Interview - Eltern und Kinder von Pandemie besonders betroffen Corona-Krise als Stresstest für Familien

Von 
Thomas Tritsch
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Bergstraße. Am Freitag war Internationaler Tag der Familie. Seit 1993 erinnern die Vereinten Nationen immer am 15. Mai daran, dass Familien weltweit eine zentrale Rolle für die Entwicklung des einzelnen Menschen spielen. Die Corona-Krise hat dem Thema aktuell eine ganz neue Qualität gegeben. In den zurückliegenden Wochen sind viele Familien über sich hinausgewachsen. Sie haben einander Halt und Sicherheit gegeben, als gewohnte Strukturen weggebrochen sind. Gleichzeitig aber sind sie aber auch in besonderer Weise belastet: um häusliche Kinderbetreuung, Home-Schooling und Berufstätigkeit zu vereinbaren, müssen viele Eltern derzeit einen extrem anstrengenden Balanceakt bewältigen. Mit Daniela Kobelt Neuhaus aus dem Vorstand der Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie sprachen wir über die Pandemie als Stresstest für Eltern und Kinder, aktuelle Herausforderungen und neue Chancen für die Zeit nach Corona.

Daniela Kobelt Neuhaus. © Thomas Neu
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Frau Kobelt Neuhaus, die Stiftung hat die Familie immer als elementaren Bildungsort herausgestellt. Ist dieser Ort durch die Pandemie in Gefahr?

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Daniela Kobelt Neuhaus: Eltern benötigen ein stabiles und sicheres soziales Umfeld, um ihre Kinder bei deren Entwicklung bestmöglich zu unterstützen. Sie brauchen einen geregelten Tagesablauf, Kontakte nach außen und den Dialog mit anderen. Genau das ist momentan extrem reduziert. Und über allem schwebt oftmals eine Unsicherheit, wie es mit Beruf und Finanzen weitergehen wird. Viele Familien sind dadurch überdurchschnittlich gestresst. Das Zusammenleben in dieser Form führt zu einer Situation, die für alle sehr belastend sein kann. In manchen Familien funktioniert diese Ausnahmesituation wiederum recht gut.

In einem neu geordneten Alltag müssen auch Home-Schooling und Home-Office unter einen Hut gebracht werden. Aber nicht jeder Vater oder jede Mutter gibt einen guten Heimlehrer ab.

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Kobelt Neuhaus: Natürlich erkennt man auch bei der heimischen Lernbetreuung erhebliche Unterschiede. Bei der Hausaufgabenhilfe gelangt mancher schnell an seine Grenzen. Hinzu kommt, dass nicht jedes Elternhaus mit der notwendigen Hardware für digitalen Fernunterricht ausgestattet ist. Kommen dann auch noch sprachliche Barrieren hinzu, kann es sehr problematisch werden. Das führt zu Verunsicherung und Stress, mit dem nicht alle Menschen souverän umgehen können. Mit der Folge, dass manche Kinder zurzeit stark unter ihren Eltern leiden.

In einem Mikrokosmos, der in den vergangenen Wochen mehr oder weniger isoliert war…

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Kobelt Neuhaus: Durch die Verlagerung des sozialen Lebens in ein sehr beschränktes häusliches Umfeld wurden äußere Kontakte quasi über Nacht drastisch heruntergefahren. Ohne Kitas, Schulen und Spielplätze fällt zum einen die Möglichkeit weg, dass sich Kinder mit anderen treffen und ihren Bewegungsdrang ausleben können. Andererseits geht dabei auch eine wichtige externe Kontrollfunktion verloren: Niemand kann sehen, was wirklich in den Familien passiert. Das ist ein Problem, weil dadurch das Risiko wächst, dass zum Beispiel häusliche Gewalt nicht oder erst spät erkannt wird.

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Gerade in einer solchen Situation wären Eltern-Kind-Einrichtungen enorm hilfreich. Doch die sind fast alle geschlossen.

Kobelt Neuhaus: Das stimmt. Auch wir mussten unsere offenen Treffs, die Drop In(klusive), schließen, weil die Vorgaben bezüglich Abstand und Hygiene vor Ort schwer einzuhalten sind. Die Träger müssen jetzt im Einzelfall entscheiden, ob und in welcher Form sie wieder geöffnet werden. Das zentrale Erlebnis in einem Drop In(klusive) ist ja das gemeinsame Frühstück und der enge Austausch mit anderen Eltern. Das ist in Zeiten von Corona extrem aufwändig und schwer umsetzbar. Wir gehen daher davon aus, dass es zunächst als Übergang kleinere Zusammenkünfte in Form eines Picknicks geben wird.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass der Lockdown mit allen Begleiterscheinungen eine offene Herausforderung an das klassische Familienmodell sei. Man müsse etablierte Strukturen hinterfragen und sich neuen öffnen. Wie beurteilt man das in der Karl-Kübel-Stiftung?

Kobelt Neuhaus: Dem würde ich so nicht generell zustimmen. Im Kern entscheidend sind stabile und sichere Strukturen mit respektvollen Beziehungen, die Kindern Wärme, Bildung und Wohlergehen bieten können. Es ist meines Erachtens zweitrangig, ob das in einer klassischen Familie, in einer Wohngemeinschaft oder in anderen Varianten passiert.

Trotz vieler Belastungen hat die Krise auch dazu geführt, dass Menschen zusammenrücken, familiäre Bande neu entdecken und mehr Zeit miteinander verbringen. Wird sich der Wert von Familie in der Gesellschaft zum Positiven verändern?

Kobelt Neuhaus: Es ist in jedem Fall positiv, wenn sich manche Eltern und Kinder neu entdecken und mehr miteinander unternehmen als dies bislang der Fall war. Auch die Fürsorge für andere Menschen ist seit Beginn der Pandemie spürbar gewachsen. Ich hoffe, dass davon etwas bleiben wird. Ich denke aber, dass das Familienleben recht schnell wieder im alten Takt ablaufen wird, sobald die Wirtschaft wieder hochfahren und der berufliche Alltag einkehren wird. Daher werden Willkommensorte wie unsere Drop In(klusive) und Einrichtungen wie Familienzentren nach wie vor eine extrem wichtige Rolle spielen.

Bis es soweit ist: Wie können Familien den aktuellen Stresstest bewältigen?

Kobelt Neuhaus: Entscheidend ist ein geregelter Tagesablauf. Man sollte gemeinsam feste Regeln und Zeitfenster für Familienleben, Freizeit und Schule entwickeln. Für Kinder sind solche stabilen und verlässlichen Strukturen grundsätzlich enorm wichtig. Aber auch Eltern, die von zuhause arbeiten, profitieren von einer klaren Ordnung. So bleibt auch im derzeitigen Ausnahmezustand ein Stück Normalität bewahrt. Das schützt vor Konflikten und Verunsicherung.

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