Albtraum statt Traumreise

Lesedauer: 

Als Bordgeistlicher war der Pfarrer und christliche Liedermacher Clemens Bittlinger schon mehrfach auf hoher See. Diesmal war alles anders. Auch wenn er keine Trauerbegleitung zu leisten hatte – drei Infizierte starben nicht an Bord, sondern in australischen Krankenhäusern: Die Angst vor Corona bestimmte die Stimmung auf dem Kreuzfahrtschiff. Wir sprachen mit dem Rimbacher über Extremsituationen, den Umgang mit Ängsten und heilsamen Trost.

Newsletter-Anmeldung

AdUnit urban-intext1

Herr Bittlinger, als Pfarrer sind Sie ohnehin schon krisenerprobt. Vor welche Herausforderungen hat Sie die Arbeit als Bordgeistlicher auf der MS Artania gestellt?

Zur Person: Clemens Bittlinger

Der 60-jährige Clemens Bittlinger lebt mit seiner Familie in Rimbach. Er hat zwei erwachsene Kinder.

Als Lehrvikar arbeitete er in den Jahren von 1988 bis 1990 in der evangelischen Gemeinde in Rimbach.

Seit Anfang 2005 ist Bittlinger Referent für Mission und Ökumene im Evangelischen Dekanat Darmstadt-Land. Ein Schwerpunkt dieses Aufgabengebietes ist die kulturell-missionarische Arbeit und der interreligiöse Dialog.

Musikalisch ist er als Liedermacher in den Genres Deutschpop und Chanson unterwegs.

Bei seinen Konzerten hält er mit seiner Meinung zu aktuellen Themen nicht hinterm Berg. Seine Texte wenden sich gegen Homophobie und Islamophobie, greifen Friedens- und Umweltthemen auf.

Mit seinem Protestsong „Mensch, Benedikt“ löste er 2007 einen bundesweiten Eklat aus. Viele seiner modernen Gemeindelieder haben zum Teil in millionenfacher Auflage den Weg ins allgemeine Gemeindeliedgut gefunden. Mehr als 500 Lieder und veröffentlichte Werke sind bei der GEMA gelistet.

Sein Lied „Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn“ hat Kultstatus nicht nur in der christlichen Liederszene und landete 2005 in einer Coverversion von Sven Schumacher auf Platz 1 der Viva-Charts.

Bittlinger steht seit fast 40 Jahren auf der Bühne und gibt jährlich rund 100 Konzerte bundesweit.

Clemens Bittlinger: Die besondere Herausforderung diesmal war, dass relativ schnell klar war, dass die Reise – vier Wochen durch die Südsee – nicht so wie geplant stattfinden würde. Nach unserer Ankunft in Sydney erreichte uns eine Hiobsbotschaft nach der anderen: Alle Häfen, auch die Flughäfen, machten nach und nach dicht – und so stellten uns der Kreuzfahrtdirektor Klaus Gruschka und der Kapitän Morton Hansen vor die Alternative: „Ihr könnt entweder sofort wieder nach Hause fliegen, oder ihr begebt euch mit uns auf eine große, nie da gewesene Abenteuerreise: in 28 Tagen nonstop von Sydney nach Bremerhaven.“ Von den rund 1000 Passagieren und Künstlern entschieden sich rund 800 für dieses „Abenteuer“, zumal der Reiseveranstalter zugesichert hatte, dass alle bereits bezahlten Reisekosten komplett rückerstattet würden. So begann das Abenteuer ...

Am 13. März sollte das Schiff in Sydney ablegen, um durch die Südsee zu schippern. Corona war auch da bereits ein Thema. Warum haben Sie sich trotzdem zu der Reise entschieden? Haben Sie die Gefahr nicht realisiert?

AdUnit urban-intext2

Bittlinger: Ich war ja nicht zum Spaß an Bord der Artania, wenngleich Bordpfarrer eine sehr schöne Aufgabe sein kann, sondern ich bin bereits vor zwei Jahren von der Bordseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland beauftragt worden, diese Fahrt als Seelsorger zu begleiten. Ich habe mich jeden Tag erkundigt, sowohl bei der EKD als auch beim Reiseveranstalter, und die Auskunft war auch noch am Tag unseres Abfluges: „Einen sichereren Ort als solch ein Schiff gibt es kaum sonst auf der Welt. Es herrschen höchste Hygienemaßnahmen.“ Es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Weder wir, die Reisenden, noch der Reiseveranstalter hat zu diesem Zeitpunkt die Gefahr realisiert. Das ist sicher richtig. Niemand von uns hat solch eine Situation vorausgesehen. Das war sicher auch ein wenig blauäugig, aber hinterher ist man immer schlauer.

