Kommunalwahl - Die Kirchen hatten zu einer online übertragenen Podiumsdiskussion eingeladen Erster Schlagabtausch der Landratskandidaten

Von 
Konrad Bülow
Lesedauer: 

Bergstraße. Es kommt Bewegung in das Rennen um das Bergsträßer Landratsamt. Erstmals im Wahlkampf haben sich alle drei Kandidaten, Amtsinhaber Christian Engelhardt (CDU) und seine beiden Herausforderer Evelyn Berg (Bündnis 90/Die Grünen) und Karsten Krug (SPD), im direkten Vergleich Fragen zu kommunalpolitischen Themen gestellt – alle mit dem Ziel, mit dem richtigen Auftreten und den richtigen Antworten die Konkurrenten auszustechen und bei den Wählern zu punkten. Zur Podiumsdiskussion hatten am Mittwochabend die Kirchen eingeladen, genauer: das evangelische Dekanat Bergstraße sowie die katholischen Dekanate Bergstraße. Schauplatz war die Martin-Luther-Kirche in Lampertheim. Zuschauer waren wegen der Corona-Pandemie keine vor Ort, stattdessen wurde die Diskussion live ins Internet übertragen. „Es geht hier um Themen, die uns in der Kirchenarbeit wichtig sind“, betonte der evangelische Dekan Arno Kreh, der die Veranstaltung zusammen mit Renate Flath vom katholischen Dekanat moderierte. „Schöpfung bewahren“ – im Grunde also der Schutz der Umwelt – „Soziale Teilhabe ermöglichen“ und „Demokratie stärken – Rassismus entgegentreten“ waren die Themen des Abends. Die Fragen stellten verschiedene Experten aus diesen Bereichen.

Solarenergie fördern

AdUnit urban-intext1

Alle drei Kandidaten betonten, dass sie den Kreis bei vielen dieser Herausforderungen in einer guten Position sehen, an der einen oder anderen Stelle aber noch eine Schippe drauflegen wollen. „Der Kreis ist auf einem guten Weg, aber das kann noch intensiviert werden“, sagte Evelyn Berg etwa auf die Frage von Sabine Allmenröder (Fachstelle gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat), welchen Beitrag der Kreis Bergstraße leisten kann, damit mehr Dachflächen für Solarenergie genutzt werden. Ein Weg dahin sei, kreiseigene Neubauten von vornherein mit Photovoltaikanlagen zu planen.

Auch Landrat Christian Engelhardt ist der Ansicht, dass in dieser Sache bereits vieles getan wurde, etwa mit dem Kreistagsbeschluss vom November, eine Servicegesellschaft zu gründen. Deren Aufgabe ist unter anderem, Wege zur umweltschonenden Energiegewinnung zu finden. „Wichtig ist, die Menschen dazu zu bringen, mitzumachen“, betonte der Christdemokrat.

Etwas kritischer zeigte sich Karsten Krug, der ankündigte, als Landrat eine Photovoltaik-Offensive vorantreiben zu wollen. „Die hätte ich bei uns im Kreis gerne schon früher imitiert gesehen“, bekannte er. Am liebsten sei es ihm, so weit möglich auf die Unterstützung dritter zu setzen. Es brauche aber dafür einen Schulterschluss der Gesellschaft.

AdUnit urban-intext2

Bei vielen Fragen kündigten Engelhardt, Krug und Berg an, die Bürger und die Kommunen einzubinden. So etwa beim Weg zu einem Flächenkreislauf, bei dem neue Bau- und Gewerbegebiete nur dann entstehen sollen, wenn dafür anderswo wieder Räume für die Natur und den Ackerbau frei werden. Ein Flächenverbrauch von „Netto Null“ sei das Ziel der Bundesregierung bis 2050, betonte Evelyn Berg. „Im Kreis müssen wir uns umgehend auf den Weg machen.“ Sie wolle als Landrätin das Gespräch mit den Kommunen suchen, um so einen „Masterplan Flächen für den Kreis zu imitieren“, kündigte sie an.

Amtsinhaber Engelhardt sprach sich dafür aus, vor allem vorhandene Flächen zu nutzen und zu verdichten und gleichzeitig zu überlegen, wie Flächen ökologisch genutzt werden können. Krug hob sein Engagement als Umweltdezernent bei der Biodiversitätskonferenz hervor und erinnerte an die Resolution zum Flächenverbrauch, die dabei erarbeitet wurde. Es gelte aber auch, den Kommunen Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen, etwa beim Leerstandsmanagement. Es gebe bereits derartige Angebote. Seiner Ansicht nach sollten sie aber für die Kommunen kostenfrei sein.

