Landwirtschaftliche Woche - Die Traditionsveranstaltung findet diesmal online statt / Kreislandwirte klagen: „Wir können so viel wie noch nie und dürfen so wenig wie noch nie“ Bauern fühlen sich von der Politik verraten

Von 
Gerlinde Scharf
Lesedauer: 
Bauernproteste in Berlin am Dienstag. Die Landwirte setzen sich unter anderem für höhere Preise für Agrarprodukte und weniger Regulierung ein. © dpa

Bergstraße. Den südhessischen Bauern stinkt’s gewaltig: Sie fühlen sich von der Politik verraten, gegängelt und mit immer mehr Verordnungen und verschärften Beschränkungen benachteiligt – und obendrein von der Lebensmittelindustrie verschaukelt. Vor allem aber haben sie „mit der schwindenden Wertschätzung zu kämpfen“, wie es der Bergsträßer Kreislandwirt Sebastian Glaser auf den Punkt bringt.

„Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen“, beschrieb Nina ...

„Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen“, beschrieb Nina Buchholz-Flor von der Geschäftsleitung des Regionalbauernverbandes Starkenburg die „Nervenaufreibenden Monate“ für die südhessischen Landwirte zu Beginn der Corona-Pandemie. Spargel- und Erdbeerenten 2020 standen auf der Kippe, die Grenzen für Saisonarbeiter waren geschlossen. Schließendlich sei aber die Einreise per Flugzeug ermöglicht worden.

Für dieses Jahr habe die EU bislang keine Grenzkontrollen vorgesehen, so dass die Arbeiter aus Polen, Rumänien und der Ukraine mit Bus oder eigenem Pkw einreisen könnten. Vor dem Grenzübertritt seien eine Anmeldung und ein aktueller Corona-Test, im Anschluss Quarantäne- und die Einhaltung von Hygienemaßnahmen, die Unterbringung in Kleinstgruppen und die Arbeit in kleinen, festen Teams bindend. „Momentan bereitet uns die Situation etwas weniger Bauchschmerzen als 2020“, so Buchholz-Flor. gs

AdUnit urban-intext1

Glaser und vier weitere Kreislandwirte aus den Kreisen Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau, Odenwald und Offenbach sowie Vertreter des Regionalbauernverbandes Starkenburg redeten sich bei der Landwirtschaftlichen Woche Südhessen den Frust von der Seele: „Wir können soviel wie noch nie und dürfen so wenig wie noch nie. Die Bauern in unserer Region produzieren alles von der veganen Erdbeere bis zum Bio-Rindfleisch, vom Eiswein bis zur leckeren Milch. Wir ernähren den Veganer und den Fleischwustliebhaber.“

Existenzen sind gefährdet

Gleichzeitig schwinde der Mut zum Weitermachen und die Existenz vieler landwirtschaftlicher Betriebe sei gefährdet, weil man nicht rentabel arbeite, legte der Bergsträßer Kreislandwirt den Finger in die offene Wunde: „Dabei haben wir doch einen systemrelevanten Beruf, der für viele Berufung ist.“

Erstmals seit 25 Jahren findet die Traditionsveranstaltung corona-bedingt online mit wechselnden Seminaren statt. Zum Thema „Auf den Punkt gebracht – Landwirtschaft in Starkenburg“ – packten die Teilnehmer beim gegenseitigen Austausch eine Reihe von Aufregern auf den Tisch: Beginnend mit der neuen bundesweiten Düngeverordnung (Willi Billau, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Starkenburg: „Ein Ritt auf der Rasierklinge“), über Insektenschutz, einen ausufernden Flächenfraß durch Wohnbebauung, Straßenbau und Bahn zulasten von Ackerflächen bis hin zur fehlenden Anhörung bei der Erstellung von Bebauungsplänen, mangelnder Kommunikation mit dem Kreis beim Thema Stellenbesetzung/Ökomodellregion und Dumpingpreisen in der Milchwirtschaft.

