Weinlese

Der Wein-Jahrgang 2022 an der Hessischen Bergstraße fiel besser aus als erwartet

Bergstraße. Nach Abschluss der Weinlese fällt die Ernte in vielen Regionen Deutschlands etwas besser aus als nach dem trockenen Sommer erwartet. So auch an der Hessischen Bergstraße, wo die Most-Erträge mit schätzungsweise rund 31 000 Hektolitern - laut Deutschem Weininstitut (DWI) - leicht über dem zehnjährigen Durchschnitt von 2012 bis 2021 rangieren (30 000 Hektoliter). Trotz Dürresommer und einem verregneten Herbst dürften die regionalen Winzer den Jahrgang 2022 mit einem versöhnlichen Lächeln abhaken.

Von 
Thomas Tritsch
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Bilanz nach der Weinlese im Anbaugebiet Bergstraße: Der Jahrgang fällt besser aus als angesichts des trockenen Sommers zunächst erwartet. © Thomas Zelinger

Bergstraße. Nach Abschluss der Weinlese fällt die Ernte in vielen Regionen Deutschlands etwas besser aus als nach dem trockenen Sommer erwartet. So auch an der Hessischen Bergstraße, wo die Most-Erträge mit schätzungsweise rund 31 000 Hektolitern – laut Deutschem Weininstitut (DWI) – leicht über dem zehnjährigen Durchschnitt von 2012 bis 2021 rangieren (30 000 Hektoliter). Trotz Dürresommer und einem verregneten Herbst dürften die regionalen Winzer den Jahrgang 2022 mit einem versöhnlichen Lächeln abhaken.

„Vinum“: Griesel ist Weingut des Jahres

Für den „Vinum“-Weinguide hat Niko Brandners Arbeit als Produzent der „Griesel“-Sekte eine besondere Auszeichnung verdient: In der gerade erschienenen Ausgabe für 2023 wird der Griesel als „Weingut des Jahres“ gelobt.

Darüber hinaus heben die Vinum-Verkoster einen Spätburgunder aus dem Weingut Schloss Schönberg aus 2019 und einen Cabernet Sauvignon von 2015 von Simon-Bürkle als beste Rotweine des Anbaugebietes hervor.

Erstmals von der Vinum-Redaktion verkostet wurden für die neue Ausgabe Tropfen des Weinguts Feligreno, das ausschließlich biologisch arbeitet – und das so erfolgreich, dass es nun als „Neuentdeckung“ ausgezeichnet wurde.

Über die weiteren Vinum-Bewertungen und darüber, wie die Bergsträßer Weine im Urteil anderer „Weinbibeln“ diesmal abgeschnitten haben, werden wir noch ausführlich berichten. red

Zunehmende Wetterextreme

Die Bergsträßer Winzer eG meldet eine im Vergleich zum Vorjahr ähnliche Erntemenge mit rund 78 Hektolitern pro Hektar bei einem durchschnittlichen Mostgewicht von 84,5 Grad Öchsle. Wie in vielen anderen Betrieben auch waren die Genossen in diesem Jahr gezwungen, vor allem ihre jungen Rebanlagen regelmäßig zu bewässern. Der langersehnte Regen und die feuchten Witterungsbedingungen hatten im Gegenteil dazu die Lese dann voll im Griff. Bei beginnender Fäulnis musste vor Ort zum Teil sehr flott selektiert werden, um größere Verluste zu vermeiden. Im Kontext des Klimawandels und zunehmender Wetterextreme zeigt sich, dass der jeweilige Standort der Weinstöcke immer entscheidender für die Güte und Menge des Weins sein wird.

Die Niederschläge im September haben bei allem Risiko aber letztlich auch dazu beigetragen, dass die reifen Trauben dann doch noch einmal einen Wachstumsschub erlebt haben. Bei den spätreifenden Rebsorten wie dem Riesling hatte sich der Zuckergehalt in den Beeren trotz des sehr sonnigen Sommers auf einem relativ normalen Niveau stabilisiert. Dadurch präsentieren sich die Jungweine schlanker als in den vorausgegangenen heißen Jahren, aber dennoch zumeist aromatisch und mit harmonischen Fruchtsäurewerten. Das entspreche auch dem allgemeinen Konsumtrend, so das DWI.

Die Zeichen stehen aus Wachstum

Solide Erträge und gute Qualitäten meldet auch das Weingut Amthor in Heppenheim. „Trotz aller Widrigkeiten sind wir mit Menge und Güte des Jahrgangs sehr zufrieden“, so Barbara Amthor, die mit ihrem Mann Patrick 2007 die ersten eigenen Weine gekeltert hat. Damals auf 0,8 Hektar Fläche – heute sind es dreieinhalb. Seit 2021 wird der Wein komplett zuhause in Heppenheim gekeltert. Im kommenden Jahr wird das Weingut voraussichtlich noch ein Stückchen weiter wachsen. Die Trauben stammen aus den Heppenheimer Lagen Eckweg, Maiberg und Stemmler sowie aus dem Bensheimer Paulus. Der Rebsortenspiegel umfasst derzeit Riesling, Roter Riesling, Weißburgunder, Grauburgunder, Kerner, Chardonnay und Goldmuskateller sowie bei den Rotweinen etwas Spätburgunder und Cabernet Sauvignon.

