefanie Hahn. Gleichwohl bleibt die Entscheidung bis zum Schluss spannend. Schwingt doch bei dem Antrag immer auch die politische Komponente mit. Auf der einen Seite macht sich Deutschland hier für sein jüdisches Erbe stark. Auf der anderen Seite sitzen genügend arabische Staaten in der Unesco, die mit Israel ihre Probleme haben.

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„Das Jüdische ist immer politisch“, weiß auch Susanne Urban um die Brisanz, die mitschwingt. Allerdings sei es ja explizit kein politischer, sondern ein Monumenten-Antrag. Und er biete die Möglichkeit zum Statement gegen den weltweit wachsenden Antisemitismus. Die europäisch-jüdische Kultur sei ein wichtiger Mosaikstein der europäischen und der Weltkultur, bekräftigt die SchUM-Geschäftsführerin.

Sensible Stätten schützen

Und was, wenn die Unesco dem jüdischen Erbe ihren Segen gibt? „Dann werden wir die Korken knallen lassen“, so Susanne Urban. Zugleich plane man sehr ernsthaft, wie die sensiblen Stätten, die ja immerhin auch noch von Gläubigen zahlreich besucht werden, dem zu erwartenden Ansturm begegnen können, ohne die Würde zu verlieren.

Neben einer Feier im Sommer werden die SchUM-Städte auch einen Festakt vorbereiten, der vermutlich im Oktober oder November stattfinden wird – dann nämlich, wenn die Unesco die Urkunde an die rheinland-pfälzische Landesregierung überreicht.