Ihnen wurde angeboten, das Schiff in Sydney wieder zu verlassen und sofort wieder nach Hause zu fliegen. Warum haben Sie das Angebot nicht angenommen?

AdUnit urban-intext3

Bittlinger: Für mich war klar, dass ich als Pfarrer an Bord bleiben musste. Es war ja nicht klar, wie sich das Ganze entwickelt. Und wenn es zur Krise kommt, brauchen die Menschen ja auch einen geistlichen und seelsorgerlichen Ansprechpartner. Außerdem dachte ich, dass in 28 Seetagen eine tolle Gemeinschaft entstehen kann. Ich gebe zu, dass mich die Aufgabe auch gereizt hat.

AdUnit urban-intext4

Tatsächliche Corona-Infektionen beendeten die Reise am 29. März im australischen Fremantle. Wie hat sich die Rückreise gestaltet?

Bittlinger: An dieser Stelle möchte ich ein großes Lob an das Krisenmanagement von Phoenix Reisen aussprechen, denn die haben wirklich alles gegeben, um uns in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt und der Deutschen Botschaft aus dieser misslichen Lage zu befreien. Nachdem wir drei Tage in unseren Kabinen mehr oder weniger „eingesperrt“ waren, wurden wir mit vier Flugzeugen von Fremantle über Phuket nach Frankfurt evakuiert. Bevor das geschah, hielt der Kapitän Morten Hansen noch eine bewegte Abschiedsrede. Sowohl bei ihm als auch beim Kreuzfahrtdirektor war deutlich zu spüren und herauszuhören, dass sie komplett am Ende ihrer Kräfte waren und immer wieder auch mit den Tränen rangen: Auch für sie war ein Traum zerbrochen. Es war wirklich dramatisch.

Wie gingen die australischen Behörden mit der Situation um?

Bittlinger: Die Passagiere wurden deckweise aufgerufen und sammelten sich mit dem gebührenden Abstand in der Atlantic Lounge. Die Stimmung war gereizt, die Leute wollten nur nach Hause. Nach drei Tagen Quarantäne in den Kabinen hatte auch niemand mehr Lust zu bleiben. Mit Mundschutzmasken durften wir dann in Gruppen zu jeweils 20 Personen das Schiff verlassen und wurden nach einer Passkontrolle durch die australischen Behörden mit fünf Bussen und Polizeieskorte zum Flughafen gebracht. Jeder durfte nur ein Handgepäck dabeihaben. Der Rest unseres Gepäckes befindet sich noch auf der Artania und wird wohl nicht vor Juni eintreffen.

Sie waren nicht nur für die Passagiere, sondern auch für 400 Crewmitglieder zuständig? Wie groß war die Angst bei den Mitarbeitern?

Bittlinger: Wie groß die Angst war, erlebte ich bei einem Gottesdienst für die Crew, die hauptsächlich aus Philippinos bestand. Wir waren auf dem Weg von Sydney nach Fremantle. Aus den selbst formulierten Fürbitten der Crew hörte ich eine tiefe Sehnsucht nach ihrer Heimat und ihren Familien und zum ersten Mal auf dieser Reise die blanke Angst vor dem Virus und seiner möglichen Verbreitung auf unserem Schiff. Das war einer der berührendsten und gleichzeitig beklemmendsten Momente an Bord.

Gab es Extremsituationen an Bord?

