Bildung - Junge Talente befassen sich mit der Energiewende / MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik Bensheimer Schüler forschten in Hessens digitalem MINT-Labor

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Thomas Tritsch
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Henny Schimossek vom Alten Kurfürstlichen Gymnasium in Bensheim war eine der Teilnehmerinnen am Erfinderlabor. © Tritsch

Bergstraße. „Das Erfinderlabor hat sich in diesem Jahr selbst neu erfunden“, betont Thomas Eberle, der im Darmstädter Technologieunternehmen Merck für Bildungspartnerschaften zuständig ist. Denn erstmals seit der Premiere im Jahr 2005 hat das Zentrum für Chemie (ZFC) mit Sitz in Bensheim seinen einwöchigen Wissenschafts-Workshop in ein digitales Format übersetzt. Damit haben die Veranstalter den 16 Teilnehmern trotz Corona-Beschränkungen spannende Einblicke in aktuelle Forschungsgebiete ermöglicht. Kooperationspartner war diesmal das Institut für Materialwissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt.

Im Dialog mit den Profis

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Zum 30. Mal hatte das ZFC leistungsstarke Oberstufenschüler ausgewählt und eingeladen, um im Dialog mit den Profis wissenschaftliche Praxis und konkrete Unternehmensstrukturen kennenzulernen. Im „digitalen Labor“ setzten sich die Jugendlichen mit modernen Hochleistungsmaterialien auseinander, die auch im Kontext der Energiewende eine zentrale Rolle spielen. Unter anderem ging es um effiziente Speichermedien für erneuerbare Energien sowie um Oberflächenanalysen und Hochleistungsmagnete, wie sie auch im Bereich der Elektromobilität oder etwa in Windkraftgeneratoren zum Einsatz kommen.

Hintergrund

Die Teilnehmer des 30. Erfinderlabors wurden unter 178 Bewerbern aus 73 hessischen Schulen ausgewählt.

Seit dem Jahr 2004 entwickelt der gemeinnützige Verein in Kooperation mit Schulen, Hochschulen, Unternehmen und Ministerien Projekte, um über die Vermittlung einer naturwissenschaftlichen Grundkompetenz hinaus gesellschaftlich relevante Themen wie Klimaschutz, Energiewende und Ressourceneffizienz in den Unterricht der MINT-Fächer Chemie, Physik, Mathematik, Biologie und Informatik zu integrieren und mit klassischen Unterrichtsinhalten zu verzahnen.

Damit sollen fachliche Grundlagen für eine individuelle Meinungsbildung ermöglicht und Perspektiven für neue Berufsfelder konkret vermittelt werden.

Das Erfinderlabor ist Teil der ZFC-Initiative „Schule 3.0 – Zukunftstechnologien in den Unterricht“.

Ziel ist eine bessere berufliche Orientierung von Schülern im MINT-Umfeld mit den verzahnten Disziplinen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik durch eine Einbindung relevanter naturwissenschaftlich-technischer Themen in den Regelunterricht an den Schulen. tr

Die Jungforscher hatten vier Tage Zeit, um aus den verknüpften Einzelthemen jeweils ein maximal zehnminütiges Erklärvideo zu produzieren, das originell und verständlich in den Komplex einführen und darüber hinaus auch einen Beitrag zur Berufsorientierung leisten sollte – eine Herausforderung, die in allen vier Teams trotz des knappen Zeitplans gut bewältigt wurde, bilanziert ZFC-Vorstand Thomas Schneidermeier, Lehrer am Bensheimer Goethe-Gymnasium.

Die multimedialen Beiträge wurden trotz physischer Distanz und erschwerten Bedingungen sehr plastisch, einfallreich und knackig gestaltet. Das Feedback von Daniel Lingenhöhl, Chefredakteur des Magazins „Spektrum der Wissenschaft“, fiel dann auch durchweg positiv aus. Mehr als 400 Gäste, darunter zwischenzeitlich über 300 Schüler, erlebten jetzt bei der virtuellen Abschlusspräsentation beispielhaft, wie bildstark und praxisorientiert man anspruchsvolle wissenschaftliche Themen in den Schulunterricht integrieren kann.

Nach vorne schauen

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Ein Anspruch, den das ZFC seit Jahren mit konkreten Initiativen wie „Schule 3.0“ verfolgt. Zu Recht, wie Thomas Eberle ergänzt: „Wir dürfen uns nicht nur mit aktuellen Fragen beschäftigen. Wissenschaft und Forschung müssen immer auch nach vorn schauen, um sich den gesellschaftlichen Herausforderungen von morgen zu stellen.“

Talentierte und motivierte Jungforscher seien daher eine wertvolle Investition in die Zukunft des Wirtschafts- und Forschungsstandorts Deutschland. Gerade Herausforderungen wie die Abkehr von fossilen Ressourcen im Zuge des Klimawandels erforderten neue Technologien und kompetente Köpfe mit kreativen Ideen. „Nachhaltigkeit und Naturwissenschaften sind kein Widerspruch“, so Eberle im virtuellen Erfinderlabor-Studio.

