Kernkraft Der Grenzwert wird in der Praxis nicht erreicht

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Leserforum: „Atomkraft: Viele Fragen zum AKW-Rückbau bleiben offen“, BA vom 27. Januar

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In einem Leserbrief, „Atomkraft: Viele Fragen zum Akw-Rückbau bleiben offen“, ist leider eine falsche, irreführende Aussage enthalten, die hoffentlich nicht absichtlich so hineingeschrieben wurde. Dabei geht es um die Aussage „Strahlenbelastung im Bereich von zehn Mikrosievert…“. Diese zehn Mikrosievert beziehen sich auf die Freigabewerte von Materialien im Rückbau des ehemaligen Kernkraftwerkes Biblis. Bei einer atomrechtlichen Freigabe muss das sogenannte Minimis-Konzept angewendet werden.

Die Bezugsgröße beachten

Zur Erklärung: Angenommen ein Arzt erlaubt jemandem, ein Glas Wein zu trinken (zwölf Prozent Alkohol, 0,2 l). Dann braucht es unbedingt noch die entscheidende Bezugsgröße. Erlaubt er ein Glas pro halbe Stunde? Oder pro Stunde, pro Tag, Woche, Monat oder pro Jahr? Den Alkoholgehalt im Blut kann man bei einer Dosis von einem Glas verteilt auf ein Jahr sicher nicht mehr messen, aber berechnen. Dieser Wert gilt als unbedenklich und braucht nicht weiter beachtet zu werden. Genau das besagt das Minimis-Konzept.

Dosis bezieht sich auf ein Jahr

Im Falle der Dosis von zehn Mikrosievert bezieht sich diese nämlich auf ein ganzes Jahr. Es ist die Dosis, die eine Person der Bevölkerung in einem Jahr zusätzlich zu den 2100 Mikrosievert der natürlichen Strahlendosis erhalten kann und somit zu einer Dosis von 2110 Mikrosievert kommt. Die Person müsste sich dazu ein ganzes Jahr auf die freigemessenen Materialien draufsetzen. Die zehn Mikrosievert sind der gesetzliche Grenzwert, der in der Praxis bei weitem nicht erreicht, geschweige denn überschritten wird. Den Wert kann man nur berechnen, er ist messtechnisch nicht erfassbar. Zehn Mikrosievert ist aber natürlich nicht null Dosis, das behauptet auch niemand, aber es ist eben auch sehr wenig, nämlich 0,00001 Sievert. Es gibt bei Strahlendosen auch keinen Unterschied in der Strahlenwirkung zwischen natürlichen und künstlichen Strahlenquellen.

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Zum Vergleich: Ein Flug nach Mallorca bewirkt ca. zehn Mikrosievert Dosis aus der kosmischen Strahlung. Bei einem medizinischen CT erhält man im Durchschnitt eine effektive Dosis von 10 000 Mikrosievert. Auf der „Mittelbrick“ in Bensheim, aus Sandstein und Granit gebaut, kann man bei einer täglichen Aufenthaltszeit von einer Stunde auch zu zehn Mikrosievert Dosis pro Monat zusätzlich kommen.

RWE plant den Bau eines 300 MW Erdgaskraftwerkes am Standort des ehemaligen KKW. Diese Backup-Anlage soll uns Strom liefern bei Dunkelheit und Windflaute, was doch öfters der Fall ist. Wir müssen uns diesen Luxus der Doppelversorgung leisten, denn Strom kann man (jedenfalls nicht in großen Mengen) speichern. Man kann ihn auch nicht im Netz speichern, wie Anna-Lena Baerbock behauptet.

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Geplant ist Wind- und Photovoltaikstrom in Form von „grünem“ Wasserstoff zu speichern. Aus erneuerbarem Strom wird durch Elektrolyse Wasserstoff erzeugt, gespeichert und mit Hilfe von Brennstoffzellen wieder zu Strom gemacht. Leider gibt es dabei aus physikalischen Gründen 80 Prozent Verlust. Zudem sind die genannten Anlagen unglaublich teuer und mit „Flatterstrom“ ziemlich unwirtschaftlich zu betreiben.

Stromnetz ist ziemlich instabil

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Diese Gasturbinenkraftwerke werden nach der baldigen Abschaltung der restlichen sechs Kkw, was niemand mehr ändern kann oder will, enorme Bedeutung erlangen. Diese sechs Kkw (Leistung zusammen 8200 MW) erzeugen immerhin noch 13,8 Prozent des Stroms in Deutschland. In der Spitze erzeugten einmal 17 Kkw-Blöcke 37 Prozent des Stroms in Deutschland. Zum Vergleich: Frankreich erzeugt mit 57 Kkw 90 Prozent des elektrischen Stroms. Unser Stromnetz ist jetzt schon ziemlich instabil. Am 8. Januar kam es beinahe zu einem europaweiten Blackout.

Es wird richtig dramatisch, wenn nach der Abschaltung der letzten sechs Kkw keine großen Drehstromgeneratoren mehr in Netz die Frequenz halten können. Ach, die Kohlekraftwerke werden ja auch noch abgeschaltet. Und Millionen Elektroautos wollen auch noch Strom tanken. Woher sollen wir bei Dunkelflaute 50 000 MW Leistung nehmen? Ganz großes Rätsel. Vielleicht kann es ja mit dem „Smartgrit“, d.h. partiellen Stromabschaltungen und stark schwankenden Strompreisen geregelt werden.

Um die Strommenge, die ein Kernkraftwerksblock mit 1400 MW Leistung CO2-frei rund um die Uhr erzeugt, mit Windkraftanlagen zu liefern, bedarf es ca. 3200 Anlagen (je nach Standort mehr oder weniger). Aber nur wenn der Wind weht.

Bei der Energiewende geht es ja um die Abwendung der Erderhitzung durch die Klimakatastrophe. Deutschland hat bisher null CO2 eingespart. Kann aber noch theoretisch maximal zwei Prozent des menschengemachten CO2 reduzieren. Der Weltklimarat, IPCC, empfiehlt hierzu ausdrücklich Kernkraftwerke. Gut dafür ist also der aktuelle Bau von 60 Kkw und die konkrete Planung von 90 Kkw.

Hans Ambos

Bensheim