AdUnit Billboard
Umwelt

Bergsträßer Naturschutzverbände warnen vor ungebremstem Flächenverbrauch

Von 
red
Lesedauer: 
Bensheim aus der Luft. Drei Naturschutzverbände sprechen sich entschieden gegen den im gesamten Kreis geplanten weiteren Flächenverbrauch aus. © Zinke

Bergstraße. Vor kurzem hat die Metropolregion Rhein-Neckar eine Änderung des „Einheitlichen Regionalplans Rhein-Neckar (ERP)“ vorgeschlagen, in dem die Flächenausweisung für Wohn- und Gewerbegebiete neu geregelt werden soll. Deshalb wurden die anerkannten Naturschutzverbände zu einer Stellungnahme aufgefordert.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Die Bergsträßer Kreisverbände des Naturschutzbundes (Nabu), der Botanischen Vereinigung Hessen (BVNH) und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sind „bestürzt“ über den enormen Flächenverbrauch, den der ERP für die Städte und Gemeinden des Kreises Bergstraße einplant.

Vorranggebiete zurückgenommen

Die Sprecher und Vorstände der Verbände – Guido Carl, Bettina Walter und Annette Modl – fragen: „Lorsch wächst mit Bensheim zusammen, wo bleibt der Raum für die Menschen und die Natur?“ und stellen fest: „An vielen Stellen gehen Flächen verloren – und schlimmer noch: Bisher geschützte Vorranggebiete sollen zurückgenommen werden.“

Damit wertvolle Ressourcen geschont werden, wurden bisher im ERP Vorranggebiete ausgewiesen, die nicht bebaut werden sollen. „Es geht dabei um Vorrangflächen der lebenswichtigen Schutzgüter Boden, Wasser, Klima/Luft und Landwirtschaft“, erläutern die Naturschutzverbände.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

„Viele dieser wertvollen Flächen sollen nun im Vorschlag des ERP zurückgenommen und zur Erschließung freigegeben werden. Weitreichende negative Umweltauswirkungen sind zu erwarten, sollte diese Planung Realität werden“, kritisieren die Verbände. Es handele sich somit um einen Flächenverbrauch auf Kosten der Natur und der Umwelt. „Ein etwaiger Ausgleich für diese Eingriffe fehlt: Im Plan werden keine neuen Vorrangflächen für den Naturschutz, die Landwirtschaft und Wasserschutzzonen dargestellt“, monieren die Naturschützer weiter.

Die Verfolgung von Nachhaltigkeitszielen werde im ERP-Vorschlag zwar oft genannt, aber „nicht ernsthaft verfolgt“: Die Bundesregierung hat sich bis zum Jahr 2030 das Ziel gesetzt, den Flächenverbrauch um die Hälfte zu reduzieren, das heißt auf 30 Hektar pro Tag. Bis zum Jahr 2050 möchte man überhaupt keinen Flächenverbrauch mehr zulassen.

Nabu-Kreisvorsitzende Bettina Walter: „Davon ist die vorgelegte Planung nicht nur weit entfernt, sie beschäftigt sich nicht einmal ernsthaft mit der Zielsetzung.“

Eine „Torschlusspanik“?

Die Verbände stellen die Frage: „Leiden die Städte und Gemeinden des Kreises deshalb unter einer Torschlusspanik?“ Bensheim plane zum Beispiel, Wohn- und Gewerbegebiete von 31,6 Hektar auszuweisen. „Mit dem Flächenverbrauch verbaut sich Bensheim eine gute Frischluftversorgung. Dazu werden auch Flächen, die für die Wasserversorgung und die Biodiversität wichtig sind, zurückgenommen und zugebaut.“

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

Die Naturschutzverbände nennen Beispiele wie die Umsiedlungspläne des Bensheimer Unternehmens Sanner. Das sei zwar noch nicht genehmigt, aber zwischen Stadt und Firma bestehe bereits Konsens. „Dieser Flächenverbrauch zählt nicht zu den oben genannten Flächen dazu. Denn für die Erweiterung der Gewerbefläche des Stubenwaldes ist nicht einmal die Beteiligung der Regionalversammlung erforderlich und braucht deshalb nicht in den Planungen zu erscheinen“, so die Naturschutzverbände.

