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Hepenheimer Festspiele

Das Publikum im Amtshof lässt sich von Sigi’s Jazzmen richtig einheizen

Die Besucher tanzen beim Konzert in der Kelterhalle

Von 
Thomas Tritsch
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„Sigi’s Jazz Men“ heizten dem Publikum im Heppenheimer Amtshof kräftig ein. © Thomas Zelinger

Bergstraße. Mit dem Klassiker „When You’re Smiling“ hatte die Band schon das Motto des Abends vorgegeben, bevor es in Heppenheim so richtig nass wurde: Immer nur Lächeln, dann lächelt die ganze Welt mit. Als der Himmel eine Stunde nach Konzertbeginn erwartungsgemäß die Schleusen öffnete (man hat ja das Wetterradar in der Hosentasche), verteilte Intendantin Iris Stromberger in Windeseile Regenponchos an die gut 120 Gäste im Kurmainzer Amtshof. Denn ein Dach gibt es in der ersten Saison unter neuer Leitung noch nicht.

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Doch die Festspielbesucher blieben cool. Trotz Wasser, Blitz und Donner ging das Konzert nach einer kleinen Unterbrechung weiter. Das hat sogar Bandleader Sigi Nachtmann beeindruckt: „Ihr seid klasse!“, so der Musiker, der für diese Mitteilung extra von der Bühne gestiegen ist.

Denn gegen neun Uhr sammelte sich das Gros der Gäste bereits in der seitlichen Kelterhalle, wo es bald sehr gemütlich wurde. Der guten Laune tat der kleine Ortswechsel keinen Abbruch. Einige Gäste tanzten mit Regenhaube und Weinglas in der Hand. Und die achtköpfige Band legte nun erst richtig los. Nach einer halben Stunde mit Standards wie „You Are My Sunshine“ und „On The Sunny Side Of The Street” hatten sich Sigi’s Jazzmen in Heppenheim erst warmgespielt. Spätestens bei dem „Watermelon Man“ war das Eis gebrochen. Das Ensemble inszenierte Herbie Hancocks Meisterwerk mit Anklängen an den Funk- und Fusionsstil des Komponisten: mit viel Tempo, solistischen Einlagen und improvisatorischer Freiheit. Als ob die Musiker die dunklen Wolken mit aller Kraft verscheuchen wollten.

Stürmische „Summertime“

Schon Gershwins „Summertime“ nahm zuvor in einer sehr funkigen Fassung einen ähnlich stürmischen Verlauf, bei dem die Band ihre ganze instrumentale Klasse und innere Dynamik ausspielen konnte. Seit über 40 Jahren spielt man zusammen, probe aber nie, so der Chef und Namensgeber der südhessischen Formation, die am Mittwoch mit Größen wie Paul Lanzerath (Trompete), Rolf Bußalb (Gitarre) und Paul Schütt an Posaune und Sousafon viel Energie und Spielfreude an den Tag legte. Mit Matthias Schwappacher am Schlagzeug, Helge Wierczeiko am E-Piano, Harold Nardelli (Bass) und Werner Propp an Saxofon und Klarinette war die Band an diesem Abend bestens besetzt.

Zur Not hätte auch Walter Renneisen aushelfen können. Der Schauspieler spielt etliche Instrumente und hat früher am Schlagzeug oft mit Sigi Nachtmann live gespielt. Im Amtshof beschränkte sich Renneisen, der bei den Festspielen mit zwei Soli („Deutschland, Deine Hessen“) vertreten war, auf Rezitationen und Miniaturen zu Mutterwitz und Muttersprache. Man erfuhr, dass Darmstädter kein „r“ können, wie man mit saftigem Dialekt verhütet, ohne es zu wollen, und wie die Hessen zu ihrer Mundart gekommen sind: Weil sie im Rahmen der Schöpfung vom lieben Gott bei der Verteilung der sprachlichen Identitätsmerkmale leer ausgegangen waren, meinte der Herrgott lakonisch: „Ei dann babbelt halt wie isch!“

Leider hatte die feine sprachliche Rhythmik weniger Chancen gegen den prasselnden Regen als das Blechgewitter der Jazzband – und so entschied sich der Schauspieler, sich nicht mit der Natur anzulegen und seinen Part in der Schlussphase zugunsten der Musik etwas zu reduzieren. Und die Band nahm nach einer kleinen Pause die Situation künstlerisch auf: der Popsong „Raindrops Keep Fallin’ on My Head“ wurde gekonnt verjazzt, der lässige „Basin Street Blues“ wies ebenso den Weg nach New Orleans wie die „Bourbon Street Parade“, bei der die ersten Blitze am Himmel für eine natürliche Lichtregie sorgten. Immer wieder folgte die Band ihrer kollektiven Intuition und wandelte bekannte Stücke ebenso frech wie stilsicher um („You Are the Sunshine of My Life“), servierte eigene Arrangements von Standards oder inszenierte wilde Improvisationen im Jam-Session-Modus.

Mit „Cantaloupe Island“ von Herbie Hancock ging dieser sehr besondere Abend ins Finale. Die ersten Wetterlaunen haben die Heppenheimer Festspiele mit gelassener Professionalität überstanden. Bei einem Theaterstück wäre ein Unwetter allerdings problematischer. „Dann müssten wir unterbrechen“, so Iris Stromberger, die vom entspannten Publikum am Mittwochabend ebenfalls begeistert war.

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