Coronavirus - Friseur Giuseppe Petrelli ist erleichtert, dass er seine Salons – unter anderem in Bensheim – bald wieder öffnen darf Bald können die Corona-Mähnen fallen, an ihrer Klage halten die Friseure aber fest

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Sina Roth
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Friseur Giuseppe Petrelli betreibt drei Salons, einen davon in Bensheim. Er ist erleichtert darüber, dass er bald wieder öffnen darf. © Dietmar Funck

Bergstraße. Ab dem 1. März dürfen sich auch in Hessen wieder Kunden im Friseursalon von ihrer Lockdown-Wuschelfrisur verabschieden und verwöhnen lassen. Zum Beispiel von Giuseppe Petrelli, Inhaber dreier Friseursalons in der Region – in Bensheim, Seeheim-Jugenheim und Darmstadt. Eine wirklich gute Nachricht, denn seit dem 16. Dezember 2020 sind die Schotten dicht. Doch einige Fragen sind noch offen – deswegen will Petrelli die Klage weiter verfolgen, die er beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel eingereicht hat.

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Seit Mitte der Woche steht sein Telefon nicht mehr still – und der Terminkalender ist für die ersten Wochen schon gut gefüllt. „Es wird zwar härtere Auflagen geben, allerdings werden sie nicht sehr viel anders sein als vor dem zweiten Lockdown“, berichtet der Friseur am Telefon.

„Der aktuelle Stand ist, dass es eine Zehn-Quadratmeter-Regelung pro Person geben soll. Das bedeutet für uns, dass wir auf 200 Quadratmetern entweder mit zehn Friseuren zehn Kunden bedienen können, oder zum Beispiel auch mit acht Friseuren zwölf Kunden. Und das ergibt auch Sinn und ist für uns gut umsetzbar.“

Für andere ein „Schlag ins Gesicht“

Klar, Petrelli ist erleichtert, dass es bald wieder losgehen kann. „Trotzdem ist es schade für viele andere Branchen. Für die Gastronomen oder die Boutique nebenan ist das natürlich ein Schlag ins Gesicht, dass wir öffnen dürfen – und sie nicht.“ Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erklärt den Schritt vor allem dadurch, dass man damit auch älteren Menschen entgegenkommen wolle, die beispielsweise Hilfe beim Haarewaschen brauchen. Sein bayerischer Amtskollege Markus Söder (CSU) hatte neben Aspekten der Hygiene auch solche der Würde für die Friseur-Sonderregel angeführt. Für Petrelli ist dieser Schritt vor allem die Bestätigung, dass die Friseure und deren Forderungen gehört wurden – auf der Basis von Zahlen und Fakten zum geringen Infektionsrisiko in Friseursalons.

Geringes Infektionsrisiko bestätigt

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Die Klagen, die er und seine Friseur-Kollegen eingereicht haben, laufen weiter. Dass diesen Weg bislang kaum einer beschritten hat, könne an der Struktur der Branche liegen: Die meisten der rund 80 000 Friseurbetriebe sind Kleinstunternehmen. Und denen fehlen gerade jetzt die finanziellen Mittel für einen Gerichtsprozess. Hier hat sich die Wild Beauty GmbH ins Spiel gebracht. Das Unternehmen der Familie Wild (ebenfalls Seeheim-Jugenheim) hat in Deutschland den Exklusiv-Vertrieb für die Haarpflegeprodukte der US-Marke Paul Mitchell und betreut mit 100 Mitarbeitern rund 5000 Salons. Das Unternehmen finanziert und begleitet die Klagen von Petrelli und einigen Kollegen.

