Regionalgeschichte

Die Burgruine Freienstein im Odenwald soll "wachgeküsst" werden

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Thomas Wilken
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Odenwald. „Der Moment hat es in sich“, sagte Jürgen Kammer ein wenig ergriffen. Der Vorsitzende des Fördervereins spielte auf die Wiedereröffnung der Burgruine Freienstein für die Öffentlichkeit an. Mit der Anlage habe Gammelsbach – heute ein Stadtteil von Oberzent – „einen unheimlichen historischen Schatz“, betonte Kammer.

Jahrelang schlummerte die Burgruine im Dornröschenschlaf vor sich hin. Seit einigen Jahren laufen die Anstrengungen, den besagten Schatz zu heben. „Heute wird Dornröschen wachgeküsst“, ging Kammer auf den ersten Schritt der Wiedereröffnung und Sanierung ein, dem noch einige andere in den kommenden Jahren folgen werden.

Erste wichtige Schritte erreicht

Oberstes Ziel des Vereins ist es, dass die malerische Ruine, die bis jetzt aus Sicherheitsgründen geschlossen war, wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, definiert der Vorsitzende die Motivation zur Gründung des Fördervereins im Frühjahr 2021. Kammer sieht nun erste wichtige Schritte erreicht.

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dpa
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Dazu zählt er den Gestattungsvertrag zwischen dem Erbbauberechtigten Andreas Tilly und der Stadt Oberzent, den der Vorstand des Fördervereins mit fachlicher Hilfe erarbeitet hatte. Die Freiwillige Feuerwehr Gammelsbach führte im Frühjahr unter der Leitung von Ortsvorsteher Konrad Helm den Freischnitt von Bewuchs, der bisher den Zugang fast unmöglich machte, durch.

Symbolisch schnitten jetzt Kammer, Bürgermeister Christian Kehrer und Andreas Tilly das Flatterband durch. Danach machte sich die Menge, allen voran die neugierigen Kinder, auf den Weg hoch in die nun zugänglichen Teile der Burgruine. Die notwendigen Sicherungsmaßnahmen starteten bereits vor ein paar Jahren, erläuterte der Bürgermeister. Damit wollte man verhindern, dass Steine in den Ort hinab rollen.

Vor zwei Monaten ging der städtische Bauhof daran, Doppelstabmatten-Zäune zu setzen und die Sitzbank wiederaufzubauen. Von ihr aus gibt es nun einen herrlichen Blick über das Gammelsbachtal. Auch das erste Liebesschloss hängt schon dran. Auch wurden Absperrungen in den gefährdeten Bereichen angebracht.

Als Nächstes wird vom Bauhof eine Holzplattform in den unteren Turm eingebaut, damit die Fensternischen erreicht und geräumt werden können. Dies bildet die Voraussetzung für die Turm-Freilegung und den Zugang für die Archäologen. Dieser Maßnahme stimmte der Magistrat zu, ergänzte Kehrer.

„Kulturlandschaft ersten Ranges“

Der Odenwald vom Main bis zum Neckar ist für Tilly eine „Kulturlandschaft ersten Ranges“. Kammer wies in diesem Zusammenhang auf die Ruine Wildenburg bei Kirchzell als Heimat des Parzifal Wolfram von Eschenbachs hin; gleichzeitig wird in der Neckarsteinacher Vorderburg Bligger von Steinach als Verfasser des Nibelungenlieds verortet. Freienstein liegt genau in ihrem Schnittpunkt.

250 000 Euro stehen als Kosten für die weiteren Sanierungsschritte im Raum. Die Summe soll gestemmt werden, indem der Verein laut Kammer versucht, „die Deutsche Stiftung Denkmalschutz für unser Projekt zu begeistern“. Damit könnte dann der Eigenmittel-Grundstock für weitere Förderungen durch die öffentliche Hand (Landesdenkmalamt, Odenwaldkreis, Stadt) gelegt werden.

Der Fokus richtet sich jetzt auf die südliche Gebäudefront, die mit diesen Geldmitteln erschlossen und begehbar gemacht werden soll. Danach wäre der Palas, das frühere Wohnzimmer der Burgherren, dran. „Es war eine machtvolle Anlage“, sagt Kammer bewundernd. Die Ersterwähnung des Schlosses geschah 1297. Die nach ihm benannten Herren von Freienstein waren Burgmannen der Erbauer.

Ihnen diente der stark gesicherte Wehrbau mit seiner Mannschaft zur Überwachung und notfalls zur Abriegelung der den Gammelsbach begleitenden Straße aus dem Neckartal bei Eberbach in den inneren Odenwald um Michelstadt. Die Burg war im Mittelalter zugleich ein Verwaltungssitz für 15 Dörfer einschließlich Beerfelden.

Bezirkskonservatorin Kristin Schubert ging auf die langjährigen Überlegungen zusammen mit der TU Darmstadt ein, wie in der längerfristigen Perspektive eine Nutzung der Burgruine aussehen könnte. „Wir werden recherchieren, was andere Burgenvereine so machen“, kündigte Kammer an. Seine Idee: die Verzahnung von Denkmal- und Naturschutz in der Region. „Das wäre ein Tourismusmagnet.“

Freier Autor Freier Journalist für Tageszeitung im südlichen Kreis Bergstraße und Odenwaldkreis