Verkehr - Vorsichtsmaßnahmen sollen Infektionsrisiko reduzieren / Weitgehend leere Busse im Lockdown „Der ÖPNV ist keine Virenschleuder“

Von 
Thomas Tritsch
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Bergstraße. Corona hat Deutschland weiterhin fest im Griff. Auch im öffentlichen Nahverkehr herrscht Ansteckungsgefahr. Bundesweit wurde die Maskenpflicht im ÖPNV daher nochmals verschärft. Die Verkehrsunternehmen begrüßen dies. Durch weitere Vorsichtsmaßnahmen wie Spuckschutz und Lüftung sei das Infektionsrisiko in Bussen und Bahnen relativ gering. Das sagt auch Rainer Sauter. Der Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft Gersprenztal (VGG) betont: „Der ÖPNV ist keine Virenschleuder.“ Untersuchungen würden das bestätigen. Auch wenn dies in der Öffentlichkeit oftmals gegenteilig dargestellt werde. Um das geringe Risiko noch weiter zu minimieren, habe der Betreiber des Bergsträßer Liniennetzes inzwischen in zusätzliche Reinigungs- und Hygienemaßnahmen investiert.

Austausch der Luft in vier Minuten

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In den rund 130 Bussen, die im Kreis Bergstraße unterwegs sind, sind seit letztem Jahr Plexiglasscheiben installiert. Der VGG habe sich das eine Viertelmillion Euro kosten lassen – abzüglich 75 000 Euro an Landesförderung. Der Verkauf von Tickets im Bus wurde bereits im März eingestellt, um persönliche Kontakte zu minimieren. Fahrer sitzen in einem abgetrennten Raum mit einem eigenen Be- und Entlüftungssystem. Der Lüftungszyklus im kompletten Bus betrage rund vier Minuten – in diesem Zeitraum werde die Innenluft einmal vollständig ausgetauscht, so Sauter. „In einem normalen Büro dauert das um die zwei Stunden.“

Trotz allem verzeichnet die VGG seit Ausbruch der Pandemie zwischen zehn und 15 infizierte Busfahrer. So viele Fälle seien Sauter zumindest bekannt, sagte der Geschäftsführer bei einem Pressegespräch. Dabei sei es seinen Angaben zufolge aufgrund schneller Vorsichtsmaßnahmen nicht zu einer Ausbreitung des Virus unter den insgesamt 230 Mitarbeitern gekommen.

Über rappelvolle Linienbusse muss sich das Unternehmen derzeit ohnehin keine Sorgen machen. Die Sitze sind leerer, als das der VGG lieb ist. Der Lockdown und die Schulschließungen machen sich im ÖPNV deutlich bemerkbar. Hinzu kommt die gewachsene Sensibilität der Bürger, die im öffentlichen Verkehrsnetz seit einem Jahr unterwegs sind. So wurden 2020 nur noch halb so viele Tickets bar verkauft wie im Jahr 2019. Der VGG hatte dafür in jedem dritten Bus eigens automatische Zahlungssysteme installiert. Auch in jenen der privaten Kooperationspartner – ein Trend, der sich seit Anfang des Jahres wieder etwas beruhigt hat. „Die Verkäufe gehen langsam wieder in die Höhe.“

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Bei den Abonnements (Jahrestickets), die im Bergsträßer ÖPNV über 50 Prozent aller Fahrscheine ausmachen, zeige sich sogar ein leichter Aufwärtstrend: Die Stammgäste bleiben ihrem Transportunternehmen auch während Corona zumindest vertraglich treu.

Doch der zweite harte Lockdown könnte das Mobilitätsverhalten der Menschen weitaus deutlicher beeinflussen als der erste, glaubt der Bergsträßer Kreisbeigeordnete und Verkehrsdezernent Karsten Krug; mit negativen Auswirkungen auf die ÖPNV-Nutzung. „Es kommt darauf an, dass wir die Fahrgäste wieder zurückholen und außerdem neue gewinnen“, lautet sein Fahrplan für die Zeit nach den ersten Lockerungen.

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Bis sich die Auslastung wieder normalisiert hat, will der Kreis seinen Vertragspartner helfend unter die Arme greifen, unter anderem durch eine schnelle Weiterleitung von Fördermitteln. Auch der Rettungsschirm aus dem Jahr 2020 soll weitergeführt werden, um Unternehmen zu stabilisieren und die Kommunen bei der Finanzierung des ÖPNV zu stützen. Die Kosten für die Schulverstärker-Busse schlugen im Jahr 2020 mit 275 000 Euro zu Buche. Abzüglich der dafür genutzten Landesfördermittel in Höhe von 175 000 Euro wurden dafür rund 50 000 Euro aus Kreismitteln zur Verfügung gestellt. Die restlichen 50 000 Euro teilen sich Landkreis und VRN.

Kaum Ausfälle im Fahrplan

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Bereits beim ersten Lockdown hatte der Kreis ein Grundangebot an Linienverbindungen aufrechterhalten. Im Ferienfahrplan gab es lediglich Einschränkungen im Spät- und Nachtverkehr. In Abstimmung mit VGG und dem Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) habe man sich darauf geeinigt, eine zu starke Ausdünnung des Angebots vermeiden zu wollen. Mit Erfolg: „Der Fahrplan blieb stabil, es gab kaum Ausfälle.“ Es herrschte Maskenpflicht, aber kein Abstandsgebot. Nach den Sommerferien wurde der ÖPNV wieder normalisiert, nach den Herbstferien waren für den Schulverkehr elf zusätzliche Reisebusse unterwegs.

Ein Sitzplatz für jeden Schüler sei aber schon damals nicht im Bereich des Machbaren gewesen, so Krug weiter. Um das zu ermöglichen, wären 75 zusätzliche Busse nötig gewesen. „Und selbst dann hätte man einen Abstand von 1,50 Metern kaum gewährleisten können“, so der Dezernent, der sich selbst ein Bild von den verstärkten Maskenkontrollen an den Schulstandorten habe machen können. Eine zwischenzeitliche Diskussion über eine Verlegung der Schulbeginns- und Endzeiten zur Entzerrung des Busverkehrs in Wald-Michelbach habe vor Ort keine Zustimmung gefunden.

Trotz des eingeschränkten Schulbetriebs rollen die Busse jetzt wieder gemäß Fahrplan. Allerdings wurden die Verstärkerfahrten aufgrund des aktuell geringeren Bedarfs wieder gestoppt. Laut Krug habe der Kreis seinen Vertragspartner früh signalisiert, dass man coronabedingte Ausfälle kompensieren wolle.

Mit den Maskenkontrollen soll es nach ersten Lockerungen weitergehen – ein Job, der aber von externen Mitarbeitern erledigt werden soll. Fahrer könnten diese Aufgabe nicht zusätzlich leisten, heißt es aus dem Landratsamt. Geahndete Verstöße gegen die Maskenpflicht hielten sich bislang noch im Rahmen, so Krug, der von 13 Fällen spricht. Seit gut zwei Wochen gilt die neue Corona-Verordnung des Landes. Danach müssen an den Haltestellen und in den Bussen und Bahnen medizinische Masken oder solche mit den Standards KN95/N95 oder FFP2 getragen werden. Alltagsmasken aus Stoff, Schals oder Tücher sind nicht mehr zugelassen.

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