Bedeutende deutsche Forscher

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Die große Politik unterstreicht das ausdrücklich. „Wir haben der Wissenschaft viel zu verdanken“, verwies der Bergsträßer Bundestagsabgeordnete Michael Meister (CDU) auf die Forschungserfolge in Zeiten der Pandemie. Verlässliche Testverfahren und sichere Impfstoffe seien das Ergebnis der Zusammenarbeit von exzellenten Naturwissenschaftlern. „Die Arbeit deutscher Forscher ist weltweit von Bedeutung“, so der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Meister plädierte dafür, dass man bereits bei Schülern die Faszination für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) fördern müsse, die „hoch relevant“ für die Welt von morgen seien.

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In Bezug auf die von seinem Ministerium ausgeschriebenen und geförderten MINT-Cluster für die außerschulische Bildung von Jugendlichen sagte Meister: „Es liegt auf der Hand, dass das ZFC und das Erfinderlabor in solche Netzwerke eingebunden werden müssen.“ Die ZFC-Initiative „Schule 3.0: Zukunftstechnologien in den Unterricht“ sei zukunftsweisend.

Berufliche Perspektiven

„Hier haben Schülerinnen und Schüler etwas gewagt, was deutlich über den schulischen Alltag hinausgeht“, kommentiert Petra Wicklandt, die beim Chemie- und Pharmaunternehmen Merck seit 2018 die neu geschaffene Einheit Corporate Affairs verantwortet. Leider habe die Pandemie den Besuch des Unternehmens vor Ort verhindert. Wicklandt, die das Unternehmen gegenüber Politik und Verbänden vertritt, lud die Jungforscher zu einem Praktikum bei Merck ein, wenn die Situation dies wieder zulasse.

Das Erfinderlabor bezeichnete sie als „bewährtes Format“, das auf besonders tief gehende Weise einen direkten Zugang zu aktuellen Forschungsthemen und beruflichen Sparten im MINT-Umfeld ermögliche. Auch die mehr als 350-jährige Unternehmensbiografie von Merck sei stets von innovativen und begeisterungsfähigen Naturwissenschaftlern flankiert gewesen.

Die Relevanz der Materialwissenschaften bei der Entwicklung innovativer Lösungen für die Umsetzung der Energiewende unterstrich Jens Schneider. Der Vizepräsident der TU Darmstadt spricht von einer Schlüsseldisziplin, die eine Vielzahl von Lösungen für technische und gesellschaftlich relevante Herausforderungen bereitstelle – vor allem für Zukunftstechnologien im Bereich Energie, Klima- und Umweltschutz sowie Mobilität und Gesundheit. Die Erkenntnisse der Materialwissenschaft ermöglichen die Herstellung technischer Werkstoffe mit neuen oder verbesserten Eigenschaften. Die Teilnehmer des Erfinderlabors haben sich mit der Materie ebenso neugierig wie methodisch souverän auseinandergesetzt – und so mancher hat dabei auch seine beruflichen Perspektiven ausgeleuchtet.

Frauen sind unterrepräsentiert

„Die abwechslungsreichen Vorträge haben mich dazu gebracht, die Materialwissenschaften als Studienfach in Betracht zu ziehen“, so Benjamin Kunkel vom Goethe-Gymnasium über eine ebenso anstrengende wie lehrreiche Woche. Für Henny Schimossek vom Alten Kurfürstlichen Gymnasium war der aktuelle Bezug der Themen besonders interessant und spannend, „aber auch komplex und umfassend“. Von den wissenschaftlichen Inhalten bis zur Produktion der Videos hatten die Teilnehmer wenig Zeit, um ihre neuen Erkenntnisse in eine audiovisuelle Form zu übersetzen.

Lambert Alff, Leiter des Instituts für Materialwissenschaft, animierte die jungen Leute, ihre Begeisterung für Naturwissenschaften beizubehalten und sich im technisch-wissenschaftlichen Umfeld weiter zu engagieren. Dass dabei besonders auch Frauen sehr gefragt sind, betonte Karsten McGovern. Der Leiter der Landesenergieagentur (LEA) Hessen sagte, dass weibliche Bewerberinnen im MINT-Spektrum nach wie vor unterrepräsentiert seien.

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