Bittlinger: Die gab es. In Fremantle angekommen, mussten wir im Hafenbecken vor Anker gehen. Ab diesem Zeitpunkt belagerten uns – das „Corona-Schiff“ – zahlreiche Boote, in denen sich die Paparazzi eingerichtet hatten. Wie die Aasgeier warteten sie. Über uns schwebte ein Hubschrauber und Drohnen umkreisten vor allem Deck 4, wo sich noch die meisten Passagiere aufhielten. Einer der Passagiere war so genervt von dieser paradoxen Situation, dass er sich dazu hinreißen ließ, an die Reling zu treten und den Fotografen den Stinkefinger zu zeigen. Am nächsten Tag war „der hässliche Nazi-Deutsche, der Stinkefinger zeigend das Corona-Virus in die Welt trägt“ der Aufmacher in der australischen Presse. Dieses Verhalten erschwerte die Verhandlungen mit den australischen Behörden und verzögerte unsere mögliche Rückführung wahrscheinlich erheblich. Der Kapitän hat sich in einer Bordansprache öffentlich über solch ein Verhalten eines Passagiers empört. Man beschloss, das Schiff mit einem großen Transparent zu schmücken, auf dem „Thank you Australia“ zu lesen war.

Sie mussten die Abschiedsandacht vor leeren Kulissen halten. Die wurde per Bordfernsehen in die Kabinen übertragen. Wie kann ein Pfarrer Menschen in so einer Situation Trost spenden und verzweifelte Menschen auffangen – und das auch noch auf Abstand?

Bittlinger: Die kraftvollen Bilder der Bibel, die wunderbaren Texte, wie zum Beispiel der Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“, tragen in sich schon so viel Trost und Zuversicht, dass ich bei solch einer Andacht diese Bilder und Gebete nur in die jeweilige Situation übersetzen muss und weiß, dass sie helfen. Ich habe mich beim Abschlussgottesdienst vor allem auf das Bild „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“ konzentriert. In Extremsituationen lernen wir diese Feinde in uns kennen: Angst, Wut, Jähzorn, Klaustrophobie, Resignation kommen ja hoch in solch einer Quarantäne. Und dann zu wissen und glauben zu dürfen: Ich bin nicht allein, das ist ein Geschenk.

Nach Ihrer Rückkehr mussten Sie in Quarantäne. Dabei sind zahlreiche krisengeprägte Lieder entstanden. Eines davon ist „Seltsam“ – ein Lied über eine zwiespältige Zeit. Was haben Sie aus ihr gelernt?

Bittlinger: Ich habe gelernt, wie wichtig in solchen Situationen ein funktionierendes Krisenmanagement ist. Als Bordseelsorger war meine Aufgabe vor allem die, die Passagiere in puncto Gelassenheit zu stärken und den Gerüchten und Halbwahrheiten, die auf solch einem Biotop sofort „gedeihen“, Einhalt zu gebieten. Wieder zuhause angekommen empfand ich die Stimmung als „seltsam“. Ich wundere mich, wie es möglich ist, ein Industrieland wie Deutschland komplett runterzufahren, ich wundere mich über die Entdeckung der Langsamkeit und darüber, dass viele Menschen mithelfen, Abstand zu halten und hoffentlich demnächst auch alle Masken zu tragen. Ich halte ein wenig die Luft an, was die Zukunft unserer Gesellschaft und die der Weltgemeinschaft angeht. Das Lied „Seltsam“ habe ich über die Osterfeiertage geschrieben und mit meinem Schweizer Keyboarder und meiner filmtechnisch versierten Familie aufgenommen und als Clip produziert. Das Wort und der Songtext beschreiben die Ambivalenz zwischen den Extremen „seltsam grausam“ und „seltsam heilsam“.

Sie haben während der Karwoche begonnen, jeden Tag eine Liederandacht auf Ihrem Youtube-Kanal zu veröffentlichen. Corona spielt dabei eine wichtige Rolle.

Bittlinger: Ja, immer wieder nehme ich darauf Bezug und frage danach, wie können uns die Lieder und auch die Erzählungen aus der Bibel helfen, mit der augenblicklichen Lage klarzukommen. Es ist gewissermaßen die Fortführung meiner Gottesdienste, die ich auch gerne an Bord der Artania weitergestaltet hätte.

Wie geht es mit den Andachten weiter?

Bittlinger: Die Liedandachten in der Karwoche wurden zu meiner eigenen Überraschung insgesamt über 50 000-mal angeklickt und viele haben mich gebeten, doch wenigstens jeden Sonntag solch eine Liederandacht ins Netz zu stellen. Ich werde dieser Bitte gerne nachkommen. Es wird bis auf Weiteres jeden Sonntag eine Liederandacht geben.