Besonders in den jungen Anlagen musste das Winzer-Paar regelmäßig Wasser fahren, um den Trockenstress zu verringern oder diesem vorzubeugen. Mit Erfolg. Barbara Amthor spricht von minimalen quantitativen Einbußen in einzelnen Parzellen, die Erträge rangieren insgesamt auf dem Niveau eines durchschnittlichen Jahrs. Auch die Tröpfchenbewässerung habe sich bestens bewährt. Jede weitere Neuanlage wird mit einem solchen System ausgestattet, so die Winzerin. Dabei handelt es sich um eine Technik, bei der an Schläuchen in regelmäßigen Abständen Auslässe angebracht sind, über die nur geringe, exakt kontrollierte Wassermengen weitgehend unabhängig vom Druck in der Rohrleitung abgegeben werden. Im Weinbau gilt das als eine der entscheidenden Anpassungsstrategien auf veränderte klimatische Gegebenheiten.

Dem Trockenstress begegnen

In Roßdorf wird das bereits seit längerem praktiziert. In Junganlagen hat das Weingut Edling solche Systeme installiert, damit der Wein auch trockene Perioden gut überstehen kann. Im Hitzesommer 2022 wurden die Rohre auch gezielt dorthin verlegt, wo sich ein Trockenstress der Reben abgezeichnet hat. Das ist je nach Lage und Sonneneinstrahlung sehr unterschiedlich. Rund 3000 Liter Wasser für eine Pflanzreihe sickern da gerne einmal in den Boden, berichtet Lisa Edling aus der Lage Roßdorfer Roßberg, wo der Betrieb seine Reben kultiviert. Der Untergrund aus Basalt speichert sehr gut die Wärme der Sonne, die Löß-Lehmauflage bildet einen optimalen Nährboden. Bei der künstlichen autarken Bewässerung im Weinberg ist es wichtig, dass genug Wasser in die Tiefe versickert, damit die Pflanze dort möglichst viele Wurzeln bilden kann und sich ihre Nährstoffe nicht in den oberen Erdschichten besorgt, erklärt die Winzerin.

Mehr Reifezeit für einige Sorten

Vor wenigen Tagen wurde das 4,6 Hektar kleine Familienweingut bei der DLG-Bundesweinprämierung mit einem Bundesehrenpreis ausgezeichnet. Der Lohn für ein schwieriges Jahr. Doch die Bilanz fällt auch hier – in der sogenannten „Odenwälder Weininsel“ –, die als geografische Enklave zum Anbaugebiet Hessische Bergstraße gehört, besser aus als man dies noch im Juli oder August erwarten konnte. „Wir sind mit Qualitäten und Erträgen sehr zufrieden“, so die Winzertochter. Kurz vor der Lese habe man noch mit einem „Blitzherbst“ gerechnet, also einer schnellen Ernte aufgrund des Wetters, doch dann hatte sich die Weinlese doch länger hingezogen, um einigen Sorten mehr Reifezeit zu bieten.

Die weißen Burgundersorten, die weniger anfällig für Fäulnis sind als etwa der Riesling, spielen im Betrieb eine wichtige Rolle und hatten mehr Zeit, um sich zu entwickeln. Auch der Rotwein, der bei Edlings einen Anteil von gut 35 Prozent einnimmt, zeige sehr feine Qualitäten. Besonders der Spätburgunder, aber auch Merlot und Cabernet Sauvignon konnten bis weit in den Oktober hinein in Ruhe reifen. Die Kirschessigfliege, die bevorzugt rote Früchte und Beeren zur Eiablage ansticht, hat in diesem Jahr keine Probleme bereitet. Die geringen Schäden durch Sonnenbrand bei einigen wenigen Trauben haben die insgesamt gute Ernte kaum negativ beeinflusst. Das Weingut Edling setzt nach wie vor voll auf Handlese, was eine optimale Selektion der Trauben ermöglicht.

Begrünung statt Bewässerung

Bereits in der letzten Augustwoche hatte die Domäne Bergstraße von Kloster Eberbach mit der Lese der ersten Sektgrundweine begonnen – drei Wochen früher als im vorangegangenen Jahr. Das Team von Weinbauleiter Robert Widera rechnete mit einem zügigen Verlauf. Eine gute Witterung, denn im Herbst waren die rund 35 Hektar zeitig abgeerntet. „Die Spitzenweine hatten wir noch vor dem großen Regen im Keller“, so Maximilian Schaefer, der seit sechs Jahren bei den Hessischen Staatsweingütern den Bereich Weinbau leitet. Über Qualität und Menge könne man sich angesichts dieses sehr dynamischen Jahres nicht beschweren – im Gegenteil.

Seine Bilanz des Jahrgangs 2022: frühe Vegetation, geringer Pilzdruck, flotter Herbst und ein abgestimmtes Begrünungsmanagement gegen den Trockenstress im Sommer. Denn in den Bergsträßer Lagen der Domäne sei an eine künstliche Bewässerung kaum zu denken, so Schaefer. Weder technisch noch quantitativ. „Der Bedarf wäre gigantisch!“ Er geht von rund 50 000 Litern pro Hektar und Bewässerung aus. Das als Trinkwasser genutzte unterirdische Grundwasser wäre dafür viel zu kostbar, so der Weinbauexperte. Ohne Brunnen oder Speichersysteme vor Ort – oder einen konstanten Wasserspender wie den nahen Rhein in der Heimat von Kloster Eberbach – werde es künftig schwierig, Wasser zu den Reben zu bringen.

Ein weiteres Problem ist menschlicher Natur: Viele Betriebe haben zunehmend Schwierigkeiten, genügend Lesehelfer zu finden, so Maximilian Schaefer. Die Personalnot spielt demnach auch im Weinbau eine immer größere Rolle. Zumindest saisonal.

Freier Autor

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