Sonnenuhren - Birkenauer Verein wagt es nach der Absage 2018 noch einmal und bewirbt sich noch im April für zwei gleich zwei Einträge ins Guinness-Buch Die Zeit soll reif sein für den Rekord

Von 
Ann-Kathrin Weber
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Die Sonnenuhren in Birkenau sind so unterschiedlich wie ihre Besitzer. Das außergewöhnliche Exemplar auf dem linken Foto ist in der Ringstraße zu finden. Das jüngste Exemplar (mittleres Foto) ist in gewisser Weise ein Älteres: Eine Sonnenuhr von Otto Seile ziert seit Herbst 2019 die Wand des Feuerwehrgerätehauses am Platz La Rochefoucauld. Die älteste Sonnenuhr in Birkenau (rechtes Foto) stammt aus dem Jahr 1773 und aus einem Kloster. Sie steht im Birkenauer Rathaus. © Sonnenuhrenverein Birkenau

Birkenau. Der Birkenauer Sonnenuhrenverein hat ein Ziel vor Augen: Er will es nochmal wagen und Birkenau, das Dorf der Sonnenuhren, zu einem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde verhelfen. Der erste Versuch von Dezember 2017 scheiterte, aber nun, mehr als zwei Jahre später, ist nach Meinung des Sonnenuhrenvereins die Zeit nun endlich reif für den Weltrekord. Dieses Mal will er sich mit gleich zwei Anträgen für demnach zwei Rekorde bewerben. Noch im April wollen wir die Anträge einreichen“, erklärt Vereinsvorsitzende Monika Lübker.

Otto Seile

Der Birkenauer Otto Seile gilt als der „Vater der Sonnenuhren“.

Am 22. Mai 1892 in Bruchhausen geboren, verstarb Seile, der in Darmstadt als Regierungsbaumeister tätig war, 1978 im Alter von 85 Jahren in Mannheim. In seinem Ruhestand ließ er sich in Birkenau nieder, wo er anfing, Sonnenuhren zu konstruieren.

Mit dem Maler Schmitt und dem Schmied Gölz baute er die ersten Sonnenuhren. Seile brachte im Jahr 1943 ein Exemplar an seinem Haus im Birkenauer Dornweg an und löste damit in den Folgejahren und bis heute in der Gemeinde einen Sonnenuhren-Boom aus.

Seile gehört zu den Gründungsmitgliedern des Fachkreises Sonnenuhren, der unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie agiert.

Ein Otto-Seile-Denkmal wurde im Jahr 2017 auf dem Alten Friedhof in Birkenau eingeweiht. awe

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201 Sonnenuhren werden derzeit in der Gemeinde gezählt. Mit 182 Exemplaren der lautlosen Zeitmesser wagte der Verein den ersten Versuch. Doch die Ernüchterung kam im April 2018: Die Zentrale der Guinness World Records mit Sitz in London behielt sich vor, eine neue Kategorie zu eröffnen. Der Birkenauer Antrag sei „nicht interessant genug“, wie es damals in der Absage hieß. Man sei dazu verpflichtet, diejenigen Anträge zu verfolgen, die das größte Interesse widerspiegeln. Über 50 000 Anträge im Jahr werden gestellt, von denen es nur ein kleiner Anteil schaffe, dass eine neue Kategorie eröffnet werde.

Rund um Birkenaus Sonnenuhren

201 Sonnenuhren existieren derzeit in Birkenau. Durch Renovierungsarbeiten verschwinden viele Exemplare. Durch Repliken möchte der Sonnenuhrenverein diese bewahren. „Gerne können uns Bürger informieren, wenn eine Sonnenuhr gefährdet ist“, sagt Vereinsvorsitzende Monika Lübker.

Das jüngste Exemplar ist in gewisser Weise ein Älteres: Eine Sonnenuhr von Otto Seile wurde von Weinheim nach Birkenau gebracht und ziert nun eine Wand des Feuerwehrgerätehauses am Platz La Rochefoucauld.