„Wir sind gehört worden“

„Die Richter haben offensichtlich abgewartet, was auf Bund- und Länderebene entschieden wird. Deswegen rechnen wir damit, dass wir spätestens am Montag Ergebnisse bekommen“, erklärt er. „Für uns stellt sich bei all dem die Frage, warum wir nicht gleich öffnen dürfen. Und auch, wieso wir überhaupt schließen mussten, wenn wir jetzt die Ersten sind, die wieder öffnen dürfen.“ Petrelli sieht darin vor allem Bestätigung. „Das zeigt mir, dass wir gehört worden sind. Denn wir waren nicht nur laut in den vergangenen Wochen, sondern haben Fakten und Gutachten eingereicht, die klar besagen, dass es kaum Infektionen in unserem Bereich gibt.

Schwarzarbeit entgegenwirken

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In ganz Deutschland wurden bislang lediglich sieben Fälle von Corona-Infektionen von Friseuren bei der Berufsgenossenschaft gemeldet und anerkannt. Und das bei etwa 80 000 Friseurbetrieben mit rund 240 000 Beschäftigten und etwa 700 000 täglichen Kundenkontakten. Von Friseurbetrieben geht daher nachgewiesenermaßen keinerlei erhöhtes Infektionsrisiko aus, wenn sie die übrigen Hygienestandards der Corona-Verordnungen und der Berufsgenossenschaft einhalten“, betont Petrelli.

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„Erst ab Mittwoch konnten wir übrigens Überbrückungshilfen beantragen. Wir selbst konnten zwar Rücklagen schaffen. Doch kleinere Salons leiden extrem und müssen darum kämpfen, sich über Wasser halten zu können.“

Dabei denkt Petrelli vor allem an die Mitarbeiter und deren Familien, die auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen sind. Nicht verwunderlich also, dass einige Friseure in ihrer Not Anfragen annehmen und schwarz arbeiten. Und das, obwohl das Risiko einer Infektion im privaten Bereich sehr viel höher ist als in den Friseursalons, in denen alle Regeln beachtet werden.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf hat Petrelli vor allem eines besonders wütend gemacht – und zwar überall frisch frisierte und geschnitten Haare zu sehen. Vor allem im Fernsehen, aber auch im Supermarkt. „Bei solchen einrasierten Scheiteln geht mit wirklich die Hutschnur hoch. Mir kann keiner erzählen, dass plötzlich so viele Menschen einen Friseur in der Familie haben. Man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken.“

Sicherheitsabstand in der Krise

Viel mehr Sicherheit biete da der Friseurbesuch im dafür vorsehenen Salon. „Bei uns kommt keiner rein, der nicht auch seine Daten aufschreibt und einen Mundschutz trägt. Außerdem gibt es bei uns klare Kontrollen, wer wann kommt und geht. Wenn Frau Müller einen Termin ausmacht, dann muss sie ihre Daten angeben. Und wir achten auch darauf, dass zum Beispiel der Name des Kunden und die angegebene E-Mail Adresse zueinander passen, um zu vermeiden, dass jemand falsche Angaben macht. Unsere Mitarbeiter wurden entsprechend geschult.“ Wie vorgeschrieben werden die Daten dann zu Zwecken der Kontaktnachverfolgung für drei Wochen aufbewahrt.

Auch im Lockdown ist das Team nicht untätig gewesen, sondern hat noch weitere Maßnahmen getroffen, um das Infektionsrisiko auf ein Minimum zu reduzieren. „Von 24 Bedienungsplätzen haben wir jetzt nur noch zwölf, um den Sicherheitsabstand auszuweiten.“ Ein wichtiger Schritt, findet Petrelli, auch wenn dadurch Umsatz wegfalle, längere Öffnungszeiten und Sechs-Tage-Wochen anfallen. „Denn auch uns ist es wichtig, die Pandemie zu bekämpfen.“

Positiv sei auch, dass Kollegen verschiedener Salons inzwischen in vielerlei Hinsicht mehr zusammenarbeiten, sich austauschen und gemeinsame Sache machen. „Wir hatten neulich zum Beispiel eine lange Zoom-Schulung, in der es ums Haarefärben ging.“