„Überdimensional“

Der ihrer Ansicht nach überdimensionale Flächenverbrauch in Bensheim durch Stubenwald I und II solle jetzt nochmals zusätzlich erweitert werden durch diese Pläne. Damit würden wichtige Korridore, die für die Biodiversität freizuhalten sind, unwiederbringlich zerstört.

Die Feldlerchenpopulation sei durch die Bebauung von Stubenwald II zugrunde gegangen und konnte sich bis jetzt nicht durch die Ausgleichsflächen erholen. Jetzt sollen „Stubenwald II erweitert und wichtige Korridore (Rest-Stubenwald) gestört und zugebaut“ werden. Dies sei abzulehnen.

Die geplanten begrünten Fassaden und die wenigen geplanten Sträucher könnten weder die Biodiversität, das heißt Habitate für Feldlerchen, noch die Rastplätze der Zugvögel in diesem Gebiet ersetzen.

Zwar lehne Lorsch diese Bensheimer Planung ab, wolle aber selbst weitere Flächenversiegelungen am „Sallengraben“ südlich der B 47 an der Grenze zu Bensheim. In Einhausen sei ein „Natura 2000“-Gebiet mit 3,9 Hektar Größe durch die Planung gefährdet. Auch zwischen Mörlenbach und Zotzenbach sei das der Fall. Dort gehe es um eine Fläche von 8,1 Hektar.

In Viernheim sei ein „Natura 2000“-Gebiet von 6,1 Hektar betroffen. In Hofheim sollen 12,6 Hektar verbraucht werden. „Hier werden Vorrangflächen für Wasser- und Bodenschutz zerstört“, so die Naturschutzverbände. Keinesfalls dürfen weitere Flächenversiegelungen der Vorranggebiete stattfinden. In den Vorranggebieten, die besondere Klimafunktionen beispielsweise als Frischluftschneisen haben und die für den Grundwasserschutz freigehalten werden, zeigten sich bereits aktuell Probleme.

Kritische Trinkwasserversorgung

Schon heute gebe es in einigen Gemeinden Probleme mit der Wasserversorgung. Je mehr Böden versiegelt sind, desto weniger Wasser gibt es. Das Wasser kann nicht versickern. Der Grundwasserspiegel sinkt. Mehr Menschen in Wohngebieten und mehr Industrie benötigen zudem mehr Wasser. Heppenheim habe erst vor wenigen Tagen in dieser Zeitung an seine Bürger appelliert, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen. Im Gegenzug dazu möchte Heppenheim weitere Gebiete durch Bebauung versiegeln, darunter sogar ein „Natura 2000“ -Gebiet und mit Lorsch zusammenwachsen. Insgesamt sollen in Heppenheim 12,2 Hektar verbraucht werden.

„Wo soll das Wasser für immer mehr Menschen und immer mehr Industrie herkommen, wenn die Grundwasserneubildung durch immer mehr Beton und Asphalt behindert wird?“, fragen die Umweltverbände.

„Flächenfraß“ wird abgelehnt

Im Kreis seien bereits fast 200 Hektar als Logistik- und Gewerbefläche vorgesehen: Groß-Rohrheim (19,3 Hektar), Bobstadt (26 Hektar), Bürstadt (13 Hektar), Lampertheim (83,7 Hektar), Bensheim und Lorsch (21,7 Hektar) und Heppenheim (29,9 Hektar) – also insgesamt 193,6 Hektar, rechnen die Verbände zusammen.

Die weitere Ausweisung von Flächen für den Wohnungsbau und Industrie und Logistik sei nicht zukunftsweisend. Diesen „Flächenfraß“ lehnten die Naturschutzverbände ab.

„Fläche ist eine der wichtigsten Ressourcen, die wir noch haben, wie am Beispiel Wasser gezeigt. Für fast alle hier vorgesehenen Baugebiete ist die Rücknahme der wertvollen Flächen vorgesehen. Durch die Kurzsichtigkeit von Planern und Politikern, die immer noch glauben, dass Fortschritt und Wirtschaftswachstum nur mit Flächenverbrauch möglich sind, ist langfristig ein wirtschaftlicher Schaden vorprogrammiert“, heißt es in der Erklärung der Naturschutzverbände abschließend: „Ökologische Leistungen übertreffen den vordergründigen Gewinn. Das sollte den Verantwortlichen im Kreis Bergstraße bewusst werden.“ red

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1