AdUnit urban-intext3

Alle drei setzen auf eine engere Verzahnung von Bus, Bahn und Auto, um die Mobilität nachhaltiger zu gestalten – wobei Evelyn Berg ein Tempolimit forderte. Landrat Engelhardt war es wichtig, „zu Fuß gehen“ als ökologische Form der Fortbewegung zu benennen.

AdUnit urban-intext4

Eng verzahnt mit dem Thema Flächenverbrauch ist die Frage nach Wohnraum für pflegebedürftige Menschen außerhalb von Heimen, die Tobias Lauer vom Diakonischen Werk und Martin Fraune von der Caritas Heppenheim stellten. Auch dabei wollen die Kandidaten das Gespräch suchen. Karsten Krug schwebt eine „Allianz für bezahlbaren Wohnraum“ vor, an dem Kommunen, Investoren, Genossenschaften, Kirchen und Sozialverbände teilnehmen sollen. Evelyn Berg formulierte mit einem „Wohngipfel“, auf dem eine kreisweite Strategie ersonnen werden soll, einen ähnlichen Ansatz. Engelhardt nannte die Baulandoffensive als einen Baustein. Dabei übernimmt der Kreis die Kosten für Gutachten über die Eignung von Flächen als Bauland in den Kommunen. Es gelte auch, die Menschen darin zu beraten, wie Wohnungen barrierefrei umgebaut werden können, sagte Engelhardt.

Nachholbedarf sehen die drei Kandidaten dabei, Angebote für sozial benachteiligte Menschen übersichtlicher und niederschwelliger zu gestalten. Der Kreis arbeite mit dem Seniorenbeirat daran, das zu verbessern, betonte Christian Engelhardt. Krug kündigte an, als Landrat ein „Sozialbüro“ realisieren zu wollen – eine Anlaufstelle, an der jeder Bürger angehört wird und die die nötigen Schritte selbst einleitet. Er sprach sich auch für einen Kreisbehindertenrat aus.

Keine Zwiegespräche vorgesehen

Etwa 300 Interessierte sahen sich die eineinhalbstündige Veranstaltung an. Zwiegespräche zwischen den Bewerbern sah das Format nicht vor. Stattdessen hakten Zuschauer nach, die über Kommentarfunktionen Fragen einsendeten. Vorgelesen wurden wegen der Kürze der Zeit nicht alle, wobei es auch die Möglichkeit gab, die Anliegen per E-Mail an die Kandidaten zu schicken, die zusagten, sie zu einem späteren Zeitpunkt zu beantworten.

Wie umgehen mit Rechtspopulismus?

Eine Neonazi-Szene gebe es mittlerweile nicht mehr an der Bergstraße – wohl aber antidemokratische Kräfte, leitete Manfred Forell vom Bündnis gegen Rechts seine Fragen an die drei Bewerber um das Bergsträßer Landratsamt ein: „Früher wussten wir, mit wem wir es zu tun hatten, jetzt ist das weniger überschaubar“, sagte er mit Blick auf eine zunehmend rechtspopulistische Stimmung. Beiträge würden oft eingeleitet mit Satzbausteinen wie: „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ oder „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber...“. Wie künftig zivilgesellschaftliche Akteure geschützt, unterstützt und gestärkt werden, wollte er von Christian Engelhardt, Evelyn Berg und Karsten Krug wissen.

Engelhardt warb zum einen dafür, jeden Tag – auch im Kleinen – klare Kante zu zeigen. Demokratische Bildung sei ebenfalls ein wichtiger Baustein. Ein Wegfall des von der Schließung bedrohten Hauses am Maiberg in Heppenheim, das genau dies anbietet, würde eine Lücke reißen, räumte er nach einer Rückfrage Forells ein. Andererseits dürfe die Bildung der Jugend nicht an nur einem Partner hängen.

Die Menschen müssten sich gerade in der Pandemie, in der bestimmte Rechte eingeschränkt würden, bewusst werden, wie wichtig Demokratie ist, sagte Karsten Krug. Als konkreten Vorschlag nannte er einen runden Tisch, an dem neben dem der Kreis, die Kirchen, Sozialverbände und andere Organisationen sitzen sollten.

Einen regelmäßigen Austausch mit lokalen Akteuren mahnt Evelyn Berg an. Es gehe aber auch darum, an die Ursachen heranzugehen: „Viele Menschen fühlen sich abgehängt. Deshalb sind gleichwertige Lebensverhältnisse so wichtig.“ Im Gespräch miteinander – auch wenn es unterschiedliche Meinungen gibt – müsse es bestimmte Tabus geben. Klar sei aber, dass die Demokratie den Menschen mehr Chancen gebe als eine Diktatur. „Das müssen wir leben“, schloss Berg. kbw

Redaktion Redakteur für das Ressort Lautertal/Lindenfels, Autor im Ressort Region. Bei Bedarf Unterstützer im Lokalsport