AdUnit urban-intext2

Moderiert wurde der temperamentvolle Austausch der Bauernsprecher von Odenwald bis Ried von Willi Billau, der wie gewohnt kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es um die Interessen der Landwirte geht.

Vor allem der teils exzessive Flächenverbrauch im Starkenburger Raum – zuvorderst im Kreis Groß-Gerau und an der Bergstraße – zugunsten von Wohn- und Industriegebieten, Logistikunternehmen, neuen Umgebungsstraßen und dem Neubau der geplanten ICE-Strecke bereitet den Kreislandwirten Kopfzerbrechen. Die angebotenen Ausgleichsmaßnahmen der Kommunen für den Verlust der Felder seien wegen der erhöhten Bodenpreise oftmals „illusorisch“, hieß es. Gerade die Bergstraße als „Schnittregion“ und Ballungsraum zwischen Mannheim und Frankfurt sei bei Investoren besonders begehrt.

„Unsere Stimme hat kein Gewicht“

AdUnit urban-intext3

Kritisiert wurde weiter, dass die Bedenken der Landwirte im Naturschutzbeirat nicht gehört würden und man lediglich Empfehlungen abgeben könne. Billau: „Unsere Stimme hat kein Gewicht.“ Das Verhältnis zwischen Bauern, Unterer Naturschutzbehörde, BUND und NABU im Kreis Bergstraße bezeichnete der Verbandsvorsitzende gleichwohl als „ganz gut“.

AdUnit urban-intext4

Milchbauer Sebastian Rosskopf (Offenbach) sprach von einer „angespannten Grundversorgung“ der südhessischen Milchbauern. Durch die Dürresommer der vergangenen Jahre musste Futter zugekauft werden, die neuen gesetzlichen Auflagen „zugunsten von noch mehr Tierwohl“ seien für die Betriebe nicht zu stemmen, der Milchpreis stagniere seit zwei Jahren und die steigenden Futter- und Energiepreise führten zu finanziellen Einbußen.

Harsche Kritik richteten Rosskopf und Billau an die Adresse von Aldi. Der Discounter hat Anfang des Jahres „aus unerklärlichen Grünen den Butterpreis gesenkt, obwohl eine höhere Wertschätzung und eine Preisanhebung vereinbart war.“ Statt an einem Strick mit den Landwirten zu ziehen, hätten Molkereien dem Discounter vermutlich „ohne Not“ günstige Angebote unterbreitet, nannten die Bauernvertreter als Grund für den Affront.

Angst vor dem Wolf

Und auch der Wolf spielte bei der Online-Veranstaltung der Landwirtschaftlichen Woche eine Rolle: „Er ist zwar noch nicht da, aber wurde an der badischen und bayrischen Grenze gesehen.“ Der Odenwälder Kreislandwirt Hans Tumpfheller sprach von einer hohen „emotionalen Belastung“ für die Bauern, die um ihre Weidentierhaltung fürchten. Gerade Biobetriebe, die ihre Rinder, Schafe und Ziegen nicht einsperren, sie aber schützen wollen, seien „unter enormen Druck. Der Odenwald verliert sein Flair“, befürchtet Trumpfheller, der die Politik in der Verantwortung sieht. Der Sprecher aus dem Kreis Darmstadt-Dieburg fordert gar einen Wolf-Beauftragten durch das Land Hessen.

Freie Autorin Seit vielen Jahren "im Geschäft", zunächst als Redakteurin beim "Darmstädter Echo", dann als freie Mitarbeiterin beim Bergsträßer Anzeiger und Südhessen Morgen. Spezialgebiet: Gerichtsreportagen; ansonsten alles was in einer Lokalredaktion anfällt: Vereine, kulturelle Veranstaltungen, Porträts. Mich interessieren Menschen und wie sie "ticken", woher sie kommen, was sie erreiche haben - oder auch nicht-, wohin sie wollen, ihre Vorlieben, Erfolge, Misserfolge, Wünschte etc.