Das älteste Exemplar stammt aus dem Jahr 1773 und aus einem Kloster.

Circa 50 Exemplare von Otto Seile sind heute noch in Birkenau zu finden.

Die meisten Sonnenuhren gibt es in der Kerngemeinde, dort werden 172 Exemplare gezählt. In Nieder-Liebersbach gibt es zwölf, in Reisen zehn, in Hornbach vier und in Löhrbach drei Exemplare. In Buchklingen gibt es derzeit noch keine Sonnenuhr.

Seit dem Jahr 2014 gibt es den Sonnenuhrenverein, der damals mit elf Mitgliedern startete. Mittlerweile zählt er 27 Mitglieder.

Seit Herbst 2017 gibt es den Sonnenuhrengarten auf dem Gelände in der Bahnhofstraße, Ecke Im Schwanklingen. Zehn dieser Chronometer stammen aus dem Nachlass Vinzenz Philippis, einem Weggefährten von Otto Seile.

Der Verein stellt auf seiner Internetseite eine Bastelanleitung für eine Sonnenuhr aus Papier zur Verfügung. Außerdem stellt er zwei Sonnenuhrenwege durch die Gemeinde vor.

Mehr Informationen zum Sonnenuhrenverein gibt es bei der Vereinsvorsitzenden Monika Lübker (Telefonnummer 0152/2813 1977, E-Mail info@sonnenuhren-birkenau.de) sowie im Internet unter der Adresse www.sonnenuhren-birkenau.de. awe

Etwas Besonderes geplant

Der Verein hat sich mittlerweile von dieser Absage erholt. Beim nun neuen Versuch möchte man gleich zwei Anträge einreichen – damit schätzt der Verein seine Chancen auf Erfolg gut ein. Der Wortlaut des ersten Antrags bleibt identisch mit dem aus dem Jahr 2017: „Birkenau ist das Dorf mit den meisten Sonnenuhren weltweit. Kein anderes Dorf hat mehr Sonnenuhren.“ Mit über 200 Exemplaren wagt der Verein also dieses Mal sein Glück.

Der zweite Antrag dreht sich um eine „Spezial-Sonnenuhr“, wie Lübker sagt. Dieser Antrag stellt eine „Sonnenuhr aus den meisten Teilen eines Spezialmaterials“ in den Mittelpunkt. Als Inspiration dient hier zum Beispiel die größte Sonnenuhr aus Legosteinen, die in Peking zu finden ist. Doch wie genau diese Uhr aussieht, das verrät Lübker noch nicht.

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Nach der Absage von 2018 fasste der Verein ursprünglich den Plan, sich auf eine bereits bestehende Kategorie zu bewerben. Diesen Plan verwirft der Verein nun, denn „bestehende Kategorien können wir nicht übertreffen“, erklärt Lübker. So misst beispielsweise die größte Sonnenuhr der Welt (Redding, Kalifornien) eine Größe von 45 Metern – die größte Sonnenuhr mit Guinness-Rekord steht in Saragossa, Spanien –, die kleinste (Verona, Italien) dagegen 4 mal 6,5 Millimeter. „Da können wir nicht mithalten. Wir probieren es mit der speziellen Sonnenuhr – und natürlich mit den vielen Exemplaren in ganz Birkenau.“

Circa 16 Wochen dauert die Bearbeitung der Anträge. „Bis zum Sommer wissen wir also mehr darüber, wie es weitergeht.“ Zu lang? „Nein, die Sonnenuhren laufen uns ja nicht weg“, sagt Lübker mit einem Lächeln.

Altes bewahren, Neues fördern

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Die Sonnenuhren in Birkenau sind so unterschiedlich wie ihre Besitzer. So sind in der Gemeinde auch außergewöhnliche Exemplare zu finden, wie beispielsweise eine Sonnenuhr komplett aus Kronkorken in der Ringstraße.

