Amtsgericht Bensheim - Prozess gegen einen 49 Jahre alten Syrer Dilettantische Beschneidung durch einen angeblichen Arzt

Von 
Gerlinde Scharf
Lesedauer: 

Bergstraße. „In unserem Dorf in Äthiopien wurden alle Kleinkinder beschnitten. Es ist ein kultureller und religiöser Brauch“, begründete ein Zeuge vor Gericht sein Einverständnis, seinem nur wenige Monate alten Sohn in Deutschland von einem „Arzt“, der in Wirklichkeit als Krankenpfleger gearbeitet hat, die Penisvorhaut entfernen zu lassen. Bei dem schmerzhaften Prozedere in der Wohnung sei er selbst nicht dabei gewesen. Er habe den Raum vorher verlassen, „weil das Kind so geheult hat“, ließ er durch einen Dolmetscher mitteilen. Seine Ehefrau sei bei dem Säugling geblieben.

Genitalverstümmelung

Die Beschneidung – Genitalverstümmlung – von Mädchen ist in Deutschland verboten.

Die Beschneidung von Jungen – die nicht-therapeutische Vorhautentfernung – bis zum Alter von sechs Monaten wurde vom Bundestag 2012 aus religiösen und kulturellen Gründen legalisiert. Voraussetzung ist, dass der Eingriff nach den Regeln der ärztlichen Kunst vorgenommen wird. Betroffen sind vor allem muslimische und jüdische Jungen.

Menschenrechtler und Kinderärzte kritisieren das „Beschneidungsgesetz“ seitdem heftig, da die Kinder durch die Beschneidungen, die oftmals ohne ausreichende Betäubung vorgenommen werden, starke Schmerzen leiden müssen. Etliche Jungen werden demnach jährlich in Deutschland stationär nachbehandelt, da es zu Komplikationen gekommen ist. gs

AdUnit urban-intext1

Drei mal soll ein syrischer „Scheinarzt“ – ohne im Besitz einer Erlaubnis zu sein und vermutlich ohne örtliche Betäubung – im Juli/September 2018 in Lorscher Flüchtlingsunterkünften unsachgemäße und stümperhafte Beschneidungen an männlichen Säuglingen vorgenommen und den Jungen starke Schmerzen zugefügt haben. In mindestens einem Fall war infolge starker Vernarbungen an den Genitalien eine Nachfolge-Operation durch einen Kinderchirurgen notwendig. Als Lohn soll der Beschneider jeweils 125 beziehungsweise 150 Euro kassiert haben.

Vor dem Schöffengericht in Bensheim musste sich der 49 Jahre alte Syrer mit Wohnsitz in Stadtallendorf wegen gefährlicher Körperverletzung, gewerbsmäßigen Betrugs und Amtsanmaßung verantworten. Verteidiger Bernard Schroer gab für seinen Mandanten eine geständige Erklärung ab. Weitere Fragen werde der Angeklagte, so der Anwalt, nicht beantworten. Was dieser dann doch zum Teil tat.

So will der sechsfache Vater von den Eltern äthiopischer und eritreischer Herkunft lediglich 50 Euro pro Beschneidung verlangt haben. Er habe sich ihnen gegenüber auch nicht als Arzt einer Marburger Klinik vorgestellt, wie von Staatsanwältin Lea Bötsch in der Anklageschrift vorgetragen, sondern mitgeteilt, dass er in einem Altenheim arbeite.

AdUnit urban-intext2

Eine aufmerksame Kinderärztin, der ungewöhnliche Verwachsungen an ihrem kleinen Patienten aufgefallen waren, hatte den Fall ins Rollen gebracht und Jugendamt und Polizei informiert. Die Medizinerin soll am nächsten Prozesstag (27.) als Zeugin vor Gericht aussagen.

Den Kontakt zu dem vermeintlichen Arzt, der die dilettantische Beschneidung an seinem damals vier Monate alten Sohn vorgenommen hat, habe sein Vermieter hergestellt, berichtete der Zeuge. Auf Fragen des Gerichtsvorsitzenden erklärte der Äthiopier, dass der Angeklagte eine Schere und ein Feuerzeug dabei gehabt habe. Handschuhe, Desinfektionsmittel, Kittel und Verbandsmaterial habe er bei ihm nicht gesehen. Zur Nachbehandlung der Wunde habe er eine Creme empfohlen. In seiner Heimat, so gab er auf weiteres Intervenieren des Richters an, habe er schon mehreren Beschneidungen beigewohnt, die von einem „Kulturarzt mit einer Klinge“ vorgenommen wurden. Am kommenden Mittwoch sollen weitere Zeugen gehört und das Urteil gesprochen werden.

Freie Autorenschaft Seit vielen Jahren "im Geschäft", zunächst als Redakteurin beim "Darmstädter Echo", dann als freie Mitarbeiterin beim Bergsträßer Anzeiger und Südhessen Morgen. Spezialgebiet: Gerichtsreportagen; ansonsten alles was in einer Lokalredaktion anfällt: Vereine, kulturelle Veranstaltungen, Porträts. Mich interessieren Menschen und wie sie "ticken", woher sie kommen, was sie erreiche haben - oder auch nicht-, wohin sie wollen, ihre Vorlieben, Erfolge, Misserfolge, Wünschte etc.