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Der Sonnenuhrenverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die historischen Uhren zu bewahren. „Leider verschwinden immer wieder Sonnenuhren durch Renovierungsarbeiten. Wir möchten diese durch die Anfertigung von Repliken erhalten, die wir dann im Sonnenuhrengarten aufstellen“, erklärt Lübker.

Sie und ihre Vereinskollegen helfen auch beim Umzug bestehender Sonnenuhren, wie zum Beispiel einer fünf Meter langen Uhr von Weinheim in die alte Heimat von Otto Seile, dem Begründer des Birkenauer Sonnenuhrenbooms. Seit ein paar Monaten hängt sie am Feuerwehrhaus am Platz La Rochefoucauld. Außerdem arbeitet der Verein derzeit daran, eine Replik der Gärtner-Sonnenuhr von der Weinheimer Straße für den Sonnenuhrengarten fit zu machen.

Die Mitglieder bauen aber auch neue Exemplare. Sie beraten Interessierte beim Design und kümmern sich um die Konstruktion der individuellen Uhren. Vor allem Reiner Euler und der stellvertretende Vorsitzende Adolf Frei sehen sich hierfür verantwortlich. Derzeit arbeite man an fünf Auftragsarbeiten, unter anderem für den Neubau auf dem Gelände des ehemaligen Vereinshauses. Auch für die vom Sturmtief Sabine heruntergerissene Sonnenuhr am Birkenauer Rathaus wird man der Gemeindeverwaltung, die ein Ersatzexemplar beauftragt hat, beim Aufbau und der Ausrichtung des Schattenstabs wieder beratend zur Seite stehen. Das Bauen mit mehreren Mitgliedern verzögere sich jedoch durch die aktuelle Situation. In die weiteren Ausführungen der neuen Exemplare sind zudem auch Maler oder Schmiede für den Schattenstab involviert.

Birkenau, Europa und die Welt

Otto Seile hat seinerzeit schon seinen Teil dazu beigetragen, Sonnenuhren und Birkenau in der Welt bekannt zu machen. Sogar bis nach Südamerika reichen die Kunstwerke des „Vaters der Sonnenuhren“, wie er von den Birkenauern bezeichnet wird.

Auch der Sonnenuhrenverein hat es sich zum Ziel gemacht, die Gemeinde europaweit bekannt zu machen – und ist auf einem guten Weg. So sollen die Birkenauer Uhren beispielsweise im Herbst bei einer Ausstellung im französischen Lauterbourg vorgestellt werden. „Wir werden auch immer wieder um Rat gefragt, wenn es um den Bau geht“, erklärt Lübker. So stehen Sonnenuhren nach der Beratung des Vereins bereits in Phoenix (Arizona) und Vancouver (Kanada) bei Auswanderern ehemaliger Birkenauer – „diese Uhren zeigen die Birkenauer Zeit als Erinnerung an die alte Heimat“, sagt Lübker.

Sie ist zudem eine der beiden Vorsitzenden des Fachkreises Sonnenuhren der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie (DGC). Dieser verfolgt die Beratung, Konstruktion und die Restaurierung von Sonnenuhren sowie die Vermittlung von Kenntnissen. Auch durch Lübkers Engagement im Fachkreis ergeben sich viele internationale Kontakte. Der Fachkreis Sonnenuhren, der im Jahr 1971 in der Fuchs’schen Mühle in der Birkenauer Talstraße gegründet wurde, feiert im kommenden Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass soll die jährliche Tagung in der Region stattfinden.

Übrigens: Am 15. April „ging die Sonnenuhr richtig“, wie es in der Sendung „Sternzeit“ des Deutschlandfunks hieß. Nur an vier Tagen im Jahr zeigt eine Sonnenuhr die präzise Zeit an, wenn die Sonne um 12 Uhr wirklich im Süden steht. Das nächste Mal ist das wieder am 12. Juni, 1. September und 24. Dezember der Fall.

Ein Blick auf Birkenaus Sonnenuhren lohnt sich dann noch mehr